
stattweb-News Ausgabe 08, 2008-03![]()
Güde, Fritz:
Mühlacker/Moessingen vor 75 Jahren: Vergleichende Frage nach kultureller Hegemonie
News-Beitrag auf stattweb.de vom 3.März 2008
Moessingen und Mühlacker beide im damaligen Württemberg. Beide Arbeiter-Orte gemischter Art, das heißt solche, die sich in größter Not immer noch auf kleine Äcker und zum Teil auf eigene Häuser und Gärten zurückziehen konnten. ![]()
Beide - zumindest seit 1928- mit einem Stimmenanteil für die KPD weit über dem Reichs- und dem Württemberg-Durchschnitt. (Mühlacker Juli 1932:22,7 Prozent KPD// Moessingen. 30,6 Prozent/ Reichsdurchschnitt. 14,6 Prozent). ![]()
Trotzdem. Nur in Moessingen die Durchführung eines Streiks, der sich als -irrig- als Bestandteil eines reichsweiten Generalstreiks verstand. ![]()
Dabei wird in der herangezogenen Monographie über Mühlacker berichtet, dass sich im Nachbardorf Enzberg kurz vor den Märzwahlen in der Turnhalle Kommunisten, Sozialdemokraten,Naturfreunde , Arbeitersportvereinler drei Tage und Nächte lang versammelten, auf der Ringermatte übernachteten und immer auf die versprochenen Waffen warteten, die nur leider von den Zentralen her nie kamen.Das könnte vorläufig einen Unterschied erklären: Streiken kann man von sich aus und ohne Hilfsmittel. Auf Waffen muss man in einem zentralisierten System warten. Aber das erklärt nicht alles. ![]()
Wie in früheren Ausführungen zu Moessingen schon ausgeführt, war die gesamte Linke in diesem Ort so verankert, dass sie nicht nur sämtliche Vereine dominierte, sondern auch in Konsumverein und Baugenossenschaft die unmittelbare Lebensnot der Einwohnerschaft bewältigen half. ![]()
Diese Vereine selbst- zum Beispiel Gesangsverein oder Sportvereine - sahen sich selbst als Klassenorganisationen, nicht in dem Sinn, dass ein Herkunftsnachweis verlangt worden wäre vor dem Eintritt, sondern gerade umgekehrt, dass die die Sport treiben wollten, eben sich den im Verein herrschenden Anschauungen zumindest nicht zu widersetzen hätte. ![]()
Von da aus ist der Streikbeschluss in Moessingn ohne formelle Abstimmung nach vorheriger Versammlung in der den Turnern gehörenden Sporthalle überhaupt zu erklären. ![]()
Umgekehrt zeigt sich, dass in Mühlacker sich vor dem starken Auftritt der NSDAP sich zwei große Gruppen installieren konnten: beide unter dem Anschein der Überparteilichkeit. Stahlhelm und der Bund der Bauern und Weingärtner warben beide damit, dass sie “Parteienhader” verwarfen und nur dem Wiedererstarken des Deutschen Volkes dienen wollten. ![]()
Beide Gruppen schlossen sich lange vor 1933 der NSDAP an- und diese selbst segelte weitgehend unter dem Label der Partei gegen alles Parteienwesen. ![]()
Kennzeichnend das Gedicht eines kleinen Zehnjährigen, der sich als Dichter in der Aula des Gymnasiums entdeckte. Nach Jahrzehnten zitiert er die erste Strophe dessen, was da spontan über ihn kam: ![]()
“Nach längem zähem Ringen/ Hat deutscher Geist gesiegt/ Um Deutschland hochzubringen/ Das schwer am Boden liegt”. In Moessingen konnte sich diese Art Überparteilichkeit im Namen des Volkes nie vor 1933 breit machen. Die Ausrichtung der Vereine und des herrschenden Diskurses ließ “Vaterländisches” an sich -ohne die Frage nach den Klassen in diesem Vaterland- gar nicht zu .Damit auch keine SPD-Propaganda, die -gerade mit Schuhmacher und seiner Fraktion- nicht müde wurde, den Beitrag der proletarischen Soldaten zum Durchhalten im Weltkrieg hochzuhalten und zu rühmen. ![]()
Sicher- auch in Moessingen umfasste die kulturelle Hegemonie nicht alle. Die wenigen selbständigen kleinen Bauern waren offenbar kaum zu erreichen; Stündler und andere Kirchenmitglieder hielten sich erschrocken von den Gottlosen fern. Im kleinen Buch über Moessingen wird eindrücklich in einem Schlusskapitel geschildert, wie die Frauen den Kampf der Männer zwar unterstützten und teilten, in Partei, Verein und Versammlung aber mehr oder weniger patriarchalisch auf die Zuhörerbänke verwiesen wurden, wenn nicht einfach aufs Abendessenkochen, bis die Männer von den Besprechungen heimkamen. ![]()
Beim großen Streik zeigten sich demnach genau solche Widersprüche, als Frauen sich weigerten, von den eingedrungenen Genossen sich von ihren Arbeitsplätzen wegzerren zu lassen.”sei froh, dass wenigstens ich Arbeit habe,”entgegnet eine Arbeiterin der Firma Merz ihrem Mann, der sie aus dem Arbeitssaal holen will.”(161) ![]()
Nur immerhin gab es da noch Diskussion, teilweise Zustimmung. Eine ähnliche Szene in Mühlacker wird von der NS- Propaganda ätzend ausgespielt. Ein Nazi-Flugblatt zitiert gehässig:”Kein Wunder, wenn die Arbeiterinnen mitleidig ausrufen.”wir haben geglaubt, wir hätten Männer, jetzt sind das solche Schlappwedel! Angst haben sie gehabt um ihre Pöstchen, aber wir, die froh sind, dass wir hier arbeiten können, sollen streiken”(S.111). Die mangelnde vorherige Integration der Frauen erlaubt jetzt das männliche Auftrumpfen im Sinne Theweleits; ![]()
Schlussfolgerung:”Hände weg von solchen Arbeiterführern- Her zu dem starken Block Adolf Hitlers, der den Schaffenden der Stirn und der Faust Arbeit und gerechten Lohn gibt”(110). ![]()
Die schwachen Männer- ihnen gegenüber der “starke Block”, an den die Besiegten sich neu und masochistisch anzuschließen haben. ![]()
So unzulänglich auch die Einbeziehung der Frauen in Moessingen gewesen sein mag, es herrschte doch dort ein Gefühl des Selbstbewusstseins, der Stärke,das beide Geschlechter umfasste, und das den Moessingern auch in den Gerichtsverhandlungen nach dem 30. Januar erhalten blieb. ![]()
Schließlich Kultur im engeren Sinn. In beiden Orten gab es Theatervereine. In beiden wurde Wolf und seine Truppe aus dem nahen Hechingen eingeladen. ![]()
In Mühlacker verbot der Bürgermeister von sich aus Wolffs Revue”von New York bis Schanghai” und musste von der Landespolizeidirektion darauf hingewiesen werden, dass dafür eine gesetzliche Grundlage nicht vorliege. ![]()
In Moessingen wird nicht nur die selbe Revue einspruchslos aufgeführt, und nicht nur Wolfs Stück “Zaankali”- sondern der Autor selbst -in seiner Funktion als Arzt- beriet über Abtreibung und Schwangerschaftsverhütung. Da offenbar in Moessingen selbst ein Frauenarzt schwer zu erreichen war, nahm er in einer besonderen Sprechstunde auch selbst Untersuchungen vor. Kurze Zeit später wurde gegen Wolf ein Verfahren in Stuttgart wegen Verstoßes gegen $218 eröffnet: in Mössingen keinerlei Versuch, behördlich gegen Aufführung und Veranstaltung vorzugehen. Offenbar wäre ein Verbot bei der Stimmung im Dorf undurchsetzbar, ja undenkbar gewesen. ![]()
Vermutungsweises Ergebnis des Vergleichs: Die Kampfentschlossenheit der KPD in Moessingen und in Mühlacker war vielleicht gar nicht so verschieden. Verschieden war aber die jahrzehntelange Vorarbeit im Dorf, der Druchdringung sämtlicher öffentlicher Betätigungen am Ort, so dass sich nirgends die falsche Neutralität, das trügerische Darüberstehen über dem Klassenkampf ausbreiten konnte. ![]()
Das alles nur als vorläufige Skizze, um an einem konkreten Beispiel zum Jahrestag halbwegs festzulegen, was eigentlich mit Gramscis kultureller Hegemonie unter unseren Gegebenheiten zu verstehen wäre. ![]()
(Quellen: Hans Joachim Althaus u.a.: Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Rotbuchverlag, 1982. ![]()
Bernd Burkhardt: Eine Stadt wird braun - Die nationalsozialistische Machtergreifung in der Provinz. Hoffmann und Campe, Hamburg 1980.)![]()
Quelle: B.Burkhardt: Eine Stadt wird braun (Mühlacker) 1980//Althaus: Da ist nigregns nichts gewesen außer hier /rotbuch 1983
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