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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 63, 2005-11

Adamo, Hans:
Massengrab mit KZ-Häftlingen am Flughafen in Stuttgart

Seit der Fertigstellung des folgenden Artikels von Hans Adamo hat sich einiges Zusätzliche an Erkenntnissen über die Vorgeschichte des Massengrabs- genauer: der Massengräber- in und um Echterdingen ergeben, Wir tragen deshalb folgendes nach:

Vor allem die Stuttgarter Zeitung hat bis jetzt gemeldet: Es handelt sich nach wiedergefundenen Zeugenaussagen Überlebender bei der Staatsanwaltschaft der Zentralstelle Ludwigsburg wirklich um Juden, die zuletzt über das Sammellager Stutthof bei Danzig(nicht zu verwechseln mit Natzweiler-Strutthof/Elsaß) im Zug als „Arbeitskommando“ an den Flughafen Echterdingen verlegt worden waren. Es wurden aus den Knochenresten also - entgegen ersten anderslautenden Behauptungen- keinerlei Schlüsse über die Herkunft der Toten gezogen. Der Kommandant der Außenstelle Echterdingen war zwar von Strutthof (Elsaß) abgeordnet worden, keiner der getöteten jüdischen Zwangsarbeiter stammt aber von dort.. Ihr Abtransport- möglicherweise aus Auschwitz, aber auch aus anderen Lagern im Osten - wohl im November 1944 erklärt sich vielleicht auch daraus, dass die Nazis einer bald notwendig werdenden Räumung des Lagers angesichts der heranrückenden Front entgegensahen.

Der in Straßburg lebende Forscher Robert Steegmann verfügte seit längerer Zeit über eine Liste der von Strutthof nur nominell überwiesenen Gefangenen nach Echterdingen. (nach Zeugenaussagen Überlebender wurden die jüdischen Zwangsarbeiter unmittelbar vor dem Flughafen ausgeladen und wussten oft gar nicht ,in welcher Gegend Deutschlands sie angekommen waren. Sie hätten demnach Natzweiler-Strutthoff selbst nie betreten. Nach den Forschungen des selben Wissenschaftlers wäre auch die Herkunft der jüdischen Zwangsarbeiter aus Stutthoff als nominell zu betrachten. Es wurden offenbar Sammeltransporte aus den von der deutschen Besatzung aufzugebenden Regionen jenseits von Königsberg einfach bahntechnisch über Stutthoff abgefertigt) Da die Zahl der Überlebenden bekannt ist, konnte sich im Abzugsverfahren eine ziemlich umfassende Liste der Toten des Massengrabs erschließen lassen. Es ist jetzteine Beerdigung mit Namensangabe für jeden einzelnen nach soviel Jahren des absichtlichen Vergessens möglich. Der Justizminister Baden-Württembergs ordnete diese inzwischen an.

Ein größeres früher angelegtes Massengrab im zwei Kilometer entfernten Bernhäuser Forst war 1945 weithin bekannt. Angehörige der Besatzungsmacht hätten damals Stuttgarter Bürger dorthin geführt und sie gezwungen, die Leichen zu waschen und anständig zu beerdigen. Kennzeichnend für den Zustand des öffentlichen Gedächtnisses ist es, dass inzwischen der genaue Standort dieses ersten Massengrabes im Wald nicht mehr festzustellen ist. Es gibt drei divergierende Aussagen über dessen Lage. Auf dem damaligen Militärflugplatz bei Echterdingen arbeiteten wahrscheinlich spätestens ab 1942 bis zum November 1944 ausländische Zwangsarbeiter aus allen von den Nazis besetzten Ländern. Es könnten sich in den schon bekannten Massengräbern,aber auch an anderen, noch unbekannten Stellen auch Leichen aus dieser Zeit finden Inzwischen hat die Gemeinde Echterdingen ein größeres Grundstück zur Verfügung gestellt, auf dem eine Gedenkstätte errichtet werden kann. Problematisch erscheint noch der Stacheldrtaht, der den amerikanischen Flugplatz von der geplanten Gedenkstätte trennt. Fiele er, könnten auf einer einheitlichen Fläche Begräbnisfeld und Gedenkstätte angelegt werden.Hier stehen noch Verhandlungen an. (Redaktion)


Bei Bauarbeiten am Stuttgarter Flughafen wurde im September ein Massengrab aus der NS-Zeit entdeckt. Es fanden sich darin die Überreste von Zwangsarbeitern, die auf dem Militärflugplatz Echterdingen ab November 1944 Arbeiten an den Schutzhallen für die Flugzeuge und zur Reparatur der Zufahrtstraßen zu errichten hatten.

Das Auffallende ist in den Medien zunächst der leichtfertige Umgang mit den historischen Fakten, die mangelhafte journalistische Sorgfaltspflicht über das faschistische Verbrechen. Da werden aus KZ-Häftlingen Fremdarbeiter, aus KZ-Lagern werden Arbeitslager. In der Schwäbischen Zeitung liest man über das KZ Lager Struthof: "Das KZ war kein Vernichtungslager, sondern ein Straf- und Arbeitslager. Dazu gehörten 18 Außenkommandos mit 14.000 Häftlingen."

