
stattweb-News Ausgabe 10, 2010-01![]()
Kleist: das Erdbeben in Chili:
Gewalt in Haiti? - Heinrich v.Kleist hat alles vorausgesehen
News-Beitrag auf stattweb.de vom 18.Januar 2010
Von Gewalttätiigkeit und Plünderung in dem Erdbebengebiet Haitis ist in den Nachrichten öfter die Rede. So, als sei das eben in dem Geibiet nicht anders zu erwarten. Ganz anders geht Heinrich von Kleist vor zweihundert Jahren die Frage an.![]()
Er wählte für seine Erzählung "Erdbeben von Chili" eine damals noch ferner gelegene, noch rätselhaftere Gegend: Chile- und umreißt den innersten Zusammenhang von aufgestauten gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen und der einbrechenden Gewalt der Natur selbst.![]()
In seiner gewohnten Art bricht er mit seiner Erzählung gleich in den ersten Sätzen den ruhigen Gang der Verhältnisse auf.![]()
"In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefähr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zärtlichen Einverständnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entrüstete ihn dergestalt, daß er sie in dem Karmeliterkloster unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte.![]()
Durch einen glücklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von neuem anzuknüpfen gewußt, und in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glückes gemacht. Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen, welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die unglückliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen auf den Stufen der Kathedrale niedersank.![]()
Dieser Vorfall machte außerordentliches Aufsehn; man brachte die junge Sünderin, ohne Rücksicht auf ihren Zustand, sogleich in ein Gefängnis, und kaum war sie aus den Wochen erstanden, als ihr schon, auf Befehl des Erzbischofs, der geschärfteste Prozeß gemacht ward. Man sprach in der Stadt mit einer so großen Erbitterung von diesem Skandal, und die Zungen fielen so scharf über das ganze Kloster her, in welchem er sich zugetragen hatte, daß weder die Fürbitte der Familie Asteron, noch auch der Wunsch der Äbtissin selbst, welche das junge Mädchen wegen ihres sonst untadelhaften Betragens liebgewonnen hatte, die Strenge, mit welcher das klösterliche Gesetz sie bedrohte, mildern konnte. Alles, was geschehen konnte, war, daß der Feuertod, zu dem sie verurteilt wurde, zur großen Entrüstung der Matronen und Jungfrauen von St. Jago, durch einen Machtspruch des Vizekönigs, in eine Enthauptung verwandelt ward."![]()
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1463&kapitel=1#gb_found![]()
Dann ein Doppelfurioso: der zum Tod Verurteilte flieht durch die brennenden Straßen Chiles- die zur Hinrichtungsstätte zu führende durch zusammenstüzende Kirchenruinen. Beide geraten auf eine Hochebene, treffen sich wieder in einer Stimmung mit anderen Geretteten- das Wüten der Natur ist vergessen , es trit heiliger Frieden ein unter dem blühenden Granatapfelbaum..Und alle anderen -reich oder arm, vornahme oder niedrig- finden sich in paradiesischer Einigkeit wieder.. Und alle Urteile gesellschaftlicher Verurteilung sind vergessen.![]()
Im Traumglück solcher Vergessenbereitschaft beschließen die Liebenden den Weg zurück zu nehmen und erwarten -vergeblich- Nachsicht auch in der Stadt.![]()
In der Predigt der einzigen stehengebliebenen Dominikanerkirche wird gehtzt gegen die Gottlosen -die beiden Täter selbst und jene, die sie billigten- die Gottes Zorn herabgerufen hätten. Ein Schuhmacher, der das hört, schwingt die Keule gegen das Paar und ihre Helfer. Ein Volksaufstand der Niedrigsten bringt es fertig, das Paar zu umringen und mit der Keule zu erschlagen. (Keule statt Schwert -bei Kleist immer das Zeichen des aufbrechend Unmenschlichen) ![]()
Wozu die Erinnerung im heutigen Zusammenhang? Was jetzt unveremidlich aufbricht: brutaler Zugriff auf knappe Waren, Gang-Herrschaft und Angstgier ist nichts als das Abgelagerte seit bald zweihundert Jahren- in einem Land, einer Stadt, die ohne Öl und ohne Taliban von den USA wie von allen anderen wohlhabenderen Staaten (außer Cuba) ihrem Elend überlassen worden war. Wie sollte da nur Friedseligkeit und heißer Dank für Empfangenes zu erwarten sein?![]()
Quelle: Gutenberg-Bücherei
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