
Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 67, 2007-01![]()
Quarti, Adi:
Gescheiterte Staaten, Datenkraken, Souffleure - Die Vorzukunft des Vergangenen
Fernseh-Galas sind was Tolles: Sehr realistisch und immer ausgesprochen wirklichkeitsnah. Wie in >>Deutschland wählt das Traumpaar<<, der Fernseh-Lotterie. Die seltsamsten Dyaden der Republik dürfen hier Frank Sinatra geben. Der ARD-Tagesthemen-Moderator Marc (Ulan-)Bator und der TV-Pastor Jürgen Fliege mit Partnerinnen, wetteifern um den Titel der besten Zugewinn-Gemeinschaft. Natürlich alles für eine gute Sache! Ausgediente Alt-Fernsehstars konkurrieren mit Seniorenheim-Bewohnern um das social sponsoring. Fabelhafte Mädels und Burschen eben, wie der Moderator frenetisch befindet, die wir schon immer im deutschen Fernsehen haben wollten. Ein ganz normaler Samstagabend also! Wir haben die Stand by-Taste gedrückt und uns ein Buch geschnappt, um es salopp auszudrücken.![]()
DER GESCHEITERTE STAAT![]()
Noam Chomsky, meistzitierter Autor der Welt und Linguistikprofessor am Bostoner Massachusetts Institute of Technology, untersucht in einer neuen Arbeit den Mißbrauch von Macht und die Angriffe auf die Demokratie seit dem Krieg im Irak. Wohin entwickelt sich das internationale Recht, die Genfer Konventionen, die nach dem 2. Weltkrieg von den Vereinten Nationen formuliert wurden, um dem Recht des Stärkeren die Schranken zu weisen? Sind Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seit G.W. Bush legale Instrumente der Politik, oder waren sie es möglicherweise schon unter Clinton? Und schließlich: Was ist von einer Globalisierung zu halten, die sich auf einige mächtige Wirtschaftsnationen beschränkt, die sich immer mehr gegen Asien abschotten und inzwischen zu unabhängigen Blöcken wie der südamerikanischen Zollunion, dem Mercosur geführt haben, sehr zum Ärger der Regierung der Vereinigten Staaten?![]()
Die erste Hälfte des Bandes beschäftigt sich mit der Vermessenheit einer sich selbst überschätzenden Hybris (so der Titel des Vorgängerwerkes, seit 2006 auch als Taschenbuch erhältlich), die sich nicht mehr um das Völkerrecht schert, die Zweite vorrangig mit den demokratischen Institutionen, ihrer Zukunft und Probleme. Der gescheiterte Staat ist in diesem Jahr in New York erschienen, damit ein erstaunlich aktuelles Zeugnis, eine verlegerische Herausforderung obendrein, die von einem kleinen, ambitionierten Verlag geleistet wurde. Dass - was man ohne dem Autor zu nahe zu treten - als sein Alterswerk bezeichnen könnte, ist unbestechlich präzise und sachlich geraten, sowie völlig frei von Schwärmereien über die angeblichen Möglichkeiten des Empire (Hardt/Negri). >>Die amerikanische Verteidigungsstrategie, von Rumsfeld am 1. März 2005 unterzeichnet, >ermöglicht uns, von sicheren Operationsbasen aus weltweit unsere Macht einzusetzen< - weil erkannt wurde, wie wichtig es sei, entsprechend der Präemptivschlagsdoktrin >auf Ereignisse Einfluss zu nehmen, bevor Gefahren anwachsen und immer weniger beherrschbar werden<<<. Man merkt schon - und hatte von Chomsky wohl auch nichts anderes erwartet: Er zitiert in unzähligen eingeschobenen Sätzen die sogenannte öffentliche Meinung Amerikas, in diesem Fall die Washington Post. Aber auch ihre Kritiker kommen ausführlich zu Wort, bekannte wie der ehemalige Justizminister der USA und heutige Menschenrechtler, sowie Verteidiger von Saddam Hussein, Ramsey Clark, oder weniger bekannte, sein Archiv ist gut gefüllt. Es