In Wirklichkeit treffen jedoch alle Hauptfunktionen und Merkmale des Systems der KZ-Lager auch auf das KZ-Lager Struthof zu, wie die offenbare Absicht der Vernichtung durch Arbeit.

Auch die Zahlen entsprechen nicht der Wahrheit. Es gab nachweisbar 70 Nebenlager, Außenlager und Außenkommandos. Die Gesamtzahl der Häftlinge betrug 45.000, davon waren 35.000 in den Nebenlagern. Die Zahl der Toten betrug insgesamt etwa 25.000. Es handelt sich hier um die autorisierten Angaben des Comité International Natzweiler Struthof.

Für die Frankfurter Allgemeine sind es 50 "Außenposten" und "Arbeitslager", in denen sich ausschließlich "jüdische Zwangsarbeiter" befanden, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt in der Minderheit waren. Um in der Sprache der Verharmloser zu bleiben: "Man" oder die "Behörden" hatten sie bereits anderswoshin "entsandt". In die Vernichtungslager im Osten. In der Frankfurter Rundschau wird aus einer AußensteIle des KZ-Lagers Struthof im Elsass ein eigenständiges KZ-Lager Echterdingen, und es heißt dort: "Der Flughafen brauchte Arbeiter, die Straßen und Tarnunterstände für die Flugzeuge bauten und Bombentrichter auf den Landebahnen ausbesserten. Also entsandte man Männer vom KZ Struthof bei Danzig nach Echterdingen." Das Lager dort heißt aber richtigerweise Stuthof und ist von Stuttgart etwa 1200 KM entfernt. Sollte "man" unter den von Kriegseinwirkungen zerstörten Verkehrsbedingungen Häftlinge von dort nach Stuttgart "entsandt" haben, wo die KZ-Lager Dachau und Struthof mit ihren Außenlagern gewissermaßen vor der Tür waren?

In Echterdingen handelte es sich nach der Sprachregelung der Faschisten um ein Außenkommando, in dem Häftlinge für eine bestimmte Arbeit eingeteilt waren.

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt sprachen bei ihren Ermittlungen davon, dass es sich bei den aufgefundenen Leichen wahrscheinlich um jüdische Gefangene handeln würde. In vielen Medien bis hin zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg wurde aus der Mutmaßung eine verbindliche Realität, ohne danach zu fragen, nach welchen Merkmalen man an den Gebeinen der Ermordeten überhaupt feststellen kann, dass es sich bei den Häftlingen ausschließlich um Juden handelt. In der Regel wurden die Angehörigen von Arbeitskommandos nicht nach Rasse, Glauben oder Nationalität zusammengestellt , sondern nach der Leistungsfähigkeit der Häftlinge. Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden, warnte in seiner Rede zur Eröffnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin zurecht vor "Hierarchisierung der Opfer und des erlittenen Leides."

Zu den Widersprüchen und Merkwürdigkelten gehört weiter, dass das Massengrab solange unentdeckt blieb, weil "Behörden" Hinweise ignoriert hatten. Von VVN-Bund der Antifaschisten in Stuttgart, von Zeitzeugen und Historikern hat es sie schon früh und wiederholt gegeben. Das Innenministerium und das Landeskriminalamt erhielten entsprechende Mitteilungen. Auf dem Flughafen wird jetzt nach einem zweiten Massengrab gesucht. Es muss aber auch noch woanders gesucht werden um festzustellen, wer für die Verharmlosung und Vertuschung faschistischer Verbrechen verantwortlich ist, wer die politische und moralische Aufarbeitung der Geschichte behindert haben könnte.

In diesem Lichte gesehen können die Nachforschungen über das Verbrechen auf dem Stuttgarter Flughafen nicht nur eine Sache formaljuristischer Tätigkeit sein,es ist vilmehr eine unabhängige Untersuchungskommission notwendig. Auch darf es nicht bei dem wertneutralen Begriff von den "Behörden" bleiben, die eine Aufklärung des Nazi-Verbrechens verhindert haben.

Paul Bauer, Bundessprecher der VVN-BdA, und Esther Broß, Mitglied des Bundesausschuss, beide aus dem Ortenaukreis in Baden-Württemberg, haben vor Bestrebungen gewarnt, das politische Verbrechen zu entpolitisieren. Es ist aber zugleich auch eine Herausforderung und Verpflichtung für die Antifaschisten in diesem Bundesland, nicht nur eine Aufklärung von den Verantwortlichen zu fordern, sondern auch einen eigenständigen Beitrag für eine Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit zu leisten, die auch dem Vermächtnis der ermordeten Häftlinge im Bereich des Stuttgarter Flughafens gerecht wird.

Hans Adamo ist Mitautor des Buches Natzweiler-Struthof Blicke gegen das Vergessen.


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stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 17:05Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter