Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06![]()
Friedrich, Sebastian:
„Jede Generation sucht sich ihre eigenen Sprachrohre“ - Ein Interview mit Nikel Pallat
Anfang Mai traf ich in Bremen den ehemaligen Ton Steine Scherben-Manager und Saxophonist, der nebenbei auch mal ein paar Lieder sang und aus Protest in einer Talkrunde einen Tisch zu Kleinholz verarbeiten wollte. Heute arbeitet er beim von ihm mitbegründeten Indigo-Vertrieb in Hamburg und ist Mitglied der Ton Steine Scherben Family, einer Reunion vieler ehemaliger Scherbenmitglieder. ![]()
Stattzeitung: Viele frühere Scherbenmitglieder stehen heute gemeinsam neben dir als Ton Steine Scherben Family auf einer Bühne. Versuche mal die heutigen Konzerte mit den früheren zu vergleichen. Was hat sich bei euch musikalisch verändert?![]()
Nikel Pallat: Das ist sehr schwer zu vergleichen. Ton Steine Scherben war von der musikalischen Umsetzung her nicht die Band gewesen, die die größten Virtuosen der Neuzeit vereinte. Wir waren eher handwerklich ordentlich aber keinesfalls musikalisch sensationell. Ton Steine Scherben lebte von Rios Charisma und von den ganzen Aktionen, die wir drum herum gemacht haben. ![]()
Mitte der Siebziger hatten wir dann Schneeball gegründet. Da waren dann insbesondere in Berlin viel virtuosere Mitglieder dabei. Die anderen Schneeballbands wie zum Beispiel Embryo oder Missus Beastly waren eher Jazzrockmusiker, die musikalisch viel hochkarätiger waren als wir, aber das spielte gar keine Rolle. ![]()
Musikalisch veränderten sich Ton Steine Scherben im Laufe der Achtziger Jahre. Der dazugekommene Pianist Martin Paul hatte einen viel größeren musikalischen Background als der Rest der Band und das macht sich auch heute noch bemerkbar. ![]()
Oder Marius. Er ist ein typischer Scherbenmusiker, in dem Sinne, dass er vom Punkrock kommt. Er brachte also eher die raue Ebene in die Band, obwohl wir eigentlich immer schon wegen unserer Haltung zur Musik und der musikalischen Umsetzung als Präpunkband galten. ![]()
Als Rio dann anfing nur noch auf der Bühne zu singen und die Lieder nicht mehr auf einem Instrument zu begleiten, wurde mehr Wert auf die musikalische Perfektion gelegt.![]()
Heutzutage lege ich persönlich eher Wert auf Entertainment, da ich keinesfalls ein musikalischer Virtuose bin. Martin hingegen ist ein Musiker, der perfekt spielen kann. Der Bassist Kai und der Schlagzeuger Funky sind zusammen eine perfekt eingespielte Rhythmusgruppe.![]()
SZ: Nun hast du ausführlich eure musikalische Entwicklung dargestellt. Was hat sich jedoch beim Publikum verändert? ![]()
NP: Ein großer Teil des Publikums ist wirklich mit uns älter geworden. Andererseits gibt es aber auch einen sehr großen Teil von jungen Leuten bei unseren Konzerten. Auf den Konzerten sind vor allem die jungen Gäste extrem textsicher. Also insgesamt machen die 15-25jährigen bestimmt einen Anteil von etwa 40% aus. Ähnlich verhielt es sich auch schon immer bei den Plattenverkäufen. Unsere Alben haben immer schon eine neue Generation angesprochen. ![]()
SZ: Es kam dann Mitte der Achtziger zur Auflösung der Scherben. Wie kam es dazu?![]()
NP: Nach 15 Jahren befanden wir uns bezüglich der Publikumserwartung in einer künstlerischen Sackgasse. Man hätte natürlich weiterhin Scherbentourneen machen können. Es war jedoch immer schwieriger geworden, den Spagat zwischen den alten und den neuen Songs aufrecht zu erhalten. Es gibt ja einen Unterschied zwischen den Songs aus den Siebzigern und den späteren, als wir uns weiterentwickelten und Mitte 30 waren. Da sahen wir manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel. ![]()
Für Musiker, oder Künstler im Allgemeinen, gibt es nichts gefährlicheres als einen zynischen Umgang mit seinen eigenen Songs zu bekommen.. Ich will nicht sagen, dass Rio das Gefühl hatte, dass „Macht kaputt was euch kaputt macht“ an Brisanz verloren hatte, aber nach all den Jahren sah er vielleicht die eine oder andere Textzeile differenzierter. Er hat das Lied dann eben nicht mehr gespielt, weil er auch die immense Energie, die bei diesem Lied nötig war, nicht mehr aufbringen konnte. ![]()
Wenn du dann merkst, du bist dann irgendwo auf ein ganz bestimmtes Image festgelegt und du kommst mit dieser Band dann nicht mehr weiter, dann ist es für die persönliche Entwicklung notwendig, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Rio löste sich von der Band um dann auf einem Solopfad zu wandeln. Das hieß ja nicht, dass er einer Gehirnwäsche unterzogen wurde oder bei Dieter Bohlen in die Schule gegangen ist. Er hat ja auch noch viele Scherbensongs, insbesondere die unbekannten aus der Endphase, gespielt. Junimond beispielsweise erschien zwar auf seiner ersten Platte, war aber ein Scherbensong. Auch vom heiß geliebten König von Deutschland hatten wir bereits in den Siebzigern eine etwas andere Version.![]()
SZ: Der König von Deutschland wurde ja kürzlich von Mediamarkt für einen Werbespot verunstaltet. Blutet dir nicht das Herz, wenn du so etwas hörst?![]()
NP: Ja, das ist einfach eine Katastrophe. Wir als Band konnten das leider nicht verhindern, da die Freigabe für so eine, mal nett ausgedrückt, „Verwertung“ nicht in unseren Händen lag. Wir sind nicht die Erben, da es sich um einen Rio-Song handelt, da haben wir kein Mitspracherecht. Wenn einer von uns Mitkomponist oder anderweitig involviert gewesen wäre, hätten wir vielleicht ein Mitspracherecht gehabt. Es lag also an der Familie, die letztlich dafür gerade stehen muss, dass sie ihren Sohn, beziehungsweise Bruder, völlig ins künstlerische Debakel geführt haben. ![]()
SZ: In diesem Zusammenhang meinte euer ehemaliger Schlagzeuger Wolfgang Seidel einmal, es mache ihn nachdenklich, wenn Nena oder Joachim Witt Scherbensongs covern. Siehst du das ähnlich kritisch, oder kannst du dem vielleicht auch Positives abgewinnen?![]()
NP: Das ist öffentliches Repertoire. Jede Kapelle darf in Deutschland jeden Song eins zu eins nachspielen oder ins Programm nehmen, das kann keiner verhindern. Wenn Nena irgendein Liebeslied von Rio gut findet und das covert, dann ist das doch in Ordnung. Sie wird jetzt bestimmt nicht Menschenjäger oder so singen. Wenn sie einen guten Song für ihre Möglichkeiten adäquat covert, ist das ja erst mal nichts schlechtes. Das ist ja eigentlich eine Hommage an jemanden. ![]()
SZ: Äußerst kritisch ist sicherlich die Tendenz zu betrachten, dass auf Neonazidemos vermehrt Scherben gespielt werden und sogar die Nazirockband „Landser“ den Song „Allein machen sie dich ein“ gecovert haben. Wie ist so etwas möglich?![]()
NP: Du kannst so was einfach nicht verhindern. Vor ein, zwei Jahren gab es im Fernsehen mal so eine Sendung über Neofaschisten in Dortmund, die mit Che Guevara-Shirts rumlaufen und eben Scherbensongs hörten. Da für uns aus der Sendung nicht eindeutig hervorging, dass wir damit nichts zu tun haben, wollten wir eine Gegendarstellung erwirken. Leider erfolglos.![]()
Jetzt speziell bei Landser, kannst du vielleicht ausfindig machen, wo und von wem die CD gepresst wurde, damit du ein Herstellungsverbot erwirken kannst. So eine Recherche ist jedoch immens aufwendig. Viel schwieriger ist es noch jemanden dafür haftbar zu machen. Außerdem musst du dir noch die Frage stellen, ob du dann die Sache nicht noch größer machst als sie eigentlich ist und dadurch noch solchen Bands zu mehr Aufmerksamkeit verhilfst. ![]()
SZ: Aber wie erklärst du dir, dass Nazis überhaupt auf die Idee kommen Scherbensongs zu spielen. Wie gehen Ton Steine Scherben und Faschismus zusammen?![]()
NP: Ganz platt kann man sagen: Jede einzelne Textzeile von „Allein machen sie dich ein“ könnte bewegungsneutral sein. Aber dass jetzt das Lied von den falschen Leuten okkupiert wird, damit konnte niemand rechnen. Und wenn, wie bei Landser, noch entscheidende Textzeilen verfälscht werden, die ich hier jetzt nicht zitieren will, und der Sinn des Liedes dann völlig ins Gegenteil gezogen wird, dann stellt man sich schon die Frage, was man hier eigentlich losgetreten hat. ![]()
SZ: Im Zusammenhang mit Scherbensongs höre ich oft von verschiedensten Menschen, dass der Inhalt der Texte wie zum Beispiel „Sklavenhändler“ oder „Warum geht es mir so dreckig“ heute aktueller denn je ist. Andere, wie beispielsweise ein FAZ-Autor, schreiben, die Scherben seien nur noch reine Poesie. Was sind die Scherben deiner Meinung nach heute: Aktueller Politrock oder anachronistische Poesie?![]()
NP: Sowohl als auch. Die Scherben spielten, genauso wie heute irgendwelche Hip Hop-Bands, etwas, was um sie herum geschah. Die Frage ist, wie weit sind Texte von damals heute noch aktuell und in wie weit besitzen sie eine gewisse Zeitlosigkeit. Bei vielen Scherbensongs geht es um grundsätzliches, aber es gibt auch aktuelle Bezüge, beispielsweise beim „Rauch-Haus-Song“ und „Menschenjäger“. Das ist der aktuelle Tagesbezug, das was dahinter steht, die Haltung, die Widersprüche, die gehen dann tiefer. Nimm mal „Sklavenhändler“ - die jetzige Situation ist nach meinem Empfinden noch viel „sklavenhändlermäßiger“ geworden als in den siebziger Jahren.![]()
SZ: Wir befinden uns also in einer äußerst prekären Zeit. Viele Jugendliche sehen für sich kaum eine Perspektive. Warum scheinen aber insbesondere junge Menschen viel unpolitischer als in den Siebzigern zu sein?![]()
NP: Von der jungen Generation bekomme ich nur einen Teil mit. Nehmen wir mal die bravomäßig gut gestylten Teenies von „Nevada Tan“ als Beispiel. Die hatten mit „Revolution“ einen Hit, der sich über zehntausendmal in Deutschland verkaufte. Es heißt in dem Song: „Das ist die Revolution unserer Generation und die beginnt an dieser Station“. In dem Song wird zwar wenig Klartext gesprochen, aber es handelt trotzdem, grob gesagt, von einer Generation von Teenagern, deren Eltern nicht wissen, was sie wollen und was sie tun. Deshalb muss sich die jüngere Generation von der älteren absetzen. Im Grunde nichts anderes, wie der klassische Generationskonflikt. Ein bisschen aufgemotzt mit Worten wie Revolution. Das ist jetzt die kommerzialisierteste Variante an Teenagerkultur, bei der mit solchen Begriffen rumhantiert wird. ![]()
Neben dem üblichen Schrott, den man sich im Radio anhören muss, gibt es aber noch andere Leute, die in irgendeiner Weise politische Musik machen. In der Hip Hop-Szene gibt es eine ganze Menge, die gerade auch aus der Migrantensituation oder aus persönlichen Unterdrückungserlebnissen heraus entstehen. Dinge, die einfach in der Gesellschaft, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, erlebt werden. Hier wird teilweise ganz schön Klartext gesprochen.![]()
Es ist aber vielleicht schwierig, so eine derartige Radikalität so zu erzeugen, wie es früher mal möglich war. Damals waren die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft viel krasser. Die Feindbilder in den siebziger Jahren waren viel eindeutiger als heute. Und es ist fürchterlich schwierig, ein Thema wie zum Beispiel Klimawandel auf den Punkt zu bringen. So etwas ist weniger greifbar als beispielsweise der klassische Ost-West-Konflikt.![]()