dokumentiert vor allem eines: Ein tief gespaltenes Land, regiert von einer mit dämonischem Sendungsbewußtsein ausgestatteten Clique. Human Rights Watch und Amnestie International verlangen, so Chomsky, dass nach Guantánamo das Nürnberger Prinzip wieder zur Anwendung kommen müsse und fordern die Aufnahmen strafrechtlicher Ermittlungen gegen Donald Rumsfeld, den ehemaligen CIA-Direktor George Tenet sowie die Generäle Ricardo Sanchez (ehemaliger oberster US-Militärbefehlshaber im Irak und Geoffrey Miller (ehemals Befehlshaber des Gefangenenlagers in Guantánamo). Doch die USA erkennen den Internationalen Gerichtshof nicht an, wenn dieser gegen sie selbst ermittelt, wie etwa die Klage der Regierung von Nicaragua der 80er Jahre gegen die Vereinigten Staaten. Selbstdispens nennt dies der Sprachwissenschaftler zurecht!![]()
Das Säbelrasseln Washingtons gegenüber dem Iran ist laut Chomsky wahrscheinlich noch kein Zeichen für ein bevorstehenden Krieg. Es wäre unsinnig, einen Angriff Jahre im Voraus anzukündigen. Im übrigen ist die Bush-Adminstration mit dem Irak genug beschäftigt. In Wirklichkeit ginge es um etwas anderes: >>Als Gegenleistung für den Verzicht auf den Erwerb von Atomwaffen versprachen (die fünf anerkannten Atomwaffenstaaten USA, Großbritannien, Russland, Frankreich und China) den atomwaffenfreien Staaten erstens den ungehinderten Zugang zur Atomenergie für nichtmilitärische Zwecke und zweitens Fortschritte bei der atomaren Abrüstung<<. Bei der Überprüfungskonferenz (des NPT, Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen) im Mai 2005 sei es das erklärte Ziel Washingtons gewesen, beide Versprechen rückgängig zu machen. Nun aber kommt die vielleicht problematischste These des Autors ins Spiel, nämlich die Annahme, dass der wirkliche Feind der USA schon seit langem der unabhängige Nationalismus sei. Dieser, von Chomsky in früheren Werken rein analytisch verwendete Begriff, umschreibt das Verhalten der ehemaligen Verbündeten, welche die Vasallentreue gegenüber den USA aufgekündigt haben. Er führt aktuell Chile, Kuba, Bolivien, den bereits erwähnten Mercosur, sowie das Enfant Terribel der globalen Politik, Hugo Chávez, den Präsidenten Venezuelas an. Erstaunlich für einen, der Zeit seines Lebens im libertären Spektrum politisch aktiv war und ist, vor allem deshalb, weil dies (>>Befreiungsnationalismus<<, er spricht das Wort nicht aus, aber wie soll man es sonst interpretieren?) doch als sehr traditionelles marxistisches Politikverständnis galt. Im vorliegenden Falle liegt die Betonung aber ganz klar auf einer solidarischen, länderübergreifenden, antistaatlichen, internationalen Allianz. Die Vereinigten Staaten dagegen verfolgten einen reaktionären, wirtschaftsorientierten Etatismus, einen Staatskapitalismus gar. Damit umschreibt der Sprachwissenschaftler gewöhnlich ein Verhalten des Neoliberalismus, nämlich das Subventionen, Steuererleichterungen, zinsgünstige Kredite oder Fördermaßnahmen zur Forschung immer genau von jenen Firmen eingefordert werden, die für die nationale Wirtschaft scheinbar unabdingbar sind. Ob sie nun sie nun Lookhead, oder als aktuelles europäische Beispiel, Airbus und damit EADS heißen. Noam Chomsky lässt es sich nicht nehmen sehr einfache Vorschläge an die amerikanische Politik zu richten: >>1. Anerkennung der Rechtsprechung des Internationalen Strafgerichtshof und des Internationalen Gerichtshofs; 2.Unterzeichnung und Fortschreibung der Kyotto-Protokolle; 3. Übergabe der Führungsrolle bei internationalen Krisen an die Vereinten Nationen; 4. Hinwendung zu Diplomatie und Wirtschaftsmaßnahmen statt militärischer Mittel im Kampf gegen den Terrorismus; 5. Übernahme der traditionellen Auslegung der UN-Charta; 6. Ende der Vetos im Sicherheitsrat; 7. Drastische Kürzung des Militärhaushalts und Steigerung der Sozialausgaben<<.![]()
