Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 60, 2005-03![]()
Schenk, Barbara/ Höxtermann, Martin:
"Die Grundidee war Gegenöffentlichkeit für die Region"
Ein Interview mit Lorenz Vollmer, Mitgründer der STATTZEITUNG, zu den Anfängen, Entwicklungen und Veränderungen in der 16jährigen Zeitungsgeschichte
Schreiben ist seine Sache nicht, er wirke lieber im Hintergrund, sagt Lorenz Vollmer, gelernter Druckformhersteller und seit Gründung der "Stattzeitung" im Jahr 1989 Mitglied im Redaktionskollektiv der Zeitung. Sein Name taucht nur recht selten unter den Artikeln auf, dafür ist sein Engagement in Layout, Satz, Endredaktion und Vertrieb der SZ unentbehrlich. An unzähligen Redaktionssitzungen und "Diskussions- und Konzeptwochenenden" hat er teilgenommen, und er gehört zu den ganz wenigen, der auch nach 16 Jahren der SZ treu geblieben ist. Angesichts des kleinen Zeitungsjubiläums der 60. Ausgabe haben wir, die wir alle erst viele Jahre später zur SZ gestoßen sind, Lorenz zu den Anfängen, Entwicklungen und Veränderungen in der 16 jährigen Zeitungsgeschichte befragt.![]()
SZ: Wie kam es 1989 zur Gründung der Stattzeitung?![]()
Lorenz Vollmer: Die SZ ist entstanden aus dem "Initiativen-Plenum im Schneckenhaus"(Freie Schule Offenburg). Das Ini-Plenum bestand aus Mitgliedern verschiedener politisch und kulturell tätiger Gruppen und Initiativen aus den Bereichen Theater, Musik, Kino, Ökologie, Friedensarbeit, Projekte/Betriebe mit Selbstverwaltung, Flüchtlingsarbeit, Antifaschismus und aus verschiedenen Frauengruppen.![]()
SZ: Welche Idee steckte hinter der Gründung der Zeitung?![]()
Vollmer: Die Grundidee war, mehr Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Das Ziel sollte sein, mehr Kommunikation und Koordination unter den verschiedenen Gruppen zu erreichen, einen Informations- und Erfahrungsaustausch, gegenseitige Unterstützung und Hilfe bei Aktionen und Veranstaltungen zu ermöglichen. Die Zeitung sollte dem Ini-Plenum als Sprachrohr dienen. Das Plenum und die daraus hervor gegangene Zeitungsgruppe waren für das Erscheinen verantwortlich. Gemacht wurde die SZ für die linke, alternative Szene in der Region. Bei der Nullnummer bestand das Redaktionskollektiv aus vier festen RedakteurInnen, ein Jahr später waren es bereits zehn. Damals kamen alle aus Offenburg oder Renchen. Heute besteht das Redaktionskollektiv aus acht Leuten, die nicht nur in der Ortenau zu Hause sind, sondern auch in Wiesbaden, Frankfurt oder Freiburg. Damals stand der Name für die Ortenau, seit April 1996 (Ausgabe 27) heißt sie "Stattzeitung für Südbaden". Deshalb wäre es gut, wir hätten auch feste MitarbeiterInnen in Müllheim, Lörrach oder auch in Karlsruhe, obwohl dies ja bereits zu Nordbaden zählt. Da sind wir auf Zuarbeit von Leuten, die sich vor Ort engagieren, angewiesen.![]()
SZ Der Name "Stattzeitung" löst bei manchem Irritationen aus, denn eine "Stadtzeitung" ist die SZ ja nicht. Was habt ihr euch denn bei diesem Namen gedacht?![]()
Vollmer: Wir wollten eine andere Zeitung machen, die sich von der örtlichen Tagespresse, wie dem "Offenburger Tageblatt" oder der "Badischen Zeitung", deutlich unterschied, eine Art Gegenpresse oder "AnstattZeitung". Es gab bereits einige Vorläufer, wie die "Et cetera", Jugendzeitung im Kinzigtal (Anfang 1973), "Treibsand", Zeitung für`s Kinzigtal (ab 1979), "KVZ", Kinzigtäler Volkszeitung (ab 1985), oder der "Ortenauer Generalanzweifler", Forum für Politik und Kultur (ab 1983).![]()
SZ: Ursprünglich war die SZ eine Bezahlzeitung, heute ist sie gegen Spende erhältlich. Warum wurde das Konzept geändert?![]()
Vollmer: Anfangs sollte sich die SZ aus dem Verkauf der Zeitung und aus den Anzeigen finanziell tragen. Dies war aber auf Dauer nicht zu bewerkstelligen, da zu wenige Leute den Handverkauf organisiert hatten. Die ersten zehn Ausgaben der SZ, die damals vier Mal im Jahr erschien, kosteten 3 DM und hatten 64 bis 76 Seiten. Die Auflage lag bei 800 Exemplaren. Im Februar 1993 haben wir das Konzept geändert: der Umfang wurde auf 24 bis 40 Seiten pro Ausgabe reduziert, die Auflage auf 1500 Exemplare erhöht, ein symbolischer Preis von einem Euro geht an die WiederverkäuferInnen. Das ist bis heute unverändert so.![]()
SZ: Nun gibt es die SZ bereits seit 16 Jahren- eine lange Zeit für eine ehrenamtlich gemachte linke Regionalzeitung…![]()
Vollmer: Ohne die Druckwerkstatt in Renchen hätte die SZ nicht existieren können, denn dort wurde die Zeitung von Anfang an hergestellt. Das Projekt hätte auch ohne treue AnzeigenkundInnen, FörderabonenntInnen und SpenderInnen nicht so lange durchgehalten, nicht zu vergessen die vielen AutorInnen und Künstler und Künstlerinnen, die uns kostenlos Bildmaterial und Fotos zur Verfügung gestellt oder Titelseiten für uns entworfen haben. In der langen Zeit von 16 Jahren gab es natürlich einen großen Wechsel im Redaktionskollektiv, sei es durch Umzug, berufliche Veränderungen oder aus anderen Gründen. Heute hängt die Hauptarbeit an weniger Leuten als früher. Das führt manchmal zu Verzögerungen bei Herstellung und Verteilung der Zeitung. Dennoch gab`s in den ganzen Jahren nie eine Krise, die das Erscheinen der SZ grundsätzlich in Frage gestellt hätte. Es war immer die Entschlossenheit da, die Zeitung zu machen- und pünktlich zum 1. Mai, dem Tag der Arbeit, oder zum 1.September, dem Antikriegstag, mit einer neuen Ausgabe herauszukommen. In der Regel erscheinen wir auch heute noch vier Mal im Jahr. Natürlich gab es immer schon die Idee und es gibt sie auch heute noch, im monatlichen Rhythmus herauszukommen, aber das ist finanziell und organisatorisch für uns nicht umsetzbar. Wir würden mehr Leute brauchen, die bei der SZ mitmachen, vor allem bei der nervenaufreibenden Arbeit der Endredaktion. Die Zeiten sind aber heute nicht so, dass linke Medienprojekte großen Zulauf haben.![]()
Fragen: B. Schenk u. M.Höxtermann


