Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 69, 2007-06![]()
Florian:
Heiligendamm, was dann?
Linksradikale Bündnisse ziehen Bilanz der G8-Proteste
Schlafsäcke, Sturmhauben und Wanderstiefel sind wieder im Schrank verstaut. Die größte linke Protestwoche seit Jahr-zehnten ist vorbei. Nach dem antikapitalistischen Ausflug warten wieder Vorgesetzte, Uni-Skripte oder Briefe von der Arbeitsagentur. Doch was bleibt für die Zeit nach Heiligendamm außer der Erinnerung an flüchtende Hundertschaften und die Fünf-Finger-Taktik? ![]()
Zwar sind die Gruppen und Bündnisse zum großen Teil noch mit der Aufarbeitung beschäftigt, doch schon die ersten Antworten sind so vielfältig wie die demonstrierenden Menschen und Aktionsformen während der Proteste. ![]()
Netzwerk Dissent ![]()
Lotta Kemper, deren „Pressegruppe Kempinski“ beim linksradikalen „Dissent“-Netzwerk angedockt war, wollte als „Teil einer weltweiten Widerstandsbewegung“ zeigen, dass der G8-Gipfel und Deutschland für eine „mörderische, kapitalistische Welt stehen“ und die Gäste „ausdrücklich nicht willkommen“ heißen. Sie betont vor allem die sozialen Aspekte der Protestwochen. Durch die gemeinsamen Proteste und besonders das gemeinschaftliche, kollektive Leben auf den Camps „lässt sich doch bestimmt etwas machen“, da auch immer mehr Menschen die Ver-schärfung der Lebensverhältnisse erleben. ![]()
Interventionistische Linke ![]()
Gar eine „kleine Renaissance der Linken“ sieht Tim Laumeyer und empfindet die Perspektiven für linke Politik als „besser denn je“. Er spricht für die „Interventionistische Linke“, das breiteste Bündnis, das zu den G8-Protesten in Heiligendamm aufrief. Das Spektrum reichte von Kirchen über Attac bis zu Autonomen, die sich zwei Jahre lang auf zahlreichen Bündnistreffen und drei Aktionskonferenzen in Rostock auf die Gipfelproteste vorbereiteten. Der gemeinsame Konsens bestand dabei darin, die G8, die für eine „Politik der Ausbeutung, des Elends und der Kriege“ stehe, zu delegitimieren. Zugleich sollte die radikale Linke gestärkt, und weitervernetzt werden. Laumeyer zeigt sich in der Rückschau zufrieden. Es sei gelungen auf die, vor allem durch die kapitalistische Wirtschaftsweise erzeugten, globale Probleme aufmerksam zu machen, ein gemeinsames „Nein“ zu formulieren und letztlich „mehr Menschen zu politisieren“. Die Interventionistische Linke erachtet den G8-Gipfel als „delegitimiert“ und seine „Herrschaftsinszenierung“ als „nicht mehr aufrecht zu erhalten“. ![]()
Theorie Organisation Praxis (TOP) ![]()
Ganz anders sieht das Daniel Räser. Selbst wenn die Zeit der acht lenkenden Industrienationen vorbei wäre, gewonnen sei damit nichts. Innerhalb der bürgerlichen Demokratie sei an solchen Gipfeln nichts illegitim und es würden dort auch keine Entscheidungen getroffen, wie die Welt ökonomisch zu organisieren sei. Er kritisiert die „verkürzte Kapitalismuskritik“ in großen Teilen der globalisierungskritischen Bewegung und den Glauben einiger, mit den Protesten den Kapitalismus in seiner Totalität angegriffen zu haben. Obwohl er nicht verstehen kann warum sich breite Teile der radikalen, antikapitalistischen Linken an solchen Events abarbeiten, mobilisierte seine Gruppe, Theorie Organisation Praxis (TOP) Berlin gemeinsam mit dem „Ums Ganze“-Bündnis zur Teilnahme an den Demonstrationen. Damit sollten aber in erster Linie „Debatten angestoßen und in Diskussionen anderer linker Gruppen hineingewirkt“ werden. Daher wolle sich das „Ums Ganze“-Bündnis auch nicht an großen Bündnissen beteiligen und zu großen Aktionen aufrufen. „Die radikale Linke verliert in solch breiten Bündnissen meist – entweder an Inhalt oder Aktionsmöglichkeit oder an beidem“, so Räser. ![]()
Klein, aber fein - oder Breitbündnis? ![]()
Trotz der Unterschiede herrscht in einem Punkt Einigkeit, in der Freude über die hohe Teilnehmerzahl und die immer noch recht große linke Bewegung. Wie damit aber nun weiter umgegangen werden soll, ist strittig. „Dissent“ und die „Interventionistische Linke“ wollen die Zusammenarbeit während der Proteste in ihren Bündnissen weiter vernetzen und ausbauen. „Ums Ganze“ will auch weiter bestehen bleiben, sieht sich aber gerade durch die G8-Woche in ihrer kritischen Distanz zu breiten Bündnissen bestätigt. Während sich bei den einen die Diskussionen vor allem um den kleinsten gemeinsamen Nenner bei künftigen breit angelegten Protesten drehen werden, müssen die anderen Wege aus der Isolation finden, um zu einem gesellschaftlichen Faktor zu werden. Die breiten Bündnisse hoffen dabei, dass vor allem die Massenblockaden rund um Heiligendamm der Gesellschaft gezeigt haben, dass „sich ziviler Ungehorsam lohnt“. „Ums Ganze“ dagegen will erst mal „kleine Brötchen backen“, sich auf bestimmte gesellschaftliche Debatten und ganz konkrete Proteste konzentrieren. ![]()
Die Hedonistische Internationale ![]()
Dass es dabei nicht immer allzu verkrampft und gewichtig zugehen muss, bewies die „Hedonistische Internationale“,also wörtlich genommen die „freudensuchende, die an einigen Blockaden mit ihrem Soundsystem zum Tanzen einlud. Sie wollten vor allem „Spaß und Freude in die Proteste tragen“ und auch Menschen ansprechen, die sich sonst in der außerparlamentarischen Linken nicht zuhause fühlten. Bei allen Unterschieden, nahmen sie auch „sehr viel verbindende Momente“ wahr. So bleibt für die Linke nach Heiligendamm wohl im Wesentlichen ein „Weiter so“ zu konstatieren. Oder wie Laumeyer meint: „Widerstand kann und sollte auch weiterhin auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Aktionsformen organisiert werden“. ![]()
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