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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 63, 2005-11

Althoff, Jan Peter:
„Prügelkinde der deutschen Nation“
Der Deutsche Fußball-Bund arbeitet seine Rolle im Nazismus auf – und greift dabei auf den Namen des früheren Nationalspielers Julius Hirsch aus Achern zurück

Es gibt nicht viel, was eine badische Provinzstadt wie Achern zu bieten hat. Wollen Einheimische ihren Besuchern von außerhalb das Städtchen schmackhaft machen, so finden sie wenig, worauf sich zu verweisen lohnt. Ein kleines Kirchlein in der Stadtmitte, ob seines Alters für erwähnenswert befunden, oder der nahe gelegene Schwarzwald werden wohl zuerst genannt. Die Mutigen erwähnen, dass die Großeltern Bert Brechts in Achern lebten und der junge Brecht sich bisweilen dort aufhielt. Es dürfte aber den wenigsten Achernern bekannt sein, dass ein früherer Fußball-Nationalspieler hier geboren wurde – und wenn es ihnen bekannt sein sollte, so schließen sie sich dem allgemeinen Schweigen an, das über dieses Thema gelegt zu sein scheint.

Der Acherner Julius Hirsch, Jahrgang 1892, hatte beim Karlsruher FV mit dem Fußballspielen begonnen. 1910 wurde er dort deutscher Meister – was ihm 1914 erneut gelang, diesmal mit der SpVgg Fürth, zu der er 1913 gewechselt war. 1919 kehrte er nach Karlsruhe zurück. Hirsch absolvierte insgesamt sieben Spiele für die Nationalmannschaft und schoss dabei vier Tore. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Politisch konservativ eingestellt, konnte er sich lange nicht vorstellen, dass er als kaisertreuer Frontsoldat des Ersten Weltkriegs in Gefahr stehen konnte, von der Vernichtungsmaschinerie des Nazismus erfasst zu werden.

Der Name Julius „Juller“ Hirsch war der Fußball-Öffentlichkeit wohlbekannt. Mit dem Nationalspieler Gottfried Fuchs, der bis heute mit zehn Toren innerhalb eines Nationalspiels einen (wohl uneinholbaren) Rekord hält, hatte er drei Dinge gemein: beide spielten beim Karlsruher FV, beide waren berühmt – und beide waren Juden. Schon 1933, unmittelbar nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, schlossen die deutschen Sportvereine – in vorauseilendem Gehorsam oder aus antisemitischer Überzeugung – ihre jüdischen Mitglieder aus. Hirsch reagierte darauf mit einem Brief an den Karlsruher FV, in dem er (sich selbst im Blick) auf eine „nationale“ Haltung vieler Juden verwies:

„Ich lese heute im Sportbericht Stuttgart, dass die großen Vereine, darunter auch der KFV, einen Entschluss gefasst haben, dass die Juden aus den Sportvereinen zu entfernen seien. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV, dem ich seit 1902 angehöre, meinen Austritt anzeigen. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass es in dem heute so gehassten Prügelkinde der deutschen Nation auch anständige Menschen und vielleicht noch viel mehr national denkende und auch durch die Tat bewiesene und durch das Herzblut vergossene deutsche Juden gibt.“

Gerhard Fuchs floh angesichts des immer stärker um sich greifenden Antisemitismus 1937 nach Kanada, wo er 1972 starb. Julius Hirsch blieb in Deutschland, wo er unmittelbar erlebte, wie er und Fuchs aus der Fußballgeschichte gestrichen werden sollten. Als 1939 vom Verlag des „kicker“ ein großes Album mit Sammelbildern über den deutschen Fußball und seine großen Spieler herausgegeben wurde, fehlten beider Namen. Der Sportverlag folgte hier offenbar der Ordner aus dem Propagandaministerium, alles Jüdische sei aus Annalen und Statistiken zu entfernen. Für Hirsch bestand zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mehr die Möglichkeit, das Land zu verlassen.Am 1. März 1943 wurde Hirsch nach Auschwitz deportiert. Man ermordete ihn dort noch im gleichen Jahr, der genaue Zeitpunkt und die Todesumstände sind nicht bekannt.

Die Aufarbeitung der Geschichte des Nazismus in Deutschland kam spät und erfolgte in den allermeisten Fällen unwillig und zögernd – diese Erkenntnis ist nicht neu. Der Deutsche Fußballbund (DFB) ist hier ein besonders negatives Beispiel: er nimmt heute erst seine eigene Vergangenheit in den Blick. Lange meinte man, sich hinter der Maske des vermeintlich nichtpolitischen Sports verstecken zu können. Nun wird man dem DFB zwar weder die Ermordung und Vertreibung zweier seiner Nationalspieler noch das Verhalten des Kicker-Verlags vorwerfen können. Vorwerfen konnte man dem DFB aber beispielsweise mangelnde Sensibilität, als er 1988 in einem von ihm verantworteten Reprint des Kicker-Bilderwerks von 1939 die Namen der beiden jüdischen Nationalspieler Hirsch und Fuchs erneut ausblendete. Dieses mangelnde Bewusstsein für die Vergangenheit des deutschen Fußballs, das sich auch an vielen anderen Beispielen der vergangenen Jahrzehnte aufzeigen lässt, führte in Medien und Öffentlichkeit wiederholt zu Kritik. Vor drei Jahren beauftragte der Fußball-Verband deshalb den Mainzer Historiker Nils Havemann, eine umfassende Studie zur Geschichte des DFB während des Nazismus auszuarbeiten. Dessen Studie, die in diesem Jahr mit dem Titel „Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“ im Campus-Verlag erschienen ist, unterstreicht die Verwicklung vieler Funktionäre des DFB und seiner Sportvereine in Nazismus und Antisemitismus, ohne aber den DFB als ganzen als antisemitisch oder militaristisch zu bezeichnen. Er konstatiert für große Teile des DFB einen „Konkurrenzantisemitismus“, der viele Funktionäre zu Opportunisten werden ließ – und andere durch politische Denunziation und antisemitische Hetze selbst zu aktiven Trägern des nazistischen Systems machte. Fußball war zum Werkzeug des Nazismus geworden, verwickelt in System und Ideologie.

Zeitgleich mit dem Erscheinen dieser Studie stiftete der DFB in diesem Jahr einen „Julius-Hirsch-Preis“, um „Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit“ zu fördern. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis soll im Dezember erstmals verliehen werden. Damit erinnert der DFB heute an den früheren Nationalspieler, dessen Lebensgeschichte man noch 1988 mit Schweigen bedeckte. Ob man Hirsch allerdings als „Helden“ bezeichnen muss, wie dies DFB-Präsident Theo Zwanziger jüngst tat, kann getrost bezweifelt werden. Schließlich nimmt man auf Julius Hirsch in erster Linie als NS-Opfer Bezug – „Fußballhelden“ hingegen gäbe es ja genug. Dennoch ist es zu begrüßen, wenn der DFB erste Schritte unternimmt, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen. Es wäre nun an der Zeit, dass sich auch die Stadt Achern an einen ihrer berühmtesten Söhne erinnerte.



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