Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 53, 2003-05![]()
Hildisch, Eva:
Alteuropa und der wilde Westen
Phänomen deutsche Friedensbewegung
Geht es der Friedensbewegung hierzulande tatsächlich um den Frieden für ein von 30 Jahren Diktatur beherrschtes Land, dessen antisemitischer Despot Millionen Menschen töten ließ, oder vielmehr um eine generationenübergreifende Vergangenheitsbewältigung? Wenn die US-Bombardements ein Verbrechen sein sollen, wo bleibt die Kritik am faschistoiden Regime Saddam Husseins, dem Massen zum Opfer fielen?![]()
Unausgesprochen wird das irakische Folterregime zum Frieden umgelogen, indem erst das amerikanische Eingreifen als Krieg bezeichnet wird. Denn die Verhältnisse, unter denen die Iraker zu leiden hatten, wurden auf den Friedensdemos der vergangenen Wochen kaum angesprochen. Mit Sprüchen wie „Entamerikanisierung jetzt“ und „Sanktionen für die USA“ wird keine Kritik geübt, sondern lediglich der Hass der Deutschen auf ihre ehemaligen Besatzer in völkischem Jargon ausgedrückt. Auch die ständig auftauchenden Vergleiche mit dem Regime der Nazis, wie „ein Volk, ein Reich, ein Bush“ und „George W. Hitler“, relativieren die Verbrechen des Holocaust und versuchen zu vergleichen, was nicht zu vergleichen ist. Eine Solidarisierung mit der irakischen Bevölkerung soll darüber erfolgen, dass Deutschland den Krieg der Amerikaner kennt. Die Aussage, „dass der Bombenkrieg auf Dresden nichts gebracht hat“, gehört wohl nicht erst seit der Rede eines Attac-Sprechers auf der Demo im Februar zum deutschen Wissensschatz.![]()
Diese Friedensbewegung macht keinen Halt vor der revisionistischen Darstellung der für die Wehrmacht vernichtenden Schlacht gegen die Rote Armee in Stalingrad 1943, welche den Untergang des Nationalsozialismus bedeutete. Auf der Abschlusskundgebung am Tag X verlas eine regionale Theatergruppe Frontbriefe von Soldaten aus Stalingrad. Warum werden hier Wehrmachtssoldaten, die für Volk und Führer kämpften, durch diese Opferdarstellung höher bewertet als die Toten aus Auschwitz und Treblinka, von denen war nämlich an dieser Stelle nicht die Rede? Man könnte fast meinen, dass Amerika für diese Leute etwas Nazideutschland. Hätte denn das Deutsche Reich nicht von den Amis angegriffen werden sollen?![]()
In Aussagen, wie „Mehr Bildung für USBürger“ bekundet das selbst ernannte Volk der Dichter und Denker seine kulturelle Überlegenheit gegenüber dem vermeintlichen Kulturbanausen USA, dem dekadenten Erzfeind („Lieber Alteuropa, als Wilder Westen“). Weder ein Goethe, noch ein Schiller konnten den völkischen Mob davon abhalten 6 Millionen Juden zu vergasen.![]()
Alle sind erfreut über diese kollektive Absolution für die deutsche Geschichte. Die Deutschen können als Gemeinschaft der Geläuterten leben. Sich endlich nicht mehr für die Geschichte schämen müssen, die wie eine Erbschuld bleischwer und vermeintlich ungerechtfertigter Weise auf dem deutschen Gewissen lastet. Es geht lediglich um nationale Identifikation, um ein Zusammenwachsen aus Jahrzehnten des sich von den Alliierten als Volksseele Situation im Irak.![]()
Ebenso ist es erschreckend, welche bis dato nie erreichte Einigkeit zwischen Regierung und Bevölkerung auf einmal besteht. Das Feindbild ist klar und schweißt zusammen, der Sündenbock ist ausgemacht: Amerika. Die Kriege der deutschen Regierung, etwa die im Kosovo oder Afghanistan, sowie die Waffenlieferungen deutscher Firmen an den Irak interessieren keinen mehr und es ist aufgrund dieser breiten Zustimmung aus der Bevölkerung ein Leichtes für Rot-Grün, sich als internationale Friedensapostel zu verkaufen. Dass diese Regierung gleichzeitig jedoch für ein diplomatisch und militärisch eigenständiges Europa unter Führung von Deutschland-Frankreich plädiert, macht kaum jemanden stutzig. Der kalte Krieg ist vorbei, doch vielleicht wird hier gerade ein neuer beschworen. Seit Anfang des Jahres herrscht hier Friedensterror.
[Seitenanfang]

