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Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 57, 2004-06

Quarti, Adi:
Offenburg zwischen den Weltkriegen
Am Arsch der Welt: Eine ganz normale mittelbadische Kleinstadt 1919-1949

Im Universitätsverlag Konstanz ist soeben eine ausführliche Stadtchronik “Offenburg von 1919 – 1949. Zwischen Demokratie und Diktatur” erschienen, herausgegeben von Klaus Eisele und Joachim Scholtyseck. Verschiedene Autoren beleuchten aus unterschiedlichen Blickwinkel das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der damaligen Zeit. Einer ganz gewöhnlich benachteiligten Region im >>Grenznotland<<.

DIE ZEIT DER WEIMARER REPUBLIK

Am 8. Und 9. November 1918 kam es in Offenburg, wie auch in anderen Landesteilen, zu Demonstrationen aufständischer Soldaten und der Besetzung strategisch wichtiger Punkte wie Bahnhof, Banken und zur Stürmung des Gefängnisses. Arbeiter- und Soldatenräte in Offenburg, ein Witz? Keineswegs, die Chronik des Sozialdemokraten Georg Monsch berichtete von einer Versammlung von 7000 Soldaten, die am darauf folgenden Tag im Unionsaal stattfand. Der Legende nach konnte ein offenbar aus Kiel (von den dortigen sehr heftigen Ereignissen beeinflußter) aus dem Urlaub zurückgekehrter Soldat seine Kameraden zum Aufstand bewegen. Motor dieser Entwicklung sollte allerdings ein der USPD nahestehender und Herausgeber des Blattes >D’r alt Offenburger< , Adolf Geck werden. Geck war mit August Bebel befreundet und hatte es geschafft diesen alljährlich zu einer Versammlung in die Garnisionsstadt zu locken. Das Offenburger Bürgertum selbst, damals stark von Beamten geprägt, dürfte sich zu diesen Ereignissen im Gefolge des abdankens der Monarchie eher verunsichert als begeistert gezeigt haben. Zur Wahl der badischen Landesversammlung, der ersten wirklich freien Wahl, erreichte die USPD unter Geck lediglich 5,2 Prozent der abgegebenen Stimmen, das katholische Zentrum dagegen 44,6%, die Sozialdemokraten kamen auf 25,0% und die Liberalen auf 22,5 Prozent. Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht führte zu einer Welle von Unruhen in der ganzen Republik. “Georg Monsch berichtete beispielsweise Mitte März 1919 ausgerechnet über die “Revolution in Windschläg: Stürmgeläute, die Bauern mit Revolver, Dreschflegel etc. bewaffnet, stürmen das Auto des Kommunalverbandes, der Heu und sonstige Lebensmittel einfahrende beschlagnahmen will. Das Auto wird zerstört”. In der Kreisstadt selbst war man zu sehr mit Schiebereien beschäftigt um das alltägliche Leben zu organisieren, als das es größere Unruhen gab. Erst der reaktionäre Kapp-Putsch im März 1920 sorgte dafür, daß viele hundert Menschen dem Aufruf zu einem Generalstreik folgten und vor dem Amtshaus demonstrierten. Der Mord an Matthias Erzberger bei Bad Griesbach, der in rechten Kreisen als “Novemberverbrecher” und “Erfüllungspolitiker” galt, sorgte für Aufregung. Die ermittelnde Offenburger Staatsanwaltschaft konnte schnell Verbindungen zur ultrareaktionären “Organisation Consul” (OC) herstellen, die auch regionale Verbindungen habe. Die Justiz der Weimarer Republik erwies sich jedoch als stumpfer Zahn gegen den rechten Terror (einige Verdächtige konnten aufgrund von Indiskretionen, wohl aus der Münchener Justiz, nach Ungarn fliehen). Auch diese Tatsachen sorgten wieder für etwas Bewegung in Offenburg, wo bald wie in der Novemberrevolution wieder die rote Fahne auf dem Rathaus flatterte. Hyperinflation, die Besetzung Offenburgs durch die französischen Truppen als sogen. Brückenkopf wegen der verschleppten Reparationszahlungen, führten zu einer Lage die von Ernest Hemingway als “The Battle of Offenburg” bezeichnet wurde, der als Korrespondent einer kanadischen Zeitung aus Europa berichtete. Hemingways impressionistische Skizzen des gespenstisch verwaisten Offenburger Bahnhofs und die Schilderungen der Gespräche mit den dortigen Bewohnern, “die zwischen Stoizismus und Verzweiflung oszilliren, vermitteln auch heute noch einen Eindruck von der hoffnungslos erscheinenden Lage”. Allerdings erreichten die Unruhen nie das Ausmaß der Lahrer Verhälnisse, von wo die Offenburger Genossen unter dem KPD-Vorsitzenden Richard Bätz und seinem Bruder Alfred um “Waffenhilfe” ersucht wurden. Am Abend des 23. Oktober gelang es mehrere Dutzend Gewehre des Durbacher Militärvereins in Besitz zu bringen, zum Einsatz kamen die Waffen allerdings nicht, weil der erwartete Rechtsumsturz in Lahr ausblieb. Erinnert verdammt an die Nachkriegsgeschichte (na ja, einen später) des Verlegers Feltrinelli in Italien... Überhaupt die Lahrer (dort gab es große Arbeitslosenproteste und sogar Plünderungen)! Mosch erregte sich über die aus Lahr geflohene Kommunistin Frieda Unger: “Sie predigt Zerstörung, Aufhängung der Reichen, von Erstrebung einer kommunistischen Staatsform ist kein Wort zu hören. Sie will nur den Reichen alles nehmen und den Armen übertragen. Also Rollentausch. Wir wollen dass es bei Pflichterfüllung allen gut gehen soll”. Dieser Disput verdeutlicht sehr gut die Differenzen innerhalb der Linken in der Weimarer Republik. Die Antwort blieb nicht aus: Die unter immer wieder neuen Namen auftretenden “völkischen” Parteien, wie “Andreas-Hofer-Bund”, “Freischar Damm” oder “Wikingbund” wurden von Otto Wacker – der später im NS-Staat Karriere machte und Badischer Minister für Kultus, Unterricht und Justiz wurde – in die “Deutsche Partei” vereinigt, was später als offizielles Gründungsdatum der NSDAP gefeiert wurde, die in Baden nach dem Rathenaumord allerdings noch verboten war.

