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Artikel



Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06

Güde, Fritz:
Die Waffe derer, denen Sarkozy den Marsch bläst
Über den RAP der französischen Banlieue

Auch wenn Sarkozy ganz am Ende noch Friedensgesäusel verbreitet hat, eines ist klar: Die Wahlen hat er gewonnen, indem er das anständige Frankreich gegen das unberechenbare, angeblich unfranzösische (mit meist französischem Pass) in den Vorstädten aufhetzte. Wie Bernhard Schmid sagte: "Sarkozy säuft das Wählerreservoir der französischen Rechten leer"( 11.6. über trend.infopartisan)

Insofern wird es sicher sofort nach den Wahlen zum Parlament gegen die Banlieues und Slums losgehen. Nicht gleich mit dem angedrohten Kärcher, aber mit noch mehr Polizei und noch mehr Zugriffsrechten. Wird der Angriff gelingen? Was haben die Vorstädte dem entgegenzusetzen?

Am Wahlresultat selbst lässt sich wenig ablesen. Wahlboykott gab es nicht; in den Slums wurde fleißig, aber nicht übermäßig Ségolène Royal gewählt. Das sollte aber eher als "Nein" zu Sarkozy interpretiert werden, nicht etwa als "Ja" zum säuselnden Sozialismus in Kostüm und brüder- oder schwesterlicher Umarmungsgestik.

In einem kleinen Reclambüchlein für den Schulunterricht hatte Eva Kimminich von der Universität Freiburg schon 2002 auf die besondere politische Bedeutung aufmerksam gemacht, die RAP in den französischen Banlieues erhalten hat. Besonders ausgeprägt auch in der Region Strasbourg, wo es seit den neunziger Jahren ein kommunal unterstütztes Studio "sons de la rue" gibt (www.sonsdlarue.fr). Nach dem Antritt der Rechten im Provinzparlament ab 2002 sollen ihm laut der genannten website Mittel gestrichen worden sein , doch mit vielen kleinen Clips und Songs nimmt es sich immer noch ansehnlich aus. Wie bei allen subventionierten Projekten schleicht sich das Pädagogische leicht ein. Es ist aber genug übrig geblieben, das der ursprünglichen Intention entspricht.

Rap, stellt Eva Kimminich fest, verbindet sich in den Vorstädten zu einer festen Einheit mit der Kultur der Graffiti und des break-dance, ergänzt durch einem besonderen Kleidungsstil, wie ihn die Photos der website "sonsdlarue" zeigen. In dieser Einheit ergibt sich offenbar ein Zusammenhalt, eine Festigkeit und Unbeugsamkeit, die bisher jedem erzieherischen und polizeilichen Eingriff widerstand. Und dies inmitten der Leere, der Empfindung totalen Beraubtseins. Wie passt beides zusammen?

Eva Kimminich gibt einen Text wieder, den die Gruppe "Hard Life & Le Déclic" publiziert hat. Déclic heißt laut Kimminichs Kommentar ungefähr: "Es hat geschnackelt"

Eine Eigenheit aller Texte, auch der bekanntesten, ist der - absichtliche oder unabsichtliche - Verstoß gegen sämtliche Regeln der französischen Rechtschreibung und Grammatik. Schon in der Schule nicht allen zugänglich, gelten diese als Domäne der feinen Leute, der Etablierten. Doch das ist hier nicht weiter vorzuführen. Stattdessen im Folgenden ein Ausschnitt aus einem Song aus den Vorstädten von Strasbourg, bei Kimminich im Original dokumentiert, schwer zu übersetzen und hier, mehr dem Sinn als den Einzelbedeutungen folgend, etwas holprig übertragen:

Titel und zugleich erste Zeile lauten:

"Schnapp dir die Sechzehn-Millimeter-Kamera"

Das Viertel ist noch immer da

Das Leben fließt gleich, die Tage so gleich

Die gleichen Jungs ziehn um die gleichen Silos

Gleicher Monat, gleiches Jahr- schleppst immer die gleichen Kilos

Die Tage am Seil, jeder dem andern verwandt

Gleiche und gleiche geben einander die Hand

Wie krieg ich diesen Tag noch rum

Der Ringelreihen macht mich dumm

Einen Tag länger rumhängen im Treppenhaus

ein Tag mehr, der trickst mich aus

Abgezählt, Tag für Tag - und du bist raus

Der gleiche Film spult immer gleich sich ab

Der gleiche Scheiß von der Krabbelstube bis ins Grab

Den gleichen Tag von Tag zu Tag rumkriegen

Und schließlich tief im Straßengraben liegen

Wo es mich gibt, heißt es Überleben

Warum dann nicht gleich sich die Droge geben?

Die Schuld holt dich ein

Irgendwann will sie bezahlt sein

Als Preis blätterst Du das Leben hin

Bei Verlust, ganz egal, oder bei Gewinn

Öffne dem Schrei der Mütter die Ohren

Die einen Sohn, eine Tochter verloren

Ein Toter mehr gestorben

ein Tag mehr verdorben

Die Tage folgen ohne Unterlass

Ein jeder wischt Liebe aus, brütet den Hass

Liebe und Tod stützen sich beiderseits

Die Liebe zeugt mit dem Tod das Aids

Todesschritte zu hören sind

Des Menschen Blick dabei für eines blind:

Es geht die Zeit, es läuft die Uhr

Die Zeit lässt hinter sich eine Spur,

Ein neuer Tag - die Zeit nimmt ihren Lauf

Ein neuer Tag - Sheitan lauert uns auf

Ein neuer Tag, um abzuschlaffen

Der Beton fordert: Kies heranzuschaffen

Es ist so eingerichtet, und von allen

Dass wir im Schwindel auf die Schnauze fallen

Und man stopft ins ewige Schweigen

Solche, die Hunger nach Wissen zeigen

Die Tage entweichen

Die Träume verbleichen

Wie halte ich Stand?

Zeit ist davon gerannt

Ein wiederkehrender Refrain aus drei Strophen:

Neuer Tag dauert lang.

Tage gehen ihren Gang

Leben eile oder schleich!

Alle Tage immer gleich.

Alle Tage immer gleich,

Das Leben spielt uns einen Streich

Lauf, Leben, oder schleich!

Die Tage immer neu

Sie ziehn an dir vorbei

Zu übereilt, zu jäh

Der neue Tag hängt zäh

Der Tag, der Tag, der Tag, der schleicht,

Einer dem andern gleicht.

Der Tag.....?" (Kimminich, S. 25ff (

Der Text, um 2002 entstanden, scheint zunächst völlig unpolitisch. Ein einziger Ausdruck durchzieht den Song: Tag, leerer Tag, immergleicher leerer Tag. Beim "armen Mann im Toggenburg" bäurischer Herkunft aus der Schweiz findet man um 1780# den Ausspruch: "Gestern wie heute, heute wie gestern. Es hätte immer so weiter gehen können". Dem Bauern ist das Immergleiche das Gesicherte. Keine Überraschung durch Gewitter und Dürreperioden. So wurde das Immergleiche in bäuerlichen Zeiten ganz anders erlebt als hundert Jahre später.

Da lässt Grillparzer den "armen Spielmann" in seiner gleichnamigen Novelle sagen: "Heute, wie gestern. Gestern wie heute" - Ausdruck tiefster Trostlosigkeit. Grillparzers Spielmann ist aus gutem Hause, jetzt abgesunken und jeder Perspektive beraubt. Genau das kennzeichnet dann das proletarische Schicksal, soweit es nicht - vorübergehend - durch ein "Mit uns zieht die neue Zeit" aufgehellt wird.

Guy Debord bringt in seinem Buch über das Spektakel eine verblüffende neue Bestimmung des Proletariats: "Zum Proletariat gehören die, die unter keinen Umständen eine eigene Perspektive entwickeln können, was ihre Umwelt - den Raum ihres Lebens - und was ihre Zeit (Zeitplanung) betrifft - und die das wissen."

Der Song der Gruppe "déclic" zeigt einen Ansatz dieses Wissens. Man ist - räumlich - gefesselt an die enge Vorstadt. Schon ein Ausfall ins Zentrum Strasbourgs, zwischen Münster und Fachwerkgemütlichkeit, geschieht selten, gruppenweise, immer in Gefahr, auffällig zu werden und polizeilich behandelt zu werden. Dasselbe gilt der Zeit nach. Wie bitter der Hinweis auf den Aufstieg über Bildung, der ja hüben wie drüben der Rheinufer mundfusslig empfohlen wird: Wissbegierige zum Schweigen gebracht. Der Lebensvorgang: ein einziges Abnutzen. Die Träume verbleichen..

In der Sammlung dieser Trostlosigkeiten findet sich trotzdem der Stolz, das auszusprechen, es zu wissen, weitersagen zu können. Es ist in der Vernichtung Ausdruck der Gemeinsamkeit, auf die sich alle einigen können, welcher Herkunft auch immer. Im Gefühl des Zunichte –Gemacht -Werdens sammelt sich die Kraft, dem Vers der Internationale zu entsprechen "Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger / Alles zu werden kommt zuhauf"

Es hat Strafanzeigen Sarkozys gegen die Verfasser aggressiverer Raps als gerade diesen gegeben. Zwei Lehrerinnen erhielten etwas, das einem Berufsverbot sehr nahe kam, als sie im Unterricht politische Raptexte behandelten. Es half nichts. Über CDs, private Sender und das Internet kann die neue Musik der Ortsgefesselten ihren Ort verlassen und verbreitet sich wie die Luft.

Ein Problem ergibt sich nämlich aus Debords Definition der revolutionären Klasse. Die hergebrachte der bisherigen sozialistischen Tradition hob vor allem auf eine Eigenschaft des Proletariats ab: Da die Proletarier in Wirklichkeit alles produzieren, können sie gerade deshalb ihre Arbeitskraft zurückhalten, und sie können aus den im Produktionsprozess erworbenen Kenntnissen am Ende den ganzen Laden schmeißen, ohne das Fach- und Geschäftswissen der Bourgeoisie.

Das Problem der Banlieue - BewohnerInnen ist aber, dass sie systematisch außerhalb der als Mehrwerterzeugung gedachten Arbeit gestellt werden.

Doch was ist heute Produktion? Ohne auf Negris unsinnigen Begriff der immateriellen Arbeit, wie er ihn versteht, hereinzufallen, muss doch zugegeben werden, dass die Arbeit die Fabrik vielfach verlassen hat und dass ihre Organisation - just in time etc. - ein dichtes Netz von Verständigungen, Verständigungsregeln und Kommunikation erfordert. Gleichwohl ist auch diese Produktion nicht immateriell, denn sie hängt an ihrem Beitrag zur Ermöglichung materieller Produktion. Aber es handelt sich um genau das Gebiet, in das auch die Produktion und Verbreitung von Rap eindringt. Private Radioketten leben mittlerweile schon davon, drängen sie damit von ihrer Position des Nichts doch ins Zentrum vor : Ziemlich viele Rapperinnen und Rapper verdienen ihr Brot inzwischen als Djs dieser Sender. Zusätzlich werden CDS gepresst und Songs über das Internet verbreitet. Durch Streik können Rapper und Rapperinnen wenig ausrichten, aber durch eine andere Art der Arbeit, eben unter Ausnutzung der elektronischen Notwenigkeiten heutiger Produktion.

All das heißt freilich nicht, hier sei jetzt endlich der sichere Weg zum Sieg gefunden, kein Gegner mehr zu erwarten, keine Vorsicht mehr geboten.

Merkwürdig bleibt, dass die meisten der Songs ihre Lust und Poesie keineswegs aus dem lärmenden Draufschlagen beziehen. Die - meist - Farbigen in den Slums klagen vielmehr gerade die von der bürgerlichen Revolution allen versprochenen Rechte ein - zum Teil naiv, zum Teil in der richtigen Erkenntnis, dass die bürgerliche Gesellschaft, wie Hegel schon andeutete, in all ihrem Reichtum nicht fähig ist, ihr eigenes Versprechen der Gleichheit und des Aufstiegs zu erfüllen. Sie klagen sie ein, so wie zwischen 1830 und 1848 die Arbeiter immer wieder das Recht auf Arbeit forderten, bis die Bourgeoisie im Juni 1848 die Bundesgenossen aus der Arbeiterschaft genau deshalb blutig massakrierte, weil sie einsah, dass sie das nicht gewähren konnte, ohne Lohnarbeit als Grundlage des Kapitals aufs Spiel zu setzen.

Umgekehrt erkannte die Arbeiterklasse in ihren fortgeschrittensten Elementen im Manifest von 1848, dass sie ihr Recht auf andere Weise erkämpfen müsse und könne - nur im Bruch mit der Herrschaft der Bourgeoisie über die Produktionsmittel.

Derselbe Schritt steht den BewohnerInnen der Banlieues noch bevor. Im Augenblick schreiben sie Songs an "Marianne", Inbegriff eines Frankreich, das für alle da sein sollte, aber es nicht sein kann. Oder einen "Brief an den Präsidenten" als Rap. Immer wieder findet sich dabei der Dreischritt aus Klage, Anklage, Abkehr.

Damit es nicht so weit kommt, setzen die Verteidiger der bestehenden Ordnung auf Abstumpfung. Sie organisieren in den Gefängnissen selbst Rap - mit angeschlossenen Schreibbüros und Studio. Einen der Texte aus dieser Produktion gibt Eva Kimminich ebenfalls zum besten. Gefangene aus einem Knast bei Strasbourg rappen:

"Knastbrüder geben den einen Tipp

Leb Dein Leben mit Liebe für jeden Augenblick

Stürz dich für später nicht ins Unglück

Kopf hoch, und das Hirn ausprobieren

Und mich in das elende System integrieren

Jahrlang hatte ich nur Hunger und Fressen im Sinn

Mit dem Mikro zeige ich jetzt, wer ich bin

Ich acht' auf die Worte, halt zusammen die Taten, bin voll in action

Jetzt blick ich, Junge, des Lebens wahre direction

Sohn, du sollst an die Zukunft denken

Das Schlimmste, der Knast, wird dir nichts schenken

Klauen- das bringt dir bloß Schererei

Mein einziges Ziel: für mich ist so was vorbei.

Dieser rap sei all den Typen im Knast geweiht,

Ich rappe hier, weil mich das befreit,

Sohn, denke an die künftige Zeit!" (Kimminich, S. 113, übersetzt von Fritz Güde)

Die pädagogische Absicht wird überdeutlich: Glaub an den Aufstieg, auch wenn er unmöglich ist! Im Kommentar führt Kimminich Jugendliche aus Colmar an, die nach einem Open-Air-Konzert der Knastgruppe dem beseligten Reporter ins Mikro bekannten: "Als ich das hörte, bekam ich Lust, mich auf den Hosenboden zu setzen und mehr zu lernen" (Youssef Elabari), oder auch: "Als ich das hörte, bekam ich Lust auf eine eigene Band und eigene Texte" (Tomma Yapapa). Die Namen verraten alles über Herkunft und erzwungenen Ehrgeiz für den Aus- und Aufstieg ins Leere. Angesichts der Erfahrungen, die der jetzige und der künftige Sarkozy-Staat den Jugendlichen in Neuhof bei Strasbourg und anderswo in den Slums vorbehalten, scheinen die Aussichten der neuen Heilsarmee, diese Erfahrungen umzubiegen, gering.

Zum Schluss noch ein Wort zu der Diffamierung der riots in den Vorstädten im letzten Jahr als rein chauvinistische Männersache, offene Ausrufung der Tyrannei der Schläger und Autogriller, auch über die eigenen Mütter, Schwestern und Frauen.

Es wurde schon damals von manchen darauf hingewiesen, dass nicht jede, die selbst keinen Molli wirft, das Molliwerfen anderer missbilligt. Als an der Startbahn West die Masten fielen, konnten auch nur wenige technisch Begabte mit entsprechenden Hilfsmitteln ans Werk gehen. Was nicht bedeutete und damals vor aller Augen lag, dass etwa die Umstehenden gewollt hätten, dass man gefälligst die Pfoten von Stromleitungen lassen solle. Im Gegenteil: Solche Aktionen waren kollektiv gewollt und gebilligt, zwangsläufig nur von wenigen durchgeführt.

Wesentlich anders wird es auch in den Banlieues nicht zugegangen sein.

Was aber den kämpferischen Rap angeht, so sind eine ganze Reihe von Frauen noch unter dreißig als Rapperinnen aufgetreten. Etwa Miam, die den Brief an die Tochter Le Pen verfasste - oder "Ihr Frankreich" gegen das Sarkozys pointiert verteidigte. Insgesamt werden es Sarkozy und die seinen schwer haben, die Orte der Ausgestoßenen zu stürmen und in ihrem Sinn umzusiedeln, Orte, die die Untersten durch Graffiti, Break und Rap im Augenblick der äußersten Verlassenheit und Beraubung in der Souveränität der Zeichensetzung trotz allem neu zu ihrem Ort gemacht haben. Es steht noch dahin, wer beim Ansturm auf der Strecke bleiben wird.



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