stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 71, 2008-03

Quarti, Adi:
Ich bin dein Spiegel - Zerschlag mich wenn du kannst

Eine Spiegelung kann präzise wie ein Teleskop sein. In therapeutischer Absicht angewandt wirkt sie manchmal als Exploration der Gefühle, spiegelglatt gewissermaßen. Was aber ist hinter dem Spiegel? Nichts, oft nicht einmal eine Luftspiegelung! Wer aber lesen mit Ausrufezeichen nicht mag, kann immer noch mit Thea Dorn charmant im Foyer der Bücherwelt stochern.

Eine Spiegelung kann präzise wie ein Teleskop sein. In therapeutischer Absicht angewandt wirkt sie manchmal als Exploration der Gefühle, spiegelglatt gewissermaßen. Was aber ist hinter dem Spiegel? Nichts, oft nicht einmal eine Luftspiegelung! Wer aber lesen mit Ausrufezeichen nicht mag, kann immer noch mit Thea Dorn charmant im Foyer der Bücherwelt stochern.

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat

Gleich eine Serie von Rezensionen mit einem Buch zu beginnen, welches von unbekannten Büchern handelt, solchen, die man quer gelesen oder nur vom Hörensagen kennt und solchen deren Inhalt man schon vergessen hat, scheint problematisch. Wenn es allerdings von einem Literaturprofessor stammt muß eine höhere didaktische Absicht dahinterstecken: Endlich selbst anfangen zu Schreiben! Pierre Bayard schafft es allerdings Joyce, Proust, Flaubert, Eco und einige andere aus völlig neuem Blickwinkel zu betrachten. Oder Oscar Wilde, welcher von sich selbst einmal behauptete, dass er nie ein Buch lese, welches er besprechen müsse

– „man läßt sich so leicht beeinflussen“. Wohl wahr! Und Ecos Der Name der Rose kann man sich ja auch bequem im Kino anschauen. Wenn ein Buch dann noch in einer komplexen Gesprächssituation zirkuliert und sich schließlich verändert; Derrida hat das ja in Marx‘ Gespenster wunderbar gezeigt, diese Verwandlung betrifft laut Bayard nicht nur den Wert des Buches, nicht einmal den Mehrwert, man kann sich selbst zum Schöpfer ungelesener Bücher machen. Das Internet wimmelt davon. Aber Ulysses Grammophon gibt es, glaube ich jedenfalls, noch nicht als CD! Als Buch allerdings schon. „Wie auch immer, stets zu lang“, befand Flaubert launig, der selbst meterweise Quellentexte seiner Zeitgenossen verarbeitