Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 33, 1997-09![]()
Kirchgeßner, Andreas:
Ö(edes) TV - Work in Progress - Steffi bleibt - 3. Oktober - Schöner verhaften
Zwischen der Stadt Lahr und der indonesischen Flugzeugfirma IPTN Europe laufen Wirtschaftsverhandlungen zwecks Ansiedlung auf dem Lahrer Flugplatzgelände. IPTN Europe will dort eine Verkaufsstelle für ein neuentwickeltes Turbo-Prop-Verkehrsflugzeug eröffnen. Es sollen dabei ca. 120 neue Arbeitsplätze entstehen.![]()
Mitte Juni wies der DGB-Ortenaukreis in einem offenen Brief an den Lahrer OB Dietz daraufhin, daß die Stadt dabei sei mit einem Land zu verhandeln, in dem die Meinungsfreiheit mit Füßen getreten wird und freie Gewerkschafter, die sich um die Lebensbedingungen ihrer Landsleute stark machen ins Gefängnis geworfen werden. Gleichzeitig wurde ein Schreiben von Amnesty International und eine Petition mit 200 Unterschriften, teil-weise aus französischen Gewerkschaftskreisen, beigelegt, die an den General-staatsanwalt Indonesiens geschickt wur-den und die Freilassung inhaftierter Ge-werkschafterInnen fordern. Diese Ausein-andersetzung muß dem Ortenauer ÖTV- Gewerkschaftssekretär Werner Bahr am Arsch vorbei gegangen sein. So wird in den Bildungsangeboten des 2. Halbjahres `97 eine Studiengruppenreise nach Indonesien angeboten. Dabei handelt es sich um eine ganz normale Touri-Reise, die mit Menschenrechtsdelegationen aber auch überhaupt nichts zu tun haben. So steht in den Reiseprospekten, die über die ÖTV zu erhalten sind, viel über reizvolle Insellandschaften und mannigfaltigen Kulturen, während die gesellschaftlichen Zustände und Auseinandersetzungen aus-geblendet bleiben.![]()
Die indonesischen Gewerkschaften fordern z.B. seit Jahren die Erhöhung staatlicher Mindestlöhne und den Rückzug der indonesischen Streitkräfte aus der Politik. Deshalb werden die dortigen GewerkschafterInnen von den indonesischen Behörden massiv verfolgt und bedroht.![]()
Der Stadtanzeiger, im Ortenaukreis in früheren Jahren eher bekannt durch positive Stellungnahmen bzgl. Flüchtlingen, scheint nun auch gleichgerichtet zu sein. Mit der reißerischen Überschrift, Anfang Juli: «Drogenumschlagsplatz Asylbewerberheim: Wieder Haftbefehl gegen 9 Männer erlassen. Rauschgift-Dezernat der Kripo atmet auf, wenn die Unterkunft Ende Oktober geschlossen wird.«, wurde die Kehler Sammelunterkunft als der Cofyshop der Ortenau dargestellt. In einem kleinen Abschnitt kon-nte allerdings die Wahrheit nicht unterschlagen werden: Der Oberdealer war ein Stuttgarter. Dazu gab´s einen Leserbrief von der SAGA, der aber nicht abgedruckt wurde. Er soll hiermit auszugsweise dokumentiert werden: «Wenn man bisher nicht sicher war, ob die Lagerunterbringung von Flüchtlingen rassistisches Stereotypendenken fördert, so ist dies spätestens seit dem 2. Juli für diejenigen klar, die im Stadtanzeiger den Artikel gelesen haben... .... Was nicht in dieses Stereotypendenken hineinpaßt, wird erst gar nicht wahrgenommen, z.B., daß der Rauschgifthandel nicht oder nicht hauptsächlich in Flüchtlingslagern, sondern an anderen Orten stattfindet, einzelne Flücht-linge allenfalls die letzten Glieder der Ket-te hierbei darstellen. Vielleicht zeigt die aggressive Haltung, die gegenüber Flücht-lingen in dem Artikel zutage kommt, daß zwar ein wie immer auch geartetes Schuldbewußtsein gegenüber Flüchtlingen existiert, daß dieses aber nicht zugelassen werden darf, da es in die Schwarz-Weiß-Malerei auch nicht hineinpaßt.![]()
Die Konsequenz dieses Denkens ist der durch die Lagerunterbringung und die Abschiebungen sowieso schon praktizierte Ausschluß der Rechtlosen aus der Gesellschaft.«![]()
Anfang August hatte sich nach Jahren zum 1. Mal wieder La Fura dels Baus in Freiburg angekündigt. Nach dem fulminanten Auftritt des katalanischen Theaterkollektivs 1991 war der Andrang riesengroß. Angekündigt war Work in Progress ´97, als digitales Theaterlabor, in dem die Videokamera zum 2. Auge werden sollte. Angekündigt war ein sich selbst verstärkender autozyklischer Prozeß, hervorgerufen durch die Verknüpfung per Video mit einer gleichzeitig in Barcelona stattfindenden Performance.![]()
Was geboten wurde war im Vergleich zu 1991 ein seichter Abklatsch. Aufgetreten waren auch nicht La Fura dels Baus, sondern eine Theatergruppe, die in Zusammenarbeit mit ihnen eine Choreographie erarbeitet hatten. Da Fura dels Baus derzeit eh in Kooperation mit Mercedes Benz steht, sozusagen für den Dialog zwischen Kunst und Kommerz, liegt eine Frage schon auf der Zunge: War das eine Lean-Production, Theater als Sozialabbau? Eines muß mensch ihnen aber lassen. Nach 45 Min. Performance hatten alle ZuschauerInnen genug Zeit sich darüber Gedanken zu machen.![]()
Am 22.7.1997 überreichte der Anwalt der evangelischen Stadtmission, Klaus Schroth, dem Anwalt der Stephanienstraße 60-64, besser bekannt unter dem Namen »Steffi«, die Kündigung.![]()
Diese Kündigung beinhaltete eine 6 wöchige Frist, nach deren Ablauf, also am 3. September, das Haus geräumt werden soll. Die Steffi wurde 1990 nach 12 Jahren Leerstand besetzt. Seitdem hat es sich nicht nur zum Wohnraum für ca. 60 Menschen entwickelt, sondern auch zu einem wichtigen politischen und kulturellen Treffpunkt in Karlsruhe und Umgebung. Steffi versteht sich aber auch in einem größeren Kontext: Häuserkampf ist, wenn auch nicht mehr das Thema Nr. 1 in der Linken, ein wichtiger Teil des politischen Widerstandes in der BRD.![]()
Nach wie vor ist es wichtig Räume zu haben, in denen es möglich ist, sich politisch zu betätigen, sich zu treffen, um dem allgegenwärtigen Konsumzwang zu entgehen, in denen es möglich ist, einen Teil seiner Utopie zu leben. Gerade jetzt, wo die staatliche Repression einen Rund-umschlag gegen die `Linke` veranstaltet und das politische und soziale Klima im-mer aggressiver wird, ist es unabdingbar, solche Freiräume zu verteidigen.![]()
Wie wichtig eine breite Mobilisierung der Kräfte wäre, zeigt Berlin mit seiner erschreckenden Räumungsbilanz. Saubermann Innensenator Schönbohm räumt lustig ein besetztes Haus nach dem anderen, und so gut wie nix passiert. Das ist nicht nur ein Metropolenproblem. Die Wagenburg in Stuttgart wurde vor kurzem brutal geräumt. Die KTS in Freiburg ist von der Räumung bedroht, genauso wie das AZ in Heidelberg. Auch der »Schluch« in Pforzheim kämpft um seinen Erhalt. Solche Meldungen sind schon fast Alltag geworden.![]()
Im Ländle soll aufgeräumt werden. Vordergründig sollen die Besitzverhältnisse wieder zurechtgerückt werden, das heißt, der evangelischen Stadtmission soll das Grundstück zurückgegeben werden, um ein `Betreutes-Wohn-Projekt` für alte Menschen zu bauen. Aber im Grunde geht es hier um eine politische Frage. Die Steffi paßt den Stadtvätern nicht. Sie wollen diesen rechtsfreien Raum ein für allemal von der Bildfläche verschwinden lassen. Die Forderung, die Stadt soll der Stadtmission doch ein Ersatzgelände zur Verfügung stellen, stieß auf taube Ohren. Ihnen ist nicht daran gelegen, in irgendeiner Weise eine Lösung zu finden, die den Erhalt ermöglichen könnte.![]()
Die Leute aus der Steffi sind nicht bereit, das Haus kampflos aufzugeben! Um das zu zeigen, wurde für den Samstag, dem 30.8.1997 zu einer bundesweiten UnterstützerInnen-Demo mit Livemusik und DJ's aus Karlsruhe aufgerufen. Nachwievor sind alle eingeladen, die BesetzerInnen bei weiteren Aktionen zu unterstützen. Nach dem Motto: Wer, wenn nicht wir! Wann, wen nicht jetzt!![]()
In Stuttgart finden am 3. Oktober die offiziellen Feiern zum sogenannten »Tag der deutschen Einheit« statt. An diesem Tag sind jede Menge Schaufensterreden und viel nationales Pathos über die erfolgte »Wiedervereinigung« der bei-den deutschen Staaten zu erwarten. Gegen diese Feier wird ein Bündnis vor allem linksradikaler Gruppen unter dem Motto: «3. Oktober ´97: Es gibt kein Grund zu feiern - Gegen Nationalismus und Sozialraub« in Stuttgart eine Gegendemonstration durchführen. Auf der 1. Antifaschistischen Sozialkonferenz (siehe SZ 31), durchgeführt vom DGB-Landesbezirk, VVN-BdA BAWÜ und der Antifa A-Quadrat, war dies im Frühjahr beschlossen worden. Auch wenn nun einige DGB-Kreise nicht an dieser Demo teilnehmen werden, so weit sind diese noch nicht, gibt es keinen Grund nicht massenhaft dorthin zu organisieren.![]()
Zum Abschluß noch. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bekommt ein neues Domozil. Gleich neben dem neuen Arbeitsamt. Ob das richtungsweisend wird?![]()
Scheiße schon wieder soviel Text, daß kaum noch Bilder reinpassen.
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