Sehr pragmatisch, fast vorsichtig, aber nie leise ist der Aktivist geworden. Wie schon Robert Wyatt 1985 in dem schaurig-schönen Song Alliance feststellte: Chomsky got it right!![]()
Noam Chomsky, Der gescheiterte Staat. Verlag Antje Kunstmann, München 2006, 24,90 Euro.![]()
(POST-) OPERAISMUS![]()
Die Reihe theorie.org des Schmetterling Verlag ist sehr erfolgreich damit, die Denkmodelle und Abgründe des Marxismus und Linksradikalismus auszuleuchten. In der aktuellen Ausgabe, mit dem Untertitel >>Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis<<, wird der Bogen ziemlich weit geschlagen, gelegentlich auch überspannt. Die Autoren, die im übrigen Mitarbeiter der sehr interessanten österreichischen Zeitschrift Grundrisse sind, untersuchen ein Kapitel der italienischen marxistischen Diskussion und Praxis, welche den Arbeiter und den Klassenkampf der ‘60er Jahre in den Mittelpunkt stellte. Birkner / Foltin behandeln diese Etappe auch mit der nötigen Genauigkeit, ihren Brüchen und Verwerfungen, gehen aber dann dazu über die Geschichte bis heute zu spinnen.![]()
Contra: Hier wird es schwierig, werden doch Signatur, Ereignis und Kontext, wie die Sprachphilosophen es nennen würden, nun völlig ausgeblendet. Ohne sentimental oder nostalgisch die Fabrikkämpfe bei Fiat verklären zu wollen, was haben die mit denen in Seattle und Genua zu tun? Und wie gehen nicht näher definierte Poststrukturalisten, Derrida, Foucault und einige andere, mit dem Empire von Hardt/Negri zusammen? Warum blenden die Autoren diese bekannte Auseinandersetzung (Marx & Sons, 2004) einfach aus? Diesen Knoten, eine netzartige Verstrickung, dieses Rhizom (Deleuze/Guattari) endlich aufzulösen, wäre Aufgabe einer Analyse. Man sollte es sich hier nicht zu einfach machen: Leichtfertig eine ziemlich lange, von deutlichen Umbrüchen und Verwerfungen gezeichnete Etappe glattbügeln zu wollen, um einen - wie auch immer gearteten- Konsens nicht zu gefährden, dass kann nicht klappen. Und geht außerdem über die Arbeiten derjenigen Wissenschaftlerinnen die neuere sozioanalytische Untersuchungen liefern, die moderne Gesellschaft in Ansätzen zu verstehen (die Rede ist hier natürlich von den Arbeiten der Forschergruppe um Schultheis / Bourdieu), mit einer Dreistigkeit hinweg, die nachdenklich machen müsste.![]()
Pro: Dieser Einwand scheint doch etwas überzogen. Die Grundlagen und Weiterentwicklungen des Operaismus werden überzeugend beschrieben. Das einige Arbeiten zu diesem Thema zu kurz kommen, oder gar nicht behandelt werden, würde unter Umständen auch den Rahmen sprengen, hier soll schließlich keine Enzyklopädie geliefert werden. Das andere können Diskussionen klären.![]()
