stattweb-News Ausgabe 08, 2008-03![]()
Güde, Fritz :
März 1938- Peter Weiss ergreift die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
News-Beitrag auf stattweb.de vom 16.März 2008
“Ästhetik des Widerstands”- der Icherzähler nimmt teil am spanischen Widerstand gegen die Kräfte der Falange - in einem Abhörtrupp. Auf die gelähmt lauschenden dringen ein die Nachrichten von der zusammenbrechenden Front in Spanien - die vom Ende des Prozesses gegen Bucharin und andere- und die vom Gejohle auf dem Heldenplatz in Wien, als Hitler der Geschichte Meldung erstattet, Österreich sei heimgekehrt ins Reich. Was bleibt nun noch zu hoffen.![]()
Band 1 der Trilogie, Seite 300:”Mit kleinem Tintenstift machte Bucharin, von Lenin der Liebling der Partei genannt, sich noch fieberhaft Notizen zu seiner Verteidigungsrede, da fielen Quinto und Montalban, und die italienischen Brigaden des Schwarzen Pfeils,die Einheiten der Fremdenlegion, die maurischen Truppen durchbrachen die republikanischen Linien, die Weltpresse begann zu den Detonationen der der deutschen Fliegerbomben vom nah bevorstehenden Ende des spanischen Bürgerkriegs zu sprechen. Bucharins letztes Wort, um sechs Uhr abends am zwölften März, ging unter im Dröhnen der Panzerwagen, im Stampfen der fünfunsechzigtausend Mann, die in Österreich einmarschierten. Der Verlauf jeder Minute wurde jetzt bekanntgegeben, um vier Uhr nachmittags war der in Braunan Geboene über den Inn gefahren und nun von seiner Heimatstadt aus auf dem Weg nach Linz, wo ihn die Menge auf dem Marktplatz erwartete. Eine Stunde hatte Bucharin gesprochen, ich komme jetzt zum Schluss, sagte er, ich beuge mein Knie vor dem Land, vor der Partei, vor dem ganzen Volk.Auf dem Balkon des Rathauses war schon jener namens Himmler erschienen, und wir sind stolz, rief er, dass dieses Stück deutscher Erde ,das unsern Führer hervorgebracht hat, nunmehr erlöst worden ist und zurückkehrt in die große Heimat.Gedrängt voll war die Halle der Villa Candida, die Fenster standen offen zum schwarzen Garten, die Gesichter der Zuhörer hatten sich verhärtet, die Münder waren verbissen, die Augen zusammengekniffen.![]()
Die meisten von ihnen stammten aus Deutscland, aus Österreich, aus der Tschechoslowakei, sie sprachen in verschiedenen Dialekten die gleiche Sprache wie die, die aus dem Radio quoll, Jahre illegaler politischer Tätigkeit lagen hinter ihnen, manche waren in den Gefängnissen gewesen, viele befanden sich schon seit längerer Zeit im Exil, und alle empfanden jetzt die Trennungslinie, die der ideologische Kampf durch diese Sprache gezogen hatte. Jedes Wort verstanden wir, und doch war es, als müssten wir es uns, da es aus dem Munde des Gegners kam, erst übersetzen, wir hatten früher, als wir noch in unserm Land wohnten, diese Sätze vernommen, wie sie als Zuruf ertönten und beantwortet wurden in gemeinsamem Gebrüll, wir hatten das Schluchzen der Ergriffenheit in der Stimme der Ansager gehört und ringsum die Gesichter der Begeisterten gesehen, wir dachten an unsere ehemaligen Arbeitsplätze, an die Gespräche in der Kantine,am Feierabend, da hatte es noch die nüchternen, dem Praktischen angepassten Worte gegeben,da gab es noch Werkzeuge,Maschinen, Häuser, Straßen, die für uns etwas Gemeinsames darstellten, durch bestimmte Tätigkeiten waren wir miteinander verbunden gewesen, doch dann schoben sich die Schlagworte der Neuordnung auch in unseren Sprachkreis hinein, die Verständigungsmöglcihkeitn wurden geringer...![]()
[ Die menschliche Sprache selbst, auch die eigene, vertraute, aus der Heimat mitgebrachte, wird unzuverlässig fg]![]()
S.304- Schluss der Zusammenführung der drei Ereignisse. Moskauer Prozess- Hitlers Einmarsch- Zusammenbruch der Front in Spanien:”![]()
S..304: Um vier Uhr Moskauer Zeit, am Sonntagmorgen, wurde den von Scheinwerfern grell bestrahlten Angeklagten beim Surren der Filmkameras das Urteil verkündet, dies ging schnell, kein Stöhnen, kein Schreien, keine Ohnmacht, schon wurden sie nacheinander, von je zwei Soldaten, hinausgeführt, Bucharin als letzter, totenblass, mit seinem ergrauten Spitzbart, Lenin sehr ähnlich. Durch die kalte Dunkelheit vor Sonnenaufgang werden sie zum prunkvollen Gebäude mit den vermauerten Fenstern der Ljubjanka gefahren.Mittags dann, Grieg starrte übers weißlich flimmernde Meer, stand der Braunauer, tief ergreifendes unvergessliches Erlebnis, ehrfurchtvolles Schweigen, auf dem Friedhof von Leonding, am Grab seiner Eltern, Blums in Frankreich neu gebildete Regierung lehnte jede Unterstützung der spanischen Republik ab, vorbei an Caspe, das die unsern noch hielten, drangen Keile der nationalistischen Armeen in Richtung Küste vor, und aus Valencia keine Nachricht....Wir Zurückbleibenden fragten nicht mehr nach denen, die erschossen worden waren in den Kellern, niemand wollte jetzt nachdenken über Recht oder Unrecht, den schuldigen oder unschuldigen Weg in den Tod, niemand wollte begangene Fehler, Missgriffe Wahnbebilde erörtern, jetzt, da die welt den Anschluss Österreichs an Deutschland ohne Widerspruch hingenommen hatte, da bei der Konzentration auf die eigene Verteidigung die sowjetischen Waffenlieferungen geringer werden mussten,da unser Land vor der Zerteilung, Zertrümmerung stand, konnte es nur noch um das Nächstliegende gehen, um eine Mobilisierung der letzten eignen Kräfte, um ein unmögliches Durchhalten zum Gewinnen von Zeit, ehe ganz Europa in die Auseinandersetzung gerissen würde.”![]()
Umstellt von den Schrecken des Jahrhunderts. In der gewohnten Abwägetechnik der etablierten Politik und ihrer Geschichtsschreiber wäre die Geschichte jetzt zu Ende. Rot= Braun. Greuel! Alles verloren!![]()
Für Peter Weiss beginnt der lange Kampf erst. Eben in der Bedrängung durch Schrecken aller Art, von unvermuteter Seite, der des bisherigen Freundes, selbst in der schuldhaften Abblendung der Verbrechen, muss der Kampf weitergehen. Als verlorener- der des am Ende erliegenden Widerstandes- wird er fortgeführt und vom Autor festgehalten- dem Gedächtnis der Nachfolgenden beliefert. Uns!![]()
Vergleiche zur Einschätzung der Moskauer Prozesse und der entsprechenden Politik Stalins: Bini Adamczak: Gestern morgen. Besprochen in www.stattweb.de/Buchtipp![]()
Quelle: Peter Weiss, Ästhetik des Widerstandes,1975/ Band I
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