Meiner Meinung nach gibt es genügend Leute, die sich überhaupt nicht mehr mit der jetzigen Situation in Deutschland abfinden wollen. Vielleicht fehlt ihnen ein Sprachrohr. Jede Generation schafft sich ihre eigenen, da können wir Alten nicht viel machen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Sprachrohr findet, weil, wie gesagt, die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft krass genug sind, um sich dagegen aufzulehnen. Es ist keinesfalls so, dass sich Deutschland zu einem Paradies entwickelt hat. ![]()
SZ: In einem Interview mit der Jungen Welt sprachst du 2001 von einem Armutszeugnis der Demokultur, da sich die Musik aus den Lautsprecherwägen teilweise nicht über die Scherben hinaus entwickelt habe. Siehst du eine positive oder negative Veränderung in den letzten Jahren?![]()
NP: Es sind schon ein paar schillernde Typen aufgetaucht. Jan Delay hat auf seinem Soloalbum ein paar Songs geschrieben, die sind sehr gut. Die Songs werden zwar nicht auf Demos gespielt, haben aber trotzdem einen ganz radikalen Blickwinkel. ![]()
Ich gehe davon aus, dass viele junge Bands von den Radiostationen genauso wenig gespielt werden, wie wir damals gespielt wurden. Die Leute kamen auf unsere Konzerte, besorgten sich die Platten oder kopierten sie auf Kassette weiter. So wurden Bands wie wir im Flüsterpropaganda-Stil bekannt. Solche Wege sind natürlich heute auch noch möglich, verstärkter noch durch die Möglichkeiten des Internets. Da tut sich gerade eine Menge, man müsste diese Entwicklung nur viel stärker beobachten.![]()
SZ: Ihr wart ja eine Art D.I.Y. - oder Indievorreiter, weil ihr eure Platten selber produziertet. Dadurch konntet ihr singen und spielen was ihr wolltet. Wie sieht es heute mit der Unbefangenheit einer politischen Band auf einem Majorlabel aus?![]()
NP: Da haben sich die Zeiten geändert. Wenn du heute ein politisches Statement bei einer Plattenfirma machen würdest, würde das nicht sofort zu einer Vertragsauflösung führen. Das war früher schon anders. Es passiert trotzdem nichts auf den großen Labels, rabiate Politsongs findest du hier eher nicht. Es sei denn, du singst wie Nevada Tan über die Revolution auf diese niedliche Art. ![]()
SZ: Kommen wir am Schluss noch mal zur Scherben Family. Euer nächstes Konzert findet in einem Protestcamp während des G8-Gipfels statt. Ihr versteht euch also keineswegs als vergangenheitsfixierte Altrockband sondern als aktuell-politische Band?![]()
NP: Auf jeden Fall. Es ist für uns total wichtig, dort zu spielen. Wir wollen in diesem Zusammenhang unseren Beitrag dazu leisten und vielleicht doch den einen oder anderen noch mobilisieren. ![]()
SZ: Ich las kürzlich, dass ihr darüber nachdenkt, eigene Stücke zu schreiben. Wie soll es also mit der Ton Steine Scherben Family weitergehen? ![]()
NP: Aktuell arbeiten wir an einer DVD mit einem großen Teil unseres Live-Konzerts am 1. Mai in Berlin. Wir gehen davon aus, dass eine Live-DVD mit Bildern eine bessere Wirkung hätte als eine CD, weil man auf einer CD automatisch im akustischen Wettstreit mit den Originalsongs steht. Es gibt aber noch viele unveröffentlichte Songs, die wir eventuell mal auf eine CD packen können. Ich persönlich halte nicht viel davon, die alten Scherbensongs im Studio noch mal neu einzuspielen. Ich würde dies für blödsinnig halten, da die Originale mit Rio kaum zu toppen sind. ![]()
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