stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 71, 2008-03

Hanloser, Gerhard:
Most radical chic-theory
Postoperaismus und Wertkritik – Was soll das sein?

Vom 07.-09.12. 2007 hat in Frankfurt/Main der Kongress "No Way out - Von Postoperaismus bis Wertkritik“ stattgefunden.

Organisiert wurde er von Gruppen, die aus dem antifaschistischen Spektrum heraus zu den Mobilisierungen nach Heiligendamm aufgerufen haben und den "...ums Ganze Block" gebildet haben. "Unser Ziel ist es, in der radikalen Linken überhaupt wieder eine Diskussion über diese Gesellschaft voranzubringen", sagt Sarah Brechtel von der antifa (f) aus Frankfurt (Main). An den drei Tagen nahmen zeitweise bis zu 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den einzelnen Veranstaltungen teil. Merkwürdig und für viele befremdlich war, dass der Kongress im großen und ganzen nur ein Theoriekongress war, und sich dazu noch auf zwei umstrittene radikale Theorien beschränkte: den Post-Operaimus und die Wertkritik. Vertreter dieser Strömungen dominierten so auch die Podien. Den wenigsten dürfte klar sein, wofür diese beiden Richtungen stehen, deshalb soll der folgende Artikel dies ein wenig erhellen.

Die Wertkritik – und eine Kritik der "Wertkritik“

Gerade zur richtigen Zeit – 1991 - machte sich ein marxologisch geschulter und von allerhand Sozialismus-Vorstellungen getäuschter, aber keinesfalls enttäuschter Zeitgenosse auf den Weg, um eine Rekonstruktion der Marxschen Kritik zu liefern: der Realsozialismus war gerade untergetaucht, und der Nürnberger Publizist Robert Kurz veröffentlichte „Der Kollaps der Modernisierung“. Damit trug der damalige Autor der Monatszeitung KONKRET entscheidend dazu bei, dass Marx nach 89 kein toter Hund geblieben ist, denn Kurz betonte, dass der „Kasernenhof-Sozialismus“ mit Marx und einer vom Kapitalismus befreiten Gesellschaft nichts zu tun hatte. Der Realsozialismus war lediglich eine nachholende Modernisierung, die aufgrund der Aushebelung des Konkurrenzprinzips letzten Endes dem Kapitalismus unterliegen musste. Kurz' Publizität war es zu verdanken, dass eine kleine Theoriegruppe der Restlinken bekannt wurde, die sich an einer Erneuerung der Marxschen Waren- und Wertkritik versuchten. Die Zeitschrift KRISIS aus Erlangen erschuf die Neue Deutsche Wertkritik und bediente das weitverbreitete Bedürfnis nach einer fundamentalen Kritik des Bestehenden, die alles Alte und Althergebrachte im Marxismus hinter sich lassen sollte, vor allem die Klassenkampf-Sprache. Dies sollte aber dennoch verbunden sein mit einer Wiederaneignung des vom bürgerlichen Mainstream totgesagten Marx, mit einer Absage an vermeintlich altlinke Täuschungen und dem Verlangen, dem postmodernen Trend zum Klein-Klein mit einem allgemeinen Generalschlüssel der Kritik zu begegnen. Mittlerweile ist viel Wasser die Donau hinuntergeflossen, die Wertkritik hat sich in miteinander konkurrierende Wertkritiken aufgespalten, die zwei „wertkritische“ Zeitschriftenprojekte hervorgebracht hat: KRISIS und EXIT. Außenstehenden sind jedoch die inhaltlichen Konflikte wenig einsichtig. Die Wertkritik versucht, ihre antikapitalistische Kritik in eine Ahnenreihe des westlichen Marxismus zu stellen, in der ebenso wie bei ihr selbst der Fetischismus der Ware als zentral erachtet wird. Demnach soll für eine nachkapitalistische Gesellschaft nicht mehr der „Wert“ als Maßeinheit der verausgabten Arbeit entscheidendes Steuerungsinstrument sein, wie nachwievor einige theoretisch versierte Marxisten-Leninisten insistieren, sondern der Wert gehöre zur kapitalistischen falschen Gesellschaft und ebenso wie Geld- und Warenform abgeschafft.

Neben Robert Kurz ist Anselm Jappe ein weiterer interessanter Vertreter wertkritischen Denkens. Seine Wertkritik weist eine besondere französische Note auf, wo sich der Kultur- und Kunstkritiker Jappe auch meist aufhält. Wie bereits die Lettristen und Situationisten um Guy Debord (vgl. Situationisten im Museum und die schwierige Frage der Erbschaft

Stattzeitung für Südbaden/ 69 ) bezieht sich Jappe auf den vorkapitalistischen Gabentausch und die anthropologischen und ethnologischen Studien von Marcel Mauss, um zu zeigen, wie eklatant die kapitalistische Warengesellschaft von diesen Gesellschaften abweicht. Die Gabe, die Verschwendung, die moralische Ökonomie wird der kapitalistischen Warengesellschaft entgegengehalten. Jappes Perspektive will sich jenseits des Reformismus und des Traditionsmarxismus ansiedeln und er will mit seiner Kritik einen „klassenjenseitigen 'Menschheitsstandpunkt“ einnehmen, denn der bewusste Wille der Menschen könne Berge versetzen. Jappe wie Kurz behaupten die historisch-theoretische Existenz eines „doppelten Marx“, der eine hielt es mit den Arbeitern, war Klassenkampftheoretiker und war leichtverständlich, der andere hielt es mit den Formbestimmungen, kritisierte eine allgemeine Fetischisierung und war schwerverständlich. Nur letzterer, der Marx der Fetischismus- und Wertformkritik, sei noch von Interesse. Jedes Denken in Klassenkategorien habe man aufzugeben, denn alle Menschen seien gleichermaßen „Warensubjekte“, auch die Arbeiter seien nur Verkäufer und Käufer, und darin den Kapitalisten gleich, die auch entfremdet auf dem Markt sich bewegen würden. Das scheint der Kern der Neuen Deutschen Wertkritik zu sein: es wird die Entfremdung des Tauschverhältnisses gegen die Mehrwertabpressung in der Produktion ausgespielt. Doch diese Fixierung auf den Kapitalismus als Markt und Tauschverhältnis ignoriert, dass Kapitalismus als soziales Verhältnis wesentlich Mehrwertabbressung, Zwang zu Lohnarbeit heisst.

Der Kapitalismus gießt nur rein theoretisch alle Verhältnisse in vertraglich geregelte Tauschverhältnisse, die als frei und gleich erscheinen. Die Zunahme von unfreier Arbeit und Sklavenarbeit weist historisch-konkret in eine andere Richtung. Darüberhinaus ging Marx davon aus, dass die idealtypischen Tauschverhältnisse im Kapitalismus die Eigentumslosigkeit einer Klasse zur Voraussetzung haben. Das ganze Abenteuer der Ausbeutung und des Klassenkampfs beginnt eigentlich erst nachdem die sehr besondere „Ware Arbeitskraft“ gekauft wird – und dann im unmittelbaren Produktionsprozess, wo mehrere Arbeiter zu den Zwecken des Kapitals kooperieren müssen, zur Anwendung kommen soll.

Hier fängt das Quietschen und Ächzen erst an, das Abenteuer also, dem sich die „Neue Deutsche Wertkritik“ - die Zirkulations- und Tauschverhältnisse vor Augen - , gar nicht hingeben möchte. Hier stößt man auf die Technologie, „die Kriegsmittel des Kapitals“, wie Marx es im „Kapital“ formulierte, hier stößt man auf den Kampf um die relative Mehrwertabpressung, auf die technologisch und soziologisch fundierten Versuche immerwährender Arbeitsverdichtung und die mal heroischen, mal kläglichen Antworten, die diejenigen geben, die diesem Verhältnis unterliegen und deren Willen genauso wenig frei ist, wie der der Intellektuellen: die zum Arbeiten Gezwungenen – also auf uns selbst mit unserem nicht immer leichtverständlichen Verhalten.

Exkurs: Dialogpartner der Wertkritik: André Gorz (1923-2007)

Anselm Jappe setzt sich auch ausführlich mit dem in Frankreich am prominentesten von André Gorz vertretene Vorschlag auseinander, bürgergeldgestützte Parallelgesellschaften neben der Warengesellschaft zu installieren. Jappe lehnt dies als „reformistisch“ ab, weil dieser Vorschlag die Arbeitsgesellschaft unangetastet lässt. André Gorz, der kürzlich mit seiner schwerkranken Frau freiwillig aus dem Leben geschieden ist, war immer offen für Kritik. Das dokumentieren auch Auszüge aus Briefwechseln, die Gorz mit Autoren der Wiener wertkritischen Zeitschrift „Streifzüge“ hatte.

Die Auszüge aus Briefen zwischen Dezember 2003 und September 2007, die die „Streifzüge“ präsentieren, zeigen einen ungemein agilen, selbstkritischen und um radikale Theorie ringenden Gorz. Seine noch im Jahr 2000 geäußerte Realpolitik-Strategie, ein Doppelgesellschaft zu etablieren, in der eine Waren- und Lohnarbeitsgesellschaft neben einer grundsicherungsgestützten Gesellschaft der Freiwilligkeit zu etablieren sei, verwarf Gorz am Ende seines Lebens. An die Frage der Grundsicherung müssten viel stärker Überlegungen zu einer radikalen Bewegung gegen den Kapitalismus als Totalität geknüpft werden.

Von der anderen in Frankfurt zur Diskussion stehenden Theorie, dem aus Italien kommenden „Post-Operaimus“ hält er dahingegen wenig. Er schreibt in einem Brief: „Der wachsende Einfluss der Negristen (das sind die auf den italienischen Theoretiker Antonio Negri sich beziehenden Post-Operaisten, G.H.) macht sich auch im deutschsprachigen Raum bemerkbar. ..Cyborg-Religion, künstliches Leben und Intelligenz-Mystik führt dazu, dass Entsinnlichung gefeiert und jegliche Kritik der Technologieentwicklung, wie sie heute betrieben wird und des Konsummodells, der Marketingindustrie, als konservativ und nostalgisch denunziert wird“. Hört sich schlimm an! Was will denn dieser „Postoperaismus“?

(Zu) fröhlicher Post-Operaismus

Von Antonio Negri und Michael Hardt wurde 2002 der Bestseller »Empire« und 2004 als Folgeschrift »Multitude« herausgegeben. Diese Bücher werden global diskutiert, von den letzten bundesrepublikanischen marxistischen Universitätsdozenten, intellektuellen Piqueteros in Argentinien und linken, prekären IT-Arbeitern in Spanien. Der Postoperaismus stellt auf die Macht der kooperierend Arbeitenden ab. Obwohl die Armen das historische Subjekt sind, muß man vom Reichtum im Kapitalismus ausgehen, um einen adäquaten Revolutionsbegriff zu bekommen: »Verelendung mag zu Wut, Empörung und Widerstand führen, eine Revolte jedoch entsteht nur auf der Grundlage von Reichtum, das heißt eines Surplus an Intelligenz, Erfahrung, Wissen und Begehren.«

Der US-amerikanische Literaturprofessor Hardt und der italienische Ex-Militante Negri sehen diesen Reichtum in der affektiven und immateriellen Arbeit vorliegen, der nach dem Ende des Fordismus im aktuellen »Empire« hegemonialen, dominierenden Form von Arbeit. Die Möglichkeiten des Gemeinsamen, des Kommunen und damit des Kommunismus lägen in dieser kooperativen Arbeit bereits vor. Eine »Multitude« als neue Klasse schreite durch das Empire hindurch, um im kommunistischen Paradies zu landen. Diese optimistische Beschreibung hat den Autoren viel Kritik eingebracht: Sie beschönigen den entfremdeten Charakter von immaterieller Arbeit, ihre Bücher sind nichts anderes als berufsoptimistische Managerlektüre mit theologischem Einschlag.

