Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 64, 2006-03![]()
Radiogruppe "Der Schwarze Kanal":
Über Hierarchien und männliches Dominanzverhalten in linken Gruppen
Ein Beitrag der anarchistischen Radiogruppe "Der Schwarze Kanal" zum Weltfrauentag 08. März 2006
Die anarchistische Bewegung unterscheidet sich in der Frauenfrage kaum positiv von anderen Bewegungen. Frauen haben es in ihr schwer, sind in der Minderheit, werden mit ihren Anliegen selten ernst genommen. Theoretisch werden unsere anarchafeministischen Ideen zwar meist begrüßt, sobald wir aber anfangen, praktische Konsequenzen einzufordern, stoßen wir bei den Männern oft auf zähen passiven Widerstand. Die Männer tragen zwar die glühende Freiheitsliebe im Kopf, behalten aber den Patriarchen im Bauch. Für Selbstzufriedenheit gibt es also keinen Anlass. Die Behauptung, unter Anarchisten sei Frauenemanzipation kein Thema, weil die globale Freiheit die der Frauen automatisch mit einschließe, führt zu nichts weiter als zu einer Mythenbildung, die der Bequemlichkeit vieler ![]()
Männer entspricht und sie davor bewahrt, vieles zu ändern, was zu ändern wäre. Wenn konkrete persönliche Veränderungen anstehen, bleibt allzu oft nur die schöne Theorie. Aber - das Persönliche ist politisch!![]()
Wir wenigen Frauen in anarchistischen Gruppen stehen allein da und setzen unsere Kompetenz, unsere Ideen sowie unseren eigenen Organisationsstil ein. Sollten wir je wirklich zum Zuge kommen, werden wir die Gesellschaft nachhaltig verändern können. Bis es soweit ist, lassen sich bei allen Widrigkeiten einige positive Entwicklungen ausmachen: Niederlagen haben uns stark gemacht. Wir vertreten unseren alternativen Machtbegriff, dessen Kernaussage lautet, dass das Persönliche politisch ist. Damit meinen wir vor allem die Art einiger Männer zu kommunizieren - gerade, oder vielleicht auch besonders, in anarchistischen Gruppen.![]()
Der Zusammenhang zwischen Kommunikation und Hierarchie![]()
0hne eine willentlich und bewusst angestrebte Veränderung dieser Art von Männern, zu sprechen, reproduzieren sich Macht und Herrschaftsstrukturen fast automatisch - auch in anarchistischen Gruppen. Erster Schritt zur Überwindung dieser Hierarchien ist, sie überhaupt erkennen und benennen zu können. Entscheidungsfindung von unten, wie wir sie ![]()
anstreben, funktioniert nur, wenn die Beteiligten selbst aktiv einen herrschaftsfeindlichen Umgang anstreben. Zurzeit sind jedoch hierarchische Strukturen und Dominanzverhältnisse ebenso weit verbreitet, wie Experimente und Diskussionen zum Abbau derselben kaum stattfinden. Allgemein herrscht dort, wo emanzipatorische Ansprüche bestehen, eine überraschende Engagementslosigkeit. Das verwundert: denn in vielen Bereichen unseres Lebens und unserer Arbeit betreiben wir einigen Aufwand, um uns nicht widerstandslos in die herrschenden Verhältnisse einzufügen. Im Binnenverhältnis von Gruppen und anderen bewegungsnahen Zusammenkünften ist von diesem Engagement allerdings oft wenig zu spüren. Gerade Streitgespräche sind in anarchistischen Gruppen meist weder produktiv noch emanzipatorisch oder freundschaftlich - ganz im Gegenteil.![]()
Unsere weibliche Kritik an der vorherrschenden Streitkultur ist:![]()
- Die Diffamierung und Reproduktion patriarchalen Verhaltens: Lautes Reden, Drohgebärden und Beleidigungen sind auch in unseren Bewegungszusammenhängen verbreitet, ebenso wie patriarchale Muster, z. B. die Sieg- und Niederlage-Logik;![]()
- Die Herrschaftsförmigkeit: In Konflikten geht es auch um das Absichern der eigenen Position in der Szene und weniger um die solidarische Auseinandersetzung;![]()
- Die Pädagogenmentalität und Besserwisserei: Wir Frauen werden von anderen von oben herab belehrt, z. B.: "Lies doch erst mal Marx!";![]()
- Die Vereinheitlichung: Unterschiedliche Standpunkte werden oft nicht akzeptiert. Stattdessen wird eine Angleichung an die "objektive Wahrheit" gefordert. Streit ist so gerade gegen Vielfalt gerichtet, die doch seine eigene Voraussetzung ist. Differenz wird als Bedrohung begriffen, wohingegen Begriffe wie "Einheitsfront" immer noch unhinterfragt positiv besetzt sind. Spaltungen sind so vorprogrammiert;![]()
- Eine Standpunktfixierung: Es wird nicht aufeinander eingegangen, miteinander diskutiert, sondern es werden Standpunkte reproduziert - was langweilig und nervig ist und keine Weiterentwicklung ermöglicht.![]()
Die aufgezählten Punkte zeigen, dass nicht Streit und Konflikt das Problem darstellen, sondern die gegenwärtige Form der Auseinandersetzung. Daraus ist nicht Harmonisierung abzuleiten, sondern jede Menge notwendiger Veränderungen. Wenn es gelänge, andere Formen des Streitens und kreative Gruppenprozesse zu fördern, bewusst zu entwickeln und offensiv in unsere Zusammenhänge zu tragen - dann würden sich möglicherweise vermehrt Frauen in anarchistischen Gruppen wohl fühlen.![]()
Der schwarze Kanal - die Sendung bei Radio Dreyeckland Freiburg für anarchistische Theorie und Praxis. Der Inhalt dieses Artikels entspricht im Wesentlichen einer Sendung des Schwarzen Kanals. Sendezeiten: Jeden 2. Freitag von 19 - 20 Uhr bei RDL, UKW 102,3 Megahertz. Wiederholung: Dienstag von 13 bis 14 Uhr.![]()
Sendungen im März 2006: Fr., 10.3.: "Vom Mythos der Arbeit" - eine Kritik an ![]()
der Lohnarbeit und Alternativen.![]()
Fr., 24.3.: "ABC des Anarchismus" - Eine Lesung des gleichnamigen Buches von ![]()
Alexander Berkmann; Mitschnitt einer Veranstaltung der FAU Ortsgruppe Freiburg ![]()
am Mi., 8.3.06 um 20 Uhr in der KTS.![]()
Die Sendungen verkaufen wir als CD für jeweils 1 Euro im Infoladen der KTS ![]()
und bei den monatlichen FAU -Veranstaltungen.
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