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Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-05

Veegd, Konrad:
Ossietzky setzte auf die letzte Karte - und verlor
News-Beitrag auf stattweb.de vom 5.Mai 2008

Ossietzky starb elend am 4.5.1938 in einem besseren Schuppen. Er war formell aus dem KZ entlassen, aber keineswegs in Freiheit. Ob ihm Tuberkel-Bakterien absichtlich eingegeben worden waren oder nicht - feststeht, dass er an den Folgen der schändlichen Haftbedingungen starb- lang vor der Zeit, die ihm an sich gegeben gewesen wäre.

Die entscheidende Frage: warum floh er das Gebiet des deutschen Reiches nicht, auch nachdem er aus der Haft freigekommen war.?

Durch eine überraschende Amnestie für links und rechts war er zum Jahresende 32 noch einmal entlassen worden.

Wichtig zur Einschätzung der Lage: Ossietzky war zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden vom alten Reichsgericht der Weimarer Republik.

Wegen eines angeblich landesverräterischen Artikels “Windiges aus der deutschen Luftfahrt”, den er nicht geschrieben hatte. Er wurde lediglich als Redakteur haftbar gemacht. Darin wurde mehr angedeutet als enthüllt, dass die Reichswehr gegen den Versailler Vertrag die Schaffung einer neuen Luftwaffe plante.

Der Prozess wurde geheim geführt. Das heißt, dass Ossietzky in seiner Zeitschrift “Weltbühne” nicht einmal eine offene Diskussion wagen durfte - über den Inhalt der Anklage und ihre Haltlosigkeut.

Eine Bitte um Umwandlung in Festungshaft sowie eine um Begnadigung an den Reichspräsidenten Hindenburg wurde durch den Justizminister offensichtlich nicht einmal bis zu diesem weitergeleitet und schroff abgelehnt.

Warum ging Ossietzky schon zum Zeitpunkt der Verurteilung nicht ins Ausland?

In seinem Artikel “Rechenschaft” schreibt er sinngemäß, er bleibe, weil er im Gefängnis am unbequemsten wäre für die oberen. Das werden auch seine Beweggründe gewesen sein, nach der Freilassung zu bleiben- auch als die Göring SA als Hilfspolizei in Preußen schon die Herrschaft im Februar 1933 übernommen hatte.

Sein Schlusswort in “RECHENSCHAFT”: Unser Prozess, den wir juristisch verloren haben, den wir aber einmal vor einer andern Instanz juristisch gewinnen werden. Gemessen an den entscheidenden Fragen der heutigen Welt fuhr unser Prozess nur auf einem deutschen Nebengeleis. Aber er führte in die zentrale Frage der innern deutschen Politik.” (S.205)

Ossietzky hatte offenbar den Prozess Dreyfus in Frankreich im Kopf. Der Hauptmann Dreyfus, ebenfalls vom Gericht wegen Landesverrats auf die Teufelsinsel verbannt, erzwang -passiv- eine landesweite Diskussion, angeführt von Clemenceau und Zola, die tatsächlich an den Rand des Militärputsches führte, am Ende aber zu Freilassung und schließlich Rehabilitation des Hauptmanns führte.

Was Hauptmann Dreyfus sehr gegen seinen Willen und ohne wirkliche Erkenntnis geschah, nimmt Ossietzky demnach freiwillig auf sich. Die Worte der WELTBÜHNE erreichten nicht Augen und Ohren genug. Wenn er nun selbst mit Haut und Haar in die Bresche sprang - würde das nicht allgemein erschüttern? Eingesetzt der eigene, nicht sehr robuste Leib - die letzte, allerletzte Karte, nachdem das geschriebene Wort die Ohren nicht mehr erreichte.

Warum stach die allerletzte Karte in Deutschland im Jahre 1963 so wenig wie 1933? Warum erregte das Schicksal Ossietzkys zwar unter den intellektuellen Kreisen des Auslands einige Erregung, in Deutschland aber keine Antwort für den Nachkrieg, als es keinen offiziellen rechtlichen und polizeilichen Druck mehr gab, Ossietzky weiter zu verurteilen?