DER AUFSTIEG DER NAZIS UND DIE MACHTERGREIFUNG

Bereits zu den badischen Landtagswahlen 1929 erhielt die NSDAP in Kehl, der “Hochburg der Bewegung”, unglaubliche 32 Prozent der Stimmen. In Offenburg war die Lage weniger dramatisch: Mit knapp 8 Prozent erreichten die Nazis ein respektables Ergebnis, in Freiburg war ihr Stimmenanteil nur halb so hoch. Nicht ohne Bedeutung war in diesem Zusammenhang die berüchtigte “Dolchstoßlegende”, nach der Hitler glaubte die deutsche Arbeiterbewegung diskreditieren zu können: Jene “Feiglinge”, “Drückeberger”, “volksbetügerische Parteilumpen”, kurz jene “jüdisch-marxistischen Drahtzieher”, welche mitten im Krieg die sozialistische Revolution vorbereitet hätten und somit der um Existenz ringenden Nation in den Rücken gefallen seien.

Es gab in Offenburg zu Beginn des >>Dritten Reiches<< eine kleine, immerhin rund 300 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde, deren Zentrum die Synagoge in der Langestraße 52 war. Das historische Gebäude, das im 19. Jahrhundert eine Gastwirtschaft mit dem Namen >>Alter Salmen<< beherbergt hatte, war um die Jahrhundertwende in den Besitz der jüdischen Gemeinde gekommen. Obwohl antisemitische Tendenzen in der Stadt nie so recht fruchtbaren Boden fanden, wurde das Programm der Nazis mit all seinen furchtbaren Konsequenzen exekutiert. Laut Joachim Scholtyseck waren es gerade die “kleineren Städte mit ihren engen Gemeinschaften, in denen Denunziation grassierte. An der Kinzig ist die Denunziation vor allem im Zusammenhang mit der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden, und für den >>verbotenen Umgang mit Kriegsgefangenen<< nachgewiesen. Auf Anonymität wurde in entsprechenden Fällen bewusst kein Wert gelegt: Während des Weltkrieges konnten die Offenburger beispielsweise in der Tageszeitung nachlesen, welche 28-jährige Frau mit einem französischen Kriegsgefangenen eine Bekanntschaft geschlossen hatte und warum sie dafür von der Strafkammer II mit sechs Monaten Haft bestraft wurde. Ein Offenburger, der sich des >>Verbrechens gegen die Rundfunkverordnung<< schuldig gemacht und Auslandssender gehört hatte – beliebt waren vor allem die politischen Nachrichten des Schweizer Senders Beromünster – hatte keine Chance, ungesühnt davonzukommen, weil zehn Denunzianten gegen ihn aussagten. Er wurde zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt”. Solche historische Quellen sagen mehr aus über den Geisteszustand einer Epoche, als alle Diagnosen der Irrenärzte zusammen. Und die waren nicht faul (>>Aktion T 4<<)!