Der Post-Operaismus spricht selten bis nie von den Folgen neuer Selbständigkeit in Form kapitalkonformer Individualisierung, vom Umbau des Staates, innerbetrieblicher Hierarchisierung (Stichwort: Zeitarbeit), Auslagerungen, von verschärftem Druck auf Arbeitslose.

Negri und Hardt zeigen keine Klasse im Abwehrkampf, wie wir es von den Opelstreiks, den BSH-Streiks und von Telekom kennen, sondern zeichnen das Bild einer machtvollen "Multitude", die im Grunde bereits das gesamte kommunistische Vermögen in Form der immateriellen Arbeit besitzt. Der Kommunismus ist bereits als technischer vorhanden. Neueste Technologie und die sogenannte "immaterielle Arbeit" sind Garanten einer kommunistischen Zukunft. Das Leiden - um mit Adorno zu sprechen - , der technologische Horror, auf den Günther Anders aufmerksam machte, oder die Qual und Anstrengung in der Lohnarbeit - um mit Marx zu sprechen - sind aus dieser Theorie ausgetrieben worden. Kampf heißt nur noch Emanzipation von parasitären Hüllen und ein Identisch-Werden mit den vorgegebenen Arbeitsformen und Produktivkräften. Entfaltung von Produktivkräften und Entfaltung des Vermögens der Multitude fallen zusammen. Negativität, Zerstörung vorgegebener Formen sind in diesem Konzept nicht mehr vorgesehen. Die postoperaistische Beschreibung der Wirklichkeit entpuppt sich als Ideologie, wenn man auf den Terror neuer selbständiger Arbeit reflektiert, auf die Situation in Schreibstuben, Webdesignbüros, in der privaten und stationären Pflege oder am heimischen Laptop.

Immerhin muß man in Rechnung stellen, daß Bezugspunkte des Post-Operaismus die neuen globalen Bewegungen sind. Einige sehen die Migranten als globalisiertes Subjekt der Subversion, andere stützen sich auf das Konzept der Prekarität – beide können sich auf »Empire« berufen. Besonders die aktuelle linke Diskussion um ein neu entstehendes »Prekaritat« ist negristisch beeinflußt, hat mit der Friedrich-Ebert-Studie und der Unterklassen-Diskussion von Kurt Beck allerdings nichts zu tun. Bei letzteren findet eine Verschiebung der aktuellen Armutsfragen auf das Feld der Bildung statt. Bildungsferne wird für alles mögliche verantwortlich gemacht. Ganz anders die negristische Prekariatsdiskussion unter Linken: hier zeichnet sich das Prekariat zum Teil dadurch aus, Teil des „General Intellect“, also des allgemein gesellschaftlichen Wissens zu sein, und dennoch prekär, also unsicher leben zu müssen. Von einem Problem namens „Bildungsferne“ ist hier nicht die Rede.

Die jenseits des alten Normalarbeitsverhältnisses Ausgebeuteten sind nach dieser Diskussion einerseits gezwungen, sich gegen die kapitalistischen Zumutungen zu wehren, andererseits nutzen sie ihre Prekarität, mehr Zeit für ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Diese Diagnose kulminiert in der Forderung nach einem garantierten Einkommen, das jedem und jeder zusteht. Das ist natürlich Realpolitik und beißt sich mit einem anderen wichtigen Strang der libertären Befreiungstheorie von Negri und Hardt: der Kritik des Staates. Es gibt kein zurück mehr, sagen sie, keynesianische Vorstellungen und staatskapitalistische Projekte sind reaktionär, nicht fortschrittlich: „Der Nationalstaat ist ein Haufen Scheiße“.



[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Freitag, 3.September.2010, 04:05Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter