Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 47, 2001-09![]()
Höxtermann, Martin:
"Da brauchen wir nichts zurückzunehmen"
Interview mit dem WDR-Redakteur Mathias Werth, Mitautor der Dokumentation "Es begann mit einer Lüge"
Stattzeitung: Die rotgrüne Bundesregierung hat zur Legitimation des deutschen Kriegseinsatzes im NATO-Krieg gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999 Tatsachen verfälscht und Fakten erfunden, manipuliert und gelogen- so die Aussagen ihrer Dokumentation "Es begann mit einer Lüge", die am 8.2. dieses Jahres in der ARD ausgestrahlt wurde. Der Filmbeitrag löste ein großes Echo aus und wurde von der Bundesregierung und verschiedenen Medien scharf kritisiert. Gibt es Dinge in dem Film, die Sie heute anders darstellen würden?![]()
Werth: Zum besseren Verständnis würde ich heute in dem Film präziser formulieren, dass wir ein Zeitfenster betrachtet haben, nämlich die Zeit nach Abschluss des Holbroke-Milosovic-Abkommens bis zum Beginn des Krieges.![]()
Wir haben untersucht, ob es in dieser Zeit eine Möglichkeit gab, die gewaltsame Situation im Kosovo mit nicht-gewaltätigen Mitteln in den Griff zu bekommen. Unser Meinung nach bestand diese Möglichkeit. Unsere Recherchen, etwa über das angebliche KZ in Pristina, den im Scharping-Ministerum erfundenen" Operationsplan Hufeisen" oder das angebliche Massaker an Zivilisten in Rugovo, stehen wie eine Eins. Wir haben nur Aussagen verwendet, die durch schriftliche Belege oder andere Zeugenaussagen verifiziert werden konnten. Da brauchen wir nichts zurücknehmen. Filme wie diese werden im übrigen vor Ausstrahlung im WDR-Justiziariat auf Herz und Nieren geprüft. Und es ist sicherlich bezeichnend, dass Scharping von seinem Plan, eine einstweilige Verfügung gegen den Film einzulegen, abgerückt ist, nachdem er gehört hat, dass wir unsere Recherchen vor dem Landgericht in Hamburg offen gelegt haben.![]()
Stattzeitung: Dennoch hat Verteidigungsminister Scharping dem Rundfunkrat des WDR eidesstattliche Versicherungen zugeleitet, die von ZeugInnen vor einem Notar abgegeben worden sind und die den Darstellungen Ihres Films widersprechen. Droht Ihnen jetzt Ungemach?![]()
Werth: Es handelt sich bei den von Scharping aufgeführten Aussagen zum Teil um Zeugen, die wir auch in dem Film zu Wort kommen lassen. Doch wenn man die Aussagen liest, stellt man fest, dass sie uns überhaupt nicht widersprechen. Die Zeugen wehren sich gegen die politische Aussage des Films, sie sehen sich falsch eingesetzt, weil sie meinen, der Film vertrete nicht die Sache der Albaner. Aber die Aussagen selber sind eine Bestätigung dafür, wie korrekt wir gearbeitet haben. Ein Beispiel: Ein Augenzeuge zu dem Geschehen in Rugovo wird von uns befragt, was er gesehen hat. Das hat er uns berichtet. Darüber hinaus schildert er eine Menge Wertungen und Eindrücke als Tatsachen, die er als Zeuge gar nicht selbst wahr genommen hatte und die wir deshalb nicht im Film verwendet haben. Einen weiteren Zeuge haben wir nicht mit reingenommen, weil er uns offensichtlich belogen hat. Er hatte sich während des Geschehens in einer Holzkiste versteckt und gar nicht gesehen, was passiert ist. Diesen Mann zitiert Scharping aber als Zeugen.![]()
Stattzeitung: Kritik an handwerklichen Mängeln und ungenauer Recherche gab es aber auch von Medien wie der "FAZ", der "Welt" oder der "Süddeutschen Zeitung"...![]()
Werth: Sie sahen die Arbeit ihrer Korrespondenten vor Ort durch diesen Film diskreditiert. Dafür habe ich Verständnis, denn in dem Film mag mancher eine Kritik daran erkennen, wie über diesen Krieg berichtet worden ist. Doch dieser Film ist kein Film über außenpolitische, sondern über innenpolitische Belange. Konflikte über die Einschätzung dieses Krieges gab es im übrigen in vielen Medien, gerade zwischen innen- und außenpolitischen Ressorts, nicht erst seit diesem Film, sondern bereits während des Krieges. Die Frage ist, was bleibt am Ende an sachlichen Vorwürfen gegen den Film stehen. Und da ist bis heute kein einziger Vorwurf stehen geblieben.![]()
Stattzeitung: Wer einen Krieg führen will, braucht die Unterstützung der Öffentlichkeit. Die NATO hat während des Jugoslawienkrieges einen neuen strategischen Umgang mit JournalistInnen entwickelt: nicht mehr Zensur durch Vorenthaltung von Informationen wie noch beim Golf-Krieg, sondern eine Überflutung mit Informationen. Macht das eine kritische Berichterstattung schwieriger?![]()
Werth: Zwar hat sich der Umgang mit den Journalisten geändert, nicht jedoch die Rolle des Journalisten. Er ist noch immer verpflichtet, zu recherchieren, hinter die Kulissen zu schauen. Warum will jemand, dass ich etwas nicht erfahre, oder warum will jemand, dass ich genau das erfahre? Im konkreten Fall bleibt jedoch das Hauptproblem, dass das Bundesverteidigungsministerium und das Auswärtige Amt weiterhin wichtige Quellen zur Bewertung von Einzelheiten und der Gesamtsituation im Kosovo unter Verschluss halten und mit "VS- nur für den Dienstgebrauch" klassifiziert haben. Eine Veröffentlichung, insbesondere der internen Lageberichte und Quellen zur Situation im Kosovo, würde sicherlich unsere Rechercheergebnisse bestätigen.
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