Aber: “Überschaut man das gesamte Ausmaß der Verfolgung und des Widerstands in Offenburg, so läßt sich feststellen, dass sich nicht nur alle Verfolgten- und Widerstandsgruppen auf der lokalen Ebene wieder finden, sondern dass auch die bekannten Formen, in denen sich Verfolgung und Widerstand äußerten, in Offenburg wie in einem Brennglas konzentriert sind. So gab es hier jene Minimalformen des partiellen Dissenses ebenso wie die illegale Fortführung der Parteiarbeit der alten politischen Linken, die sich in der Vervielfältigung und Verbreitung verbotener Zeitschriften und Flugblätter äußerte. Sie ist bei den Kommunisten in Offenburg etwa mit dem Namen Arthur Melhoses und weiterer rund dreißig Gesinnungsgenossen verbunden” (Michale Kißener). Der Stimmenanteil der KPD lag in Offenburg fast konstant bei etwa 10%.

Die >>Arisierung<< jüdischen Eigentums verlief wie im übrigen >>Reich<< in geordneten, sprich gierigen Bahnen: In einem Schreiben an das Badische Finanz- und Wirtschaftsministerium bekundete Ende 1938 die Lederfabrik Otto Walz KG, deren Beriebsführer Franz Walz bereits im Zuge der Gleichschaltung der Kommunen zum Ratsherrn in Offenburg ernannt worden war, Interesse an lohnenden Investitionen: “Dadurch, dass wir unseren Betrieb infolge Kontingentierung nicht voll ausnützen können haben wir Geld frei und würden evtl. einen zu arisierenden Berieb übernehmen, gleich welcher Branche; nur muss er die Krisenjahre überstanden haben und auch sonst gut sein. Wenn Sie uns etwas namhaft machen können, wären wir Ihnen dankbar. Heil Hitler” (Frank Gausmann, “Die wirtschaftliche Entwicklung Offenburgs im >>Dritten Reich<<”). Geiz war eben schon damals geil - und in der Ortenau wo man davon träumte, nach dem >>Anschluß<< Elsaß-Lothringens ans Reich, zu einer besseren Vorstadt Strasbourgs zu avancieren – sowieso! Natürlich wird auch die Geschichte des Senator Burda dokumentiert, der von den jüdischen Eigentümer der Mannheimer Druckerei Gebr. Bauer, Berthold, Ludwig und Karl Reiss Grundstück, Gebäude, Maschinenpark und Inventar übernahm und den ohnehin geringen Preis anfocht, um ihn nochmals zu drücken. Als Burda schließlich nach Kriegsende wegen seines Handelns die Beschlagnahme des eigenen Betriebs drohte, verstand er es allerdings, sich mit den ehemaligen Eigentümern gütlich zu einigen.

DIE BEFREIUNG

Ein ziemlich unrühmliches Kapitel zeichnen die letzten Tage der Nazis, die, sich selbst in den Schwarzwald flüchtend, Durchhalteparolen ausgaben und zu >>Wehrwolf-Aktivitäten<< aufriefen. Im Gegensatz zur Brücke von Remagen, welche zum D-day gesprengt werden sollte, dann aber doch intakt blieb, war von der Kinzigbrücke nichts mehr übrig. “Im November 1944 waren es vier Französinnen, die wegen Widerstandstätigkeit ihrer Männer nach über einjähriger Haft in Offenburg im Rammersweierer Wald ermordet wurden. Wenige Wochen später ereilte das gleiche Schicksal elf Männer aus Thann (Elsaß) im Rahmen einer Nacht und Nebel-Aktion, nachdem sie zuvor im Offenburger Gefängnis misshandelt worden waren. Ein Regelrechtes Massaker richteten SS-Einheiten an, die noch kurz vor Kriegsende in der Ihlenfeldkaserne 41 kranke Häftlinge ihrer SS-Baubrigade ermordeten” (Kißener). Offensichtlich waren die >>badischen Parteigenossen<< aus dem gleichen Holz geschnitzt wie anderswo.

Der Band enthält eine CD-ROM mit ausführlichen Texten, Bilder, Grafiken und Videomaterial zum Thema.

Klaus Eisele, Joachim Scholtyseck (Hg.), "Offenburg 1919 – 1949. Zwischen Demokratie und Diktatur". Universitätsverlag Konstanz 2004.



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