Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 35, 1998-04![]()
Güde, Fritz:
150 Jahre Manifest / 80 Jahre Oktoberrevolution
Ein Gespenst geht um» - so sah es Marx vor 150 Jahren,![]()
als das MANIFEST zu allererst in London erschien.![]()
Gespenst: das reicht schon lange nicht mehr. Tot muß er sein,![]()
der Kommunismus, tot!tot! tot!!! - Dieser Tote steht angenagelt am Mastbaum![]()
des Schlachtschiffs EUROPA.![]()
Wer sind aber die, die ihn umringen und ihm den Nagel durch die Stirn![]()
treiben, immer wieder, Nacht für Nacht?![]()
Es sind die Anbeter des Bestehenden. Des nur noch Bestehenden. Indem![]()
sie das Tote süchtig und unersättlich totschlagen, verschaffen![]()
sie sich den Schein von Leben. Sie erkaufen sich Frist und Dauer. Nur daß![]()
ihre Zeit von der des Toten genommen ist. So werden sie ihn niemals los.![]()
Rechtzeitig zum Jubiläum erschien in Frankreich das »Schwarzbuch«![]()
des Kommunismus - herausgegeben von Stéphane Courtois, der gleich![]()
ein Vorwort mitlieferte, das die mühsame Überprüfung der![]()
gelieferten Statistiken erspart. Kommunismus: Eine einzige Verbrecher-![]()
und Verbrechensgeschichte.![]()
Schirrmacher gibt die Nutzanwendung - im Leitartikel der FAZ:![]()
- Das kommunistische Unternehmen ist bankrott, und weil Ideengeschichte![]()
- immer auch schlechte Betriebswirtschaftsgeschichte ist, die ihre Bilanzen![]()
- erst nach dem Konkurs schreibt, haben die Autoren eine Art - Generalinventur![]()
auf dem verlassenen Schlachtfeld durchgeführt. Dabei - sind sie in![]()
den Archiven immer wieder auf den wohl geschicktesten - Bilanzfälschungstrick![]()
der kommunistischen Bewußtseinsindustrie - gestoßen... Nicht![]()
der faktische - Zusammenbruch des kom-munistischen - Wirtschafts- und Staatssystems![]()
hat die westlichen - Intellektuellen bis heute - sprachlos gemacht, sondern![]()
die erwiesene Illegitimität ihres -geschichtspolitischen Romantizismus.![]()
Schirrmacher hält Inventur mit dem Maschinengewehr und verrechnet![]()
den Wahrheitsgehalt an der Börse der Waffenschmiede. Er verwendet![]()
die Methoden der fortgeschrittensten Kriegsökonomie. Allerdings schlägt![]()
er tot, was er und seinesgleichen seit zwanzig Jahren für tot erklärten.![]()
Das immerhin scheint unökonomisch. Jeder, der heute fünfunddreißig![]()
oder vierzig ist, hat seit den ersten Leseaugenblicken mitbe-![]()
kommen: MARX IST TOT. Das Heimatland des »SCHWARZBUCHS«![]()
war und ist auch das Mistbeet jener Gewächse, die seit den siebziger![]()
Jahren ihre Mutation von der Tomate zur Schwarzwurzel vermarkten: den »Neuen![]()
Philosophen«. Mit Glucksmann als Vorzeigezüchtung.![]()
Kaum hatte er Solschenizyns »Archipel Gulag« durch, in![]()
welchem alles ungefähr so wahr und falsch sich findet wie jetzt im![]()
SCHWARZBUCH, da entdeckte er über-all GULAG: - Atomrüstung, NATO,![]()
Polizeiaktionen und Krieg - alles war ab dann sittlich geboten, wenn es![]()
nur schadete - den Kommunisten.![]()
Warum dann heute schon wieder und immer noch die hektische Umschau![]()
nach dem Nagel in die Stirn des Kadavers?![]()
Kann es denn gar nicht zur Ruhe gebracht werden, das Gespenst, von![]()
den ängstlichen Träumern auf den Kissen voll Siegerlorbeer? Etwas![]()
muß pieksen ... durch alle Matratzen hindurch.![]()
Was das aber ist, dieses Bohrende und Stechende, das findet sich eben![]()
bei Solschenizyn, der lange vor GULAG eine kleine Erzählung schrieb![]()
mit dem Titel »Ein Tag aus dem Leben des Iwan Denissowitsch«.![]()
Der Autor, als Theoretiker hoffnungslos verquollen, beschreibt als Beobachter![]()
das Lagerleben genau und unbeirrt.![]()
Georg Lukacs, der den Weg des Kommunismus seit 1917 mitgegangen ist,![]()
erkannte in dieser Erzählung sein Zeitalter in der Nußschale.![]()
Die Gefangenen, die im unwirtlichsten Sibirien ihr eigenes Gefängnis![]()
aus eigener Kraft errichten, müssen mit dem letzten ersterbenden Atem![]()
noch darum kämpfen, das wieder in die Hand zu bekommen, was - als![]()
ihr Produkt - ausschließlich gegen sie verwendet wurde.![]()
Wir befinden uns in einem Konzentrationslager: jeder Bissen Brot, jeder![]()
Fetzen, jeder Brocken aus Stein oder Metall, der als Werkzeug benutzt werden![]()
kann, dient der Verlängerung des Lebens. Jeder Gesichtsausdruck und![]()
jede Geste eines Vorgesetzten erfordert eine sofortige spezifische Reaktion,![]()
deren Unrichtigkeit ebenfalls ernste Gefahren heraufbeschwören kann;![]()
andererseits gibt es Situationen, bei der Austeilung der Mahlzeiten zum![]()
Beispiel, in denen richtig angewandte Entschiedenheit zu einer Doppelportion![]()
füh-![]()
ren kann. Die atemberaubende Enge des Lageralltags, seine stets von![]()
Gefahren umwitterte Monotonie wird sichtbar in den nie stillstehenden kapillaren![]()
Bewegungen , die dazu dienen, das nackte Leben zu erhalten. Hier ist jedes![]()
Detail eine Alternative von Rettung oder Untergang. Jeder Gegenstand ein![]()
Auslöser von heilsamen oder verderblichen Geschicken.![]()
Noch im Zentrum der Unterdrückung kann der Kampf niemals aufhören,![]()
von dem Marx und Engels vor 150 Jahren gesprochen haben. Der darum, das![]()
zurückzugewinnen, was wir selbst produzieren, und das als Raub, in![]()
fremder Hand, zur Waffe gegen uns selber wird.![]()
Um diese Notwendigkeit wegzudrängen, darum schlagen Schirrmacher![]()
und Courtois auf das angeblich schon lange Totgeschlagene ein, von dem![]()
sie doch dunkel ahnen, daß es in uns allen erst mit dem Lebenswillen![]()
selbst hinschwinden wird. Denn wenn es in der Finsternis der sibirischen![]()
Lager nicht abstarb, wie soll es dann überhaupt jemals untergehn?![]()
Es kann keine Rede davon sein, die Augen vor den Leiden der Welt zu![]()
schließen. Das tun eben die, die sie als abgetan Marx und Lenin mit![]()
in die Särge packen, bevor es ans Zunageln geht. »Der Wolf ist![]()
tot, der Wolf ist tot...»![]()
Tanzt ruhig, ihr Geißlein am Brunnenrand! Das Leiden wuchs und![]()
wächst inzwischen bis zum Himmel. Es konnte mit keiner Methode, in![]()
keinem System mit einem präsidialen Ruck beseitigt werden. Die Methode![]()
des Marxismus traf die Welt ins Herz und konnte doch den Takt seines Schlags![]()
bis heute nicht ändern. Es gab bis jetzt allenfalls Versuche, das![]()
Elend ins Auge zu fassen, es anzugehen, es auf sich zu nehmen. Einer davon![]()
begann im Oktober 1917.![]()
Wie all die vorangegangenen ist uns der damalige Versuch der Bolschewiki![]()
genau wie der der Commune 1871 - als Material überliefert - Material![]()
der Untersuchung und der Erkenntnis. Die Revolution braucht Vorkämpfer,![]()
aber keine Vormacher und kei-ne Modellbauer.![]()
Das MANIFEST! In diesem Sinn gilt es, das kleine Heftlein neu durchzustudieren![]()
- im Licht der gegenwärtigen Erfahrungen. Es wird auch noch aufs dritte![]()
Jahrtausend sein unerbittliches Licht werfen.
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