stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-04

Haffner, Sebastian:
1.April 33 -Boykott-Tag und Weiterungen- in Haffners Erinnerung
News-Beitrag auf stattweb.de vom 1.April 2008

Nach dem Tode Sebastian Haffners wurden Aufzeichnungen bei ihm gefunden, die er im englischen Exil zwischen 1934- und 38 angefertigt, aber nie veröffentlicht hatte.

Wenn man wissen will, wie offen sich im Frühjahr 1933 das darstellte, was von heute aus gesehen erste Station einer Vernichtungsstrategie war, wäre bei Haffner nachzuschlagen. Nicht, als hätte er wirklich im Augenblick des Geschehens mit Gewissheit alles so gedacht, wie er es nachträglich niederschrieb- was er aber unerbittlich festhält, ist der Augenblick der Frontenbildung zwischen Leuten, die weder Ladenbesitzer noch alte Frontkämpfer waren, sondern Mitglieder einer Arbeitsgemeinschaft sozial ziemlich homogener Referendare.

Haffner: Geschichte eines Deutschen, 2000 DVA Stuttgart, Seite 198- die geschilderte Unterredung soll kurz vor dem 1.April 1934 stattgefunden habe.

Es geht zunächst um einen Überfall der SA auf einen Wohnblock von Sozialdemokraten, bei dem eine Reihe von Bewohnern des Blocks ohne weitere gerichtliche Einmischung erschossen worden waren. ”Schön, Hessel,.. In einem Menschheitsstaat, wie sie ihn stillschweigend immer voraussetzen, mögen all diese Probleme nicht existieren. Aber sie werden doch zugeben müssen, dass im Rahmen der Aufrichtung eines nationalen Staatsgebildes, um die es sich im Augenblick allein handelt, die völkische Homogenität...” Mir wurde allmählich schlecht und ich beschloss taktlos zu werden. ”Was uns hier zur Debatte zu stehen scheint”, sagte ich, ”scheint mir noch nicht einmal die Gründung eines Nationalstaats zu sein, sondern schlichtweg die persönliche Haltung eines jeden einzelnen von uns, nicht wahr. Darüber hinaus gibt es ja wohl augenblicklich nichts, worüber wir politisch zu bestimmen haben. Was mich an ihrer Haltung interessiert, Herr Holz, ist, wie sie ihre Ansichten in diesem Fall mit ihrer Anwesenheit in diesem Hause unter einen Hut bringen? [Man ist offenbar Gast in einem jüdischen Haus].. Ich würde gern wissen, wie es in einem Menschen aussieht, der die Gastfreundschaft jemandes annimmt, den er grundsätzlich mit allen seinesgleichen umzubringen wünscht.”...Holz aber bewies mir besonnen, dass man nicht von “Umbringen” reden könne, wenn die jüdischen Geschäftsleute ordentlich und diszipliniert boykottiert würden. ”Wieso ist das kein Umbringen?” rief ich empört. “Wenn man jemanden systematisch ruiniert, ihm jede Verdienstmöglichkeit nimmt, muss er schließlich am Ende verhungern, nicht wahr? Jemanden absichtlich verhungern lassen, nenne ich umbringen. Sie nicht?“ ”Ruhig, ruhig” sagte Holz. “Niemand verhungert in Deutschland. Wenn die jüdischen Geschäftsinhaber wirklich ruiniert werden sollten, werden sie Wohlfahrtsunterstützung beziehen. ”Das Schrecklichste war, dass er dies ganz ernsthaft sagte, ohne jeden beabsichtigten Hohn. Wir schieden in Erbitterung.”

Zur gleichen Zeit Victor Klemperer in seinem Tagebuch: ”Statt Deutschland sollte man künftig Arminien sagen. Es ist lautreicher und klingt an Armenien an” (Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen/Band 1, S.36)

Quelle: Geschichte eines Deutschen, 2000, Stuttgart



[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Mittwoch, 8.September.2010, 15:30Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter