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Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 68, 2007-04

Friedrich, Sebastian:
“Warum soll der Kampf gegen den Rechtsextremismus nicht auch Spaß machen”
Ein Interview mit der Journalistin Andrea Röpke

Die Journalistin Andrea Röpke hielt am 07.03.07 einen Vortrag im Jubez Karlsruhe. Freundlicherweise stellte sie sich vorher für ein Interview zur Verfügung.

SZ: Ein Teil der Taktik der Rechten ist die Wortergreifungsstrategie. Rechtsextreme besuchen vermehrt Vorträge von antifaschistischen Journalisten. Welche Erfah-ungen haben Sie diesbezüglich gemacht?

AR: Das hat sich zugespitzt. Es betrifft mich nicht alleine. Wir sind ein Kreis von etwa ein bis zwei Dutzend Journalisten, die sich fachberuflich mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen. Dieser Kreis von Journalisten ist immer stärker betroffen, insbesondere bei Vortragsveranstaltungen. Rechtsextreme stören diese Veranstaltungen auf verschiedenste Art und Weise. Die harmloseste Form ist es, wenn sich Frauen oder auch ältere Menschen unauffällig ins Publikum setzen, sich während des Vortrages so weit wie möglich zurückhalten, aber bei den anschließenden Diskussionen dann rechte Themen, wie zum Beispiel die Infragestellung der Kriegsschuld, aufgreifen. Eine andere Variante ist es, die Veranstaltungen massiv zu stören. Teilweise behindern Kameradschaften den Zugang zu Veranstaltungen, versuchen die Besucher einzuschüchtern und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. In vielen Teilen der Republik sind Veranstaltungen ohne Polizeischutz nicht mehr möglich. Neonazis versuchen jedoch auch, mittels einer größeren Gruppe Veranstaltungen so zu stören, dass sie im Sinne der Wortergreifungsstrategie den Saal beherrschen. Diese Taktik wird vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt seitens der Jungen Nationaldemokraten (JN) und der Kameradschaftsszene kategorisch angewendet.

SZ: Wie reagieren Sie als Referentin auf derartige Strategien?

AR: Wir Journalisten vernetzen und schulen uns gegenseitig, um aus solchen Defensivhaltungen herauszukommen. Vielleicht wurde zu lange gewartet beziehungsweise weggeschaut. Solche Situationen sind äußerst gefährlich. Wir müssen flexibler werden und auf solche Strategien schneller reagieren.

SZ: Viele Medien vermitteln oft den Eindruck, dass es sich beim Rechtsextremismus hauptsächlich um ein ost- bzw. norddeutsches Phänomen handelt. Wie sehen Sie das?

AR: Die westdeutschen Bundesländer holen rasant auf, auch wenn die Dynamik erst einmal von Ostdeutschland ausging. In einigen Gebieten sieht man, wie die Rechten nun die Jugendkulturen dominieren. Ähnliche Entwicklungen sind jedoch mittlerweile auch in Niedersachsen, Hessen und Bayern zu beobachten. Gerade in Bayern sprießen die Kameradschaften geradezu aus dem Boden. Dort, wo sich alternative Jugendkulturen zurückziehen, stoßen Rechtsextreme in ein Vakuum und besetzen ursprünglich linke Begriffe. Auf der einen Seite zieht sich die Zivilgesellschaft zunehmend zurück und auf der anderen Seite werden von staatlicher Seite aus Gelder für Jugendzentren gekürzt oder gar komplett gestrichen.

SZ: Am Wichtigsten erscheint mir die Frage nach konstruktiven Gegenmaßnahmen. Sie sprechen sich ja für ein NPD-Verbot aus. Welche konkreten Auswirkungen erhoffen Sie sich davon?

AR: Ein Verbot hätte insbesondere einen symbolischen Wert, um der Gesellschaft zu zeigen, dass es sich im direkten und indirekten Umfeld um klar verfassungsfeindliche, menschenverachtende Strukturen handelt. Zum Anderen erhält die NPD, beispielsweise durch Wahlkampfkostenrückerstattung, sehr viel Geld vom Staat. Vergangene Kameradschaftsverbote haben gezeigt, dass es relativ sinnlos ist, diese zu verbieten, da sie sich dann im Sinne einer Partisanenstruktur kurze Zeit später neu gründen.

SZ: Ähnlich würde es sich wohl aber auch bei einem Verbot der NPD verhalten. Ist es langfristig gesehen nicht sinnvoller, sich gesamtgesellschaftlich mit dem Rechtsextremismus auseinander zu setzen?

AR: Natürlich. Wir müssen zivilgesellschaftliche Solidaritätsmechanismen wieder in Gang setzen. Wir müssen erkennen, dass die Neonazis schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Gerade hier würde ein Verbot helfen, um die Gesellschaft aufzurütteln und den Rechten ihr Saubermannimage zu nehmen.

SZ: Neonazis greifen verstärkt soziale Themen auf: sie greifen die Rente ab 67 an und propagieren den Kampf gegen Hartz IV. Sollte man im antifaschistischen Kampf wesentlich auf soziale Inhalte eingehen, die die Neonazis aufgreifen, oder sich bei den weitergehenden sozialen Zielen zurückhalten?

AR: Wir dürfen uns nicht in die Defensive locken lassen und müssen eigene Dominanz erzeugen. Neonazis dürfen uns nicht die Themen diktieren, die wir aufgreifen.

SZ: In den siebziger Jahren sangen viele ohne weiteres „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ mit, auch wenn sie nicht besonders viel mit den Linken und der Hausbesetzerszene zu tun hatten. Damals hatte die Linke die Hegemonie - sie gab die Themen an, über die diskutiert wurde. Warum verlieren wir zunehmend die kulturelle Vormachtstellung an die Rechten?

AR: Ich beobachte auch schon seit längerem, dass wir die kulturelle Vielfalt verlieren und die Rechten daraus Kapital schlagen. Ich bin der Meinung, dass die Linke sich wieder kreativer mit den Rechten auseinandersetzen muss. Das Bissige und ewig politisch Korrekte bringt uns anscheinend nicht weiter. So hat die “Front Deutscher Äpfel” wunderbare Kampagnen. Kein Sex mit Nazis beispielweise. Warum soll der Kampf gegen Rechtsextremismus nicht auch Spaß machen? Das fehlt uns einfach. Wir arbeiten mit einer fürchterlichen Verbissenheit gegen Rechts. Und genau das nutzen die Rechten und erscheinen mit ihrer oberflächlichen, verlogenen Vielfalt leider teilweise attraktiver als wir. Es liegt an uns, dass wir bei diesem Punkt nachlegen.


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