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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 41, 1999-11

Aktion Ethik-Charta e.V.:
Warum Ethik-Charta?

Im folgenden dokumentieren wir einen Beitrag des Vereins »Aktion Ethik-Charta«. Dieser versucht, vor dem Hintergrund einer von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe erstellten Ethik-Charta gegen den Einfluss der Biomedizin auf die Menschen anzugehen:

Eine moderne Medizin, die sich als Zweig einer hochentwickelten Biotechnologie versteht, welche in immer kleinere Teile unseres Körpers eindringt, immer komplexere Wirksamkeiten und Abläufe erforscht, um sie technisch beherrschbar zu machen, begreift den Menschen selbst als komplizierten biotechnischen Apparat, dessen Mangelhaftigkeit und Störanfälligkeit grundsätzlich auf technischem Weg am Ende beseitigt werden kann.

Wer, was den Menschen zum Menschen macht, außerhalb dieses physischen Apparats sucht, ist ein Hindernis auf diesem Weg, behindert den Fortschritt in ein Leben ohne Krankheit und Leid, in Jugendfrische bis in's hohe Alter und in einen am Ende frei gewählten selbstbestimmten Tod, wenn sich dann doch irreparable Abnutzungserscheinungen zeigen bzw. eine Reparatur sich nicht mehr rechnet. Seine Ängste sind irrational, unwissenschaftlich und laufen einer Ethik zuwider, welche als einzigen Maßstab die Nützlichkeit, d.h. den in Geldwert ausdruckbaren Nutzen bzw. taxierbaren Lustgewinn kennt.

In diesem Spannungsfeld zwischen einem grenzenlose Freiheit suchenden Forscherdrang und der Furcht vor einer den Menschen und die Gesellschaft total beherrschenden Naturwissenschaft im Dienste globaler Profitunternehmen entstand das »Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin« des Europarats, früher Bioethikkonvention, welches zunächst im geographischen Europa rechtsverbindliche Regeln für den Umgang mit den Möglichkeiten der Biotechnik schaffen soll. Es ist ein typisches Kompromisspapier, die einen fühlen sich in ihrem verbrieften Recht auf Forschungsfreiheit ungebührlich beschnitten und die anderen in ihrer Würde, in ihrem Menschsein schlechthin bedroht, wenn die darin aufgestellten Regeln rechtswirksam werden.

Unsere Ethik-Charta ist der Versuch einer kompromisslosen Besinnung auf die unveräußerliche Würde des Menschen in allen Lebensphasen als ethischen Maßstab. Wir lassen bewusst offen, wo diese herzuleiten sei und betrachten sie umfassend als im Menschsein begründet. Ebenso verzichten wir auf eine Definition, weil wir der Überzeugung sind, dass sie ihrem Wesen nach nicht zu fassen ist.

Wir beschreiben eine Haltung, die ganz allgemein den Menschen größer begreifen will denn als biochemischen Automaten. Und wir verstehen dieses Papier als Einladung zum Dialog, insbesondere mit jenen, denen der Schutz der Würde des Menschen in ihrer Verletzlichkeit als unabdingbare Voraussetzung für die Freiheit des Individuums in einer demokratischen Gesellschaft gilt, die wir vom totalitären Machbarkeitswahn einer Clique von global operierenden Profitunternehmen und Wissenschaftlern als in ihrer Existenz bedroht erleben. Und wir glauben, dass eine breite Bewusstmachung dieser Bedrohung das wirksamste Mittel zu ihrer Abwendung ist. In diesem Sinne verstehen wir unser Papier auch als Beitrag zur politischen Auseinandersetzung, ob Deutschland der Konvention beitreten soll oder nicht. Darüber hinaus sind wir bestrebt, es zur Charta einer übernationalen Vereinigung für Ethik in der Medizin und den Biowissenschaften zu entwickeln. Jeder, den diese Idee anspricht und der geneigt ist, etwas zu ihrer Realisierung beizutragen, ist hierzu herzlich eingeladen.

Aktion Ethik-Charta e.V., c/o Martin Britsch, Im Weiler 13, 72770 Reutlingen, Tel. + Fax 07072/4890



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