Contra: Eine Debatte im übrigen, die in Frankreich sehr wohl geführt wird, sogar in einer der letzten Nummern von futur antérieur in einer Runde mit Boltanski, Castell, Boutang, Gorz und anderen. Marx‘ Maschinenfragment, auf welches die Autoren zu Recht verweisen, welches die Entwicklung der Produktivkräfte und die technologische Entwicklung des Kapitalismus weit skeptischer beurteilen, als dies Marxisten gewöhnlich wahrnehmen wollen, kann allerdings auch à la Heidegger gelesen werden. >>Die Technik in ihrer planetarischen Dimension ist das Negativ, im photografischen Sinn, dieses möglichen Ereignisses, dieser erhofften oder erwarteten Katastrophe. In ihr, und ausgehend von ihr, muß man sie erwarten<< ( Philippe Lacoue-Labarthe, Die Nachahmung der Modernen, Basel / Weil am Rhein / Wien, 2003). Man ahnt es schon, wir stehen vor einem grundsätzlichen Dilemma: Wie ist ein technischer Fortschritt zu bewerten, der heute in Nanometer gemessen wird? Der die alten Nationalstaaten zur Welt hin öffnet, gleichzeitig die darin agierenden auf Ausbeutungsverhältnisse vergangener Zeiten zurückwirft. Und: Religiöse Fundamentalismen aller Schattierungen an die Oberfläche spült. Diese Art von futur antérieur ist bereits im Titel einer sehr anspruchsvollen französischen Zeitschrift enthalten, in der Hardt/Negri publizieren, ein Wortspiel, welches die Vorzukunft der Nachträglichkeit – und damit ein Paradox - bezeichnet.![]()
Ein älterer Brahmane: Unsere Zukunft wird darin bestehen, einst auf die grossen Erzählungen zurückzublicken, die uns Zukunft versprachen.![]()
Contra: Das die Theoretiker des Empire sehr großes Vertrauen in Metaphern und Theorien haben, dagegen die empirische Gültigkeit ihrer Argumente systematisch vernachlässigen (Berlin 2003), hatte schon der amerikanische Sozialwissenschaftler Giovanni Arrighi festgestellt. Antonio Negris zwei Spinozas, diese doppelte Realität des Denkens Spinozas, seine Doppeldeutigkeit, von der in Die Wilde Anomalie (Berlin 1982) ständig die Rede ist, steht jenem Determinismus entgegen, der ewigen, zeitlosen Welt, wie Gott sie sieht, von der Bertrand Russel in seiner Philosophie des Abendlandes (München/Wien 2000) schrieb, der sich ansonsten aber sehr anerkennend über das Werk Spinozas äußerte.![]()
Pro: Wenn das Buch dazu beiträgt, den Eklektizismus von Hardt/Negri zu überwinden und der Optimismus ansteckend wirkt, mit dem die Autoren zu Werke gehen, wäre schon viel gewonnen. Die Details können dann Diskussionen klären, zu denen sie beigetragen haben.![]()
Anmerkung: Die Beiträge spiegeln das Meinungsbild innerhalb der Redaktion der SZ wieder.![]()
Martin Birkner / Robert Foltin, (Post-) Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitute. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2006.![]()
SCHWARZBUCH DATENSCHUTZ![]()
Seit dem Jahr 2000 wird in Bielefeld jährlich an besonders ausgezeichnete Datenkraken ein BigBrotherAward vergeben. Rena Tangens und padeluun haben nun bei Nautilus die wichtigsten Laudatio-Texte in Buchform vorgelegt, an unerbittliche Behörden, manische Überwachungsfanatiker, skrupellose Konzerne. Es werden >>geehrt<<: Das Bundeskriminalamt für Präventiv-Dateien, Toll-Collect, ein Konsortium von DaimlerCrysler, der Deutschen Telekom AG und der französischen Cofiroute S.A., für eine lückenlose Überwachung der Autobahnen, nicht nur der LKW‘s. Dieses System, welches damals oft genug durch die Medien geisterte, wurde 2005 wieder ins Gespräch gebracht zur Nutzung dieser Daten für Fahndungszwecke. Die Grünen in Nordrheinwestfalen für ihren Einsatz zur Videoüberwachung des öffentlichen Raumes. Natürlich ist auch die Bundesagentur für Arbeit dabei, und zwar für ihr fast schon sprichwörtliches Antragsformular Alg II, sowie Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) für dem großen Lauschangriff. Ex-Bundsinnenminister Otto Schily (SPD) ist gleich zweimal dabei, für die berühmten Antiterror-Gesetze und für sein Lebenswerk, die sogenannten Otto-Kataloge. Das unsägliche und leider oft unterschätzte Payback-System ist vertreten, ebenso wie die Metro AG und Lidel. Die zahlreichen Verstöße gegen Bürgerrechte und gegen den Datenschutz können auf solch engem Raum schon fröstelnd machen, das Buch liefert aber auch Anregungen sich zu wehren. Es bietet außerdem eine beeindruckende Liste von Organisationen und Einzelpersonen die sich für den Datenschutz und informelle Selbstbestimmung stark machen.![]()
In diesem Jahr ging der Award laut junge Welt (21./22.10.) an den Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Günther Beckstein (CSU), an den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, der seit diesem Jahr das Aufzeichnen von verdachtsunabhänigen Tonaufzeichnungen im öffentlichen Raum erlaubte. Da wird es ja ein babylonisches Sprachgewirr zu entschlüsseln geben! Das Finanzunternehmen SWIFT für die Übermittlung von Überweisungsdaten an US-Behörden. Man darf gespannt sein, wer nächstes Jahr dran ist. Die Jury ist für Vorschläge offen. Spekulieren wir: Die Verbindungsoffiziere der deutschen Bundeswehr im US-Hauptquartier in Stuttgart-Vaihingen? Abwarten.![]()
Rena Tangens / padeluun (Hg.), Schwarzbuch Datenschutz. Ausgezeichnete Datenkraken der BigBrotherAwards. Edition Nautilus, Hamburg 2006.![]()
DIE SOUFFLEURE DER MEDIENGESELLSCHAFT![]()
Der Souffleur im Theater, für die Zuschauer unsichtbar im Kasten das Geschehen auf der Bühne dirigierend und gesprochene Texte redigierend, ein schönes Bild für den Journalismus. Auch die Autoren einer vergleichenden Studie, eines Report über die Journalisten in Deutschland lieben Metaphern, sind aber klug genug diese sparsam zu verwenden. Diese Untersuchung wurde 1993 erstmals durchgeführt, mittels der konventionellen Fragebogentechnik einen umfassenden Einblick in die Medienwelt zu erhalten und schließlich durch eine weitere 2005 zu vergleichen.![]()
Zunächst: Der Band enthält unzählige wichtige Erkenntnisse über einen Berufstand, der, wenn er nicht gerade im ARD-Presseclub agiert, doch eher abgeschirmt und selbstreferentiell erscheint. Kein Wunder, dass er in der Wertschätzung bei der Bevölkerung am untersten Ende rangiert. Dies hatte man zwar schon geahnt, dass die Statistik ihn aber noch hinter dem Offizier anordnet, erstaunt aber doch. So bekommt der Slogan, >>Ich bin Wagner<<, wie die Bild-Kolumne verkündet, völlig neue Facetten. Da ist zunächst der Medienadel, Jauch, Christiansen, Schirrmacher, Leyendecker, Jörges und wie sie alle heißen, die, wenn sie nicht gerade PR in eigener Sache – und gelegentlich auch ungeniert für die Wirtschaft - machen, oft genug Berichterstattung mit eigenen Interessen verweben. Das Buch belegt eindrucksvolle Beispiele, z.B. die Verwicklung des Oberlehrers Günther Jauch in die Fälscheraffäre Born bei Stern-TV (RTL). Oder die unsägliche >>Du bist Deutschland<<-Kampagne, von der damaligen rot-grünen Bundesregierung und Bertelsmann inszeniert. Hier gehen die Autoren unbestechlich zur Sache, die politischen Präferenzen bleiben allerdings meist ziemlich nebulös, gibt doch jener Wagner, von dem bereits die Rede war, der als Chefredakteur der Bunte einst seine Redakteure bis in die Nacht als Geiseln genommen hatte und angeblich im Monat 230 Mal gegen die Arbeitszeitverordnung verstoßen hat, in einem kürzlich gesendeten TV-Porträt seine Nähe zur CSU unumwunden zu. Im Schatten dieser Alphatiere, wie die Autoren sie nennen (ein Begriff aus der Verhaltensforschung, der problematisch erscheint), arbeiten unzählige (ca. 48.000) meist freie Journalisten, die sich oft nur mit einem zweiten Standbein über Wasser halten können. Diese Situation hat sich seit der ersten Untersuchung 1993 deutlich verschärft! Nach wie vor liegt der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei 56 Prozent, was nicht weiter verwunderlich erschiene, stellen doch diese Verbände (DJV und DJU) neben den Verlegern die Journalistenausweise aus. Interessant in diesem Zusammenhang eine Verbandskrise im DJV, von welchem die Autoren berichten, als der Bundesverband den Berliner und Brandenburger Landesverband zeitweise ausschloss, weil es dort nach einer Eintrittswelle neuer Mitglieder angeblich zu manipulierten Vorstandswahlen gekommen war. Es solle sich hier um eine >>feindlichen Übernahme<< durch eine sich selbst als nationalliberal bezeichnenden Gruppe gehandelt haben. Nebenbei: Frontal 21 vom 14.03.06 berichtete von Bundeswehrsoldaten, die in Sarajewo mit Presseausweisen ausgestattet, um der dortigen Bevölkerung Seriosität vorzugaukeln, nach Terrornetzwerken forschen. Wo die wohl herkommen?![]()
Methode und Moral, Merkmale und Einstellungen, Tätigkeiten und Zufriedenheit, Leitmedien und Public Relations, nichts wird ausgelassen. Alles in allem die wohl gründlichste, schonungsloseste und bemerkenswerteste Analyse die je über den Journalismus gemacht wurde. Im Anhang sind Erläuterungen zur Untersuchungsmethode, Fragebögen und statistische Ergebnisse abgedruckt.![]()
S. Weischenberg, M. Malik, A. Scholl, Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Universitätsverlag, Konstanz 2006.![]()
MODERNE KUNST – UNZEITGEMÄSS![]()
Musée D’Art moderne et contemporain, Strasbourg, place Hans-Jean Arp. Bis 18. März 2007:![]()
GEORGES ROUAULT (1871 – 1958)![]()
>>Forme, Couleur, Harmonie<<![]()
Vermutlich die größte Retrospektive die jemals im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Strasbourg gezeigt wurde. Das Logo Form, Farbe, Harmonie passt zu Rouault, dem von André Malraux geförderten Künstler. Malraux, Kettenraucher und ehemaliger Spanienkämpfer der internationalen Brigaden, später erster Kulturminister der vierten französischen Republik, dürften die Motive des Malers gefallen haben. Dirnen und fiese Richter waren häufig seine Objekte, nette Kombination, die mit seiner Religiosität zusammenhängen müßte. >>Heiliger<< Expressionismus!![]()
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Str. 2-6, 76133 Karlsruhe. Bis 07.01. 2007:![]()
JOSEPH BEUYS![]()
>>Zeichnungen<<![]()
>>Hiermit trete ich aus der Kunst aus<<, erklärte Beuys nicht ohne Humor, in den 80er Jahre lieferte er den Smash-Hit der Friedensbewegung gegen die Nato-Doppelbeschlüsse: >>Weine nicht, wenn der Reagan fällt<<, damit war der damalige US-Präsident gemeint. Gelegentlich schmierte er auch nur eine Fettecke irgendwo in die Hallen der Kunst, trat also ein und aus!![]()
Kunsthaus Bregenz, Karl-Tizian-Platz, A-6900 Bregenz![]()
CINDY SHERMAN (*1954, Glen Ridge, USA)![]()
>>Fotografie<<![]()
Post-Feminismus. Aus der New Yorker-Szene der ´80er Jahre hervorgegangen. Experimentierte mit inszenierten Manipulationen des von den Medien erzeugten Selbstbildes. Arbeitet mit dem Umfeld von Sylvère Lotringer und der Zeitschrift Semiotext(e) zusammen. Kunst in Zeiten der Theorie. Grosse Würfe, Verwerfungen, Entwürfe.
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