Die ZEIT meldet am 10.Mai 1963 - also zum 25.Todestag Ossietzkys - folgendes:

“MdB Rollmann war vom Bürgermeister der Hansestadt Hamburg aufgefordert worden, als Vorsitzender einer Gesellschaft für die staatsbürgerliche Bildung an der Organisation einer Ossietzky-Gedenkfeier mitzuwirken. In einem offenen Brief wies der CDU- Politiker das Ansinnen entrüstet zurück: “In der heutigen Zeit des Bedrohtseins können wir alle es uns nicht leisten, Pazifisten durch Gedenkstunden als Vorbilder für das heutige Deutschland hinzustellen. Es kommt vielmehr darauf an, in unserem Volke den Willen zur Verteidigung der Freiheit auch mit der Waffe zu stärken." Rollmann, mit 31 Jahren damals einer der jüngsten Abgeordneten des Deutschen Bundestags, meldete sich markig und karrieretüchtig zu Wort.

Es schadete ihm wenig. Man musste auch damals genau aufpassen, um die Meldung überhaupt aus dem üblichen Pressesalat zu fischen. Die meisten derer, die aufpassten, stimmten Rollmann zu. Der “Kalte Krieg” rechtfertigte alles - auch die Bekämpfung einer Person, die nachträglich zum hauptberuflichen Pazifisten abgestempelt wurde, der Ossietzky zur Zeit seiner Verurteilung keineswegs so umstandlos noch war.

In dieser Zeit also stach Ossietzkys letzte Karte nicht, weil der KALTE KRIEG die Rollmänner dieser Welt dazu brachte, die Kampfmethoden der Nazis gegen ihre Gegner stillschweigend zu billigen, einfach weil die damaligen Gegner auch wieder zu den gegenwärtigen erhoben werden sollten. (Pazifist wurde zu diesem Zweck als Hilfstroupier der Kommunisten gebucht und eingereiht)

Stach Ossiuetzky Karte dann wenigstens im Ausland, wenigstens in dem Land, das schließlich den Nobelpreis für den Gefangenen verliehen hatte? Für Schweden.

In “Ästhetik des Widerstandes” Band II begegnet der Erzähler der Tochter Ossietzkys Rosalinde. Sie wohnt in einem Internat, arbeitet in einer Wäscherei. Auf S.137 fasst sie ihre Lage zusammen - nach 1938, nach dem Tod ihres Vaters, von dem sie erfahren hat: ”Ich wollte mich als Europäer, als Kosmopolit sehen. Aber ich habe es nicht verstanden, diese Voraussetzungen für meine Entwicklung auszunutzen, habe mir die Rolle des Emigranten aufdrängen lassen, und zudem noch die andere Rolle, die Frauenrolle.... Emigrant sein und Frau sein, das ist eine doppelte Reduzierung. Ein Emigrant ist kein Mensch, sondern nur ein Schatten, der einen Menschen vorstellen will. Eine Frau, das ist etwas, das keine Ansprüche stellen darf. Beides zugleich ertragen, das übersteig meine Kräfte..... Ein bloßer Versuch, meine Schwierigkeiten anzudeuten, führt dazu, dass man mich zuerst verwundert, dann ärgerlich anstarrt. Wie ich denn vergessen könne, dass man mir geholfen, sich für meinen Vater eingesetzt hat. Dieser Vorwurf ist berechtigt, aber gleichzeitig ist es doch so, dass das, was uns in die Flucht getrieben hat, was meinen Vater und unzählige andere vernichtet hat, hier nicht existiert. Dieses Europa, aus dem wir kommen, ist ohne Gestalt. Ich bleibe der fremde Vogel. Will ich etwas von meiner Selbständigkeit zeigen, so verschließt man sich vor mir, wie vor einem schrecklichen, unerträglichen Konflikt.”

Das Andenken an den Vorkämpfer deckt das Kampfziel völlig zu. Dieses wird unsichtbar. Es ist an der Existenz eines Einzelnen nicht mehr zu fassen.

Auch Rosalinde Ossietzky setzt am Ende den eigenen Leib ein: sie wälzt sich in Kälte, in Schlamm, mit nassen Kleidern, bis sie die Tuberkulose auf sich zieht, die die Mörder für ihren Vater billigend in Kauf genommen hatten.

Die Zeit der Einzelkämpfer war und ist vorbei. Nur Gruppen können sich noch dem Ungeheuren entgegensetzen, das sich als Macht des siegreichen Faschismus vor ganz Europa aufbaut.

Im dritten Band der “Ästhetik” heißt es deshalb, anlässlich des Untergangs der Rosalinde in vielem ähnlichen Schriftstellerin Boye: "das Unheimliche sei vielmehr das ein für alle Mal Feststehende, diese riesige, unnahbare Ordnung, die kaum etwas Beunruhigendes von sich gibt, die einfach nur da ist, mit Selbstverständlichkeit fortwirkt, und all das bestimmt, was uns dann schließlich, auf weit verzweigten Umwegen, erwürgt und vernichtet."(III,47)

Es ist dieses Bild der fugenlosen Mauer, das jedem Einzelnen den Atem verschlägt. Entsprechend, was Tucholsky im Todesbrief an Hasenclever als Geschlagener bekennt. Er will nicht ohnmächtig und sprachlos auf den Café-Stühlchen in Paris oder Marseille herumsitzen, während die Maschine rollt. (Entsetzlichster Zufall: Gerade dieser Brief fiel dem Partei-Organ der SS “Das Schwarze Korps” in die Hände- zum triumphalen Hohngelächter).

Was bleibt dann von Ossietzky?

Die Art Öffentlichkeit, die einst einem Dreyfus von der Teufelsinsel half, wurde 1933 zerstört und nie mehr wieder hergestellt. Damit auch der alte Gedanke Clemenceaus: Die Freiheit eines jeden Einzelnen ist die Freiheit aller. Der Einzelne, hier im alten Schema mitgedacht, erschrickt vor der Gefahr: was dem passiert, das könnte bei der Allgemeinheit der Prinzipien auch mir geschehen.

Damals wie heute blockt der Gruppenzugehörige inzwischen diesen Gedankengang ab. Seine Automatik setzt aus. Jetzt heißt es: Was dem geschieht, wird mir noch lange nicht geschehen. Er gehört zur falschen Gruppe - oder -noch schlimmer- zu gar keiner. Auch nach 1934 erschrak der schwule SS-Mann keinen Augenblick, weil die SA-Führung angeblich wegen ihrer Unzucht abgeknallt worden war. Er war ja kein SA-Mann. Der Gewerkschaftler der siebziger Jahre fühlte sich von keinem Berufsverbot bedroht: war er denn K-Grüppler?

Der Satz früher Sponti-Jahre: Nur Stämme werden überleben - hat sich in unbequemer Weise erfüllt. Nur Gruppen können kämpfen.

So wichtig es ist, das individuelle Denken eines Ossietzky zu verallgemeinern und zu kollektiivieren, so gewiss ist das Ende seines Einzelgängertums gekommen. Das Riesenwerk von Peter Weiss sucht nach Antwort auf die einzige Frage: Wie können es die Einzelnen dann machen, dass sie in dieser kämpfenden Gruppe nicht einfach untergehen? Da doch alle Angst und alles Glück am Ende immer nur von Einzelnen ge- und erlebt werden können.

Quelle: Carl von Ossietzky: Rechenschaft/Fischer-Taschenbuch 1972; Peter Weiss: Ästhetik des Widerstands II und III; ZEIT ,10.5. 1963



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