Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 34, 1997-12![]()
Kirchgeßner, Andreas:
Faschisten im Internet
Während sich die AntifaschistInnen in der BRD die Köpfe heißreden, wie man Rechtsextremisten auf allen Ebenen zum Stehen bringen kann, wie es gelingt, den Neofaschisten keinen Platz auf unseren Straßen und damit keinen Raum für Propaganda, Haß und Volksverhetzung zu genehmigen, schlängelt sich eine, für vie-le noch kaum merkliche Gefahr heran, die schon morgen eine Kampagne der Rechten unbekannten Ausmaßes werden kann. Keinen Fußbreit den Faschisten auf unseren Straßen? Auf einer ganz großen, ganz wichtigen und fast unüberschaubaren Straße sind uns die Faschisten um einen ganz gehörigen Schritt voraus: Auf der Datenautobahn des weltweiten Internets.![]()
Warum sich gerade hier Rechtsextremisten aller Couleur einschleichen, oder besser gesagt mit Pauken und Trompeten einmarschieren, liegt faktisch auf der Hand. Die Gesetze in den USA, dem Hauptanbieterland im Internet, sind ohne Volksverhetzungsparagraphen. Rassismus steht nicht unter Strafe, also nicht einmal theoretisch. Von dort kommen Nachrichten von längst totgeglaubten Or-ganisationen wie dem KU-KLUX-KLAN in bester Grafikmanier und Fotos vom brennenden Kreuz.![]()
Schon vor vielen Jahren deutete sich an, daß Neonazis im Umgang mit den neuen Medien nicht nur schneller, sondern vor allem konzentrierter und organisierter umgingen. Als die ersten Mailboxen ans Netz gingen, waren die Faschos ganz schnell dabei. Mit komplizierten Schlüsselworten ließen sich ihre konspirativen Treffen hervorragend koordinieren. Und trotzdem fanden technikbegeisterte Jugendliche sofort zu ihnen, was schließlich auch gewollt war. Das, was die Linke ihnen entgegensetzte, war mehr als bescheiden, und das ist bis heute in weiten Teilen so geblieben.![]()
Ob es dann die vieldiskutierte «Techno-logiefeindlichkeit» der Linken oder schlichtweg die Nichterkenntnis von drohenden und bestehenden Gefahren ist, die viele in Lethargie verfallen läßt, wer weiß. Wir bekämpfen den Rechtsradikalismus in allen Erscheinungsformen, als Rassismus, Militarismus und Geschichtsrevisionismus. Wo immer sich Faschisten treffen, wir sind da und verursachen Öffentlichkeit. Wird im Bahnhofskiosk die Nationalzeitung verkauft, stehen wir davor und protestieren. Das alles ist gut und richtig und wichtig.![]()
Aber es ist angesichts der multimedialen Überlegenheit der Neonazis nicht mehr genug. AntifaschistInnen in der BRD müssen sich zusammenschließen und sich mit diesem Medium auseinandersetzen, wollen sie nicht eines Tages als die Verlierer in der Schlacht um Agitation und Meinungsbildung dastehen.![]()
Das Thulenetz![]()
Das Thulenetz ist Deutschlands wichtigstes Neonazi-Computernetz. Zu ihm gehören 11 Mailboxen in der BRD und 3 weitere in Kanada, Österreich und in den Niederlanden. Seit Juli 1996 gibt es eine Plattform des Thulenetzes im Internet. Die Gründung dieses Thulenetzes lief über den Nationalen Hochschulbund. Die Webseiten (you know: www = World Wide Web) liegen auf einem Server in Toronto (Kanada). Es handelt sich um das bislang umfangreichste deutsche Neonazi-Forum im Internet. Im Thulenetz ist die gesamte rechtsextremistische Sze-ne präsent: von der NPD über die Deutsche Volksunion (DVU), den Republikanern bis zu «Hilfsorganisationen für nationale politische Gefangene» (HNG). Auch mischen hier Funktionäre von verbotenen Organisationen wie der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) oder der «Deutschen Alternative» mit. Kopf des Netzes ist der Betreiber der «Widerstand BBS», der ehemalige Informatikstudent Thomas Hetzer.![]()
Die Szene tauscht via Datennetz Informationen aus, koordiniert deutschlandweit ihre politischen Aktionen und verbreitet rechtsextremistische Online-Zeitschriften. Adressen und die Lebensumstände ihrer politischen Gegner können abgerufen werden. Hier agiert die Anti-Antifa. Nur ein Teil des Nazi-Netzes ist öffentlich zugänglich. Die Führungs-ebene diskutiert in abgeschotteten Bereichen. Den «Eintritt» in bestimmte Dateien gibt es nur mit Paßwort. Diejenigen, die dort «eintreten» werden überprüft. Sollte die Überprüfung herausfinden, daß diejenigen keine «Erlaubnis» hatten, besteht die Möglichkeit, daß dann Besuch vorbei kommt. Das Ziel des Thulenetzes: die Verfestigung von Kontakten «nation-aler» Gruppierungen. Selbst der nord-rhein-westfälische Verfassungsschutz warnt vor dem Thule-Netz: «Die fehlen-den Strukturen der Neonazi-Szene wer-den durch die fast lückenlose informelle Vernetzung ihrer führenden Aktivisten wettgemacht.»![]()
Eine weitere Zielsetzung ist: die rechten Parolen sollen auf intellektuelle Art und Weise bei der Bevölkerung gesellschaftsfähig gemacht werden. Was ist Thule überhaupt? 1918 wurde die Thule-Gesellschaft vom Freiherren Graf zu Sebottendorf als eingetragener Verein zur Fortführung germanischer Ideologien, wie dem Rassenkult, gegründet. Eine Unteror-ganisation der Gesellschaft und Vorläufer der NSDAP war die DAP, mit Mitgliedern wie Rudolf Heß und Adolf Hitler. Damals das gleiche Ziel: Die arische Rassenideologie unters «gemeine Volk» zu bringen. Übrigens: der Begründer der Anthroposophie - Rudolf Steiner war auch Mitglied in der Thule-Gesellschaft.![]()
Auf den Thule-Internet-Seiten wird beispielsweise gegen den «offenen Terror» der alliierten Kriegsmächte gewettert, der zur «Erlangung der Schuldsprüche» bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen geführt habe. Das «Weltjudentum», die «Völkervermischung» und die «kri-minellen Ausländer» werden angepran-gert. Dort wird für einen Aufkleber mit der Aufschrift «Rasse ist Klasse» gewor-ben etc...![]()
Wir sehen, es gibt viel zu tun. Es hat sich auch auf dem Internet von linker Seite schon etwas getan: einmal finden wir dort die «Bibliothek Rassismus», sie informiert über die rechten Gruppierungen und deren Vernetzung. Die Internet-Adresse: nadeshda.org nadeshda.htm. Die andere Internet-Adresse lautet: www.nadir.org. Dies ist ein Informationssystem zu linker Politik und sozialen Bewegungen. Hieran beteiligen sich sehr viele Gruppen aus dem linken Spektrum.![]()
Quellen:![]()
- Broschüre «Faschisten im Internet» von der Kreisvereinigung Nürnberg der VVN-Bund der AntifaschistInnen, Spittlertormauer 7, 90402 Nürnberg![]()
- Computerzeitschrift «CHIP», Ausgabe März 3/97![]()
- Workshop »Neue Medien und die Neue Rechte - Cybernazis im Internet« in Wald-kirch am 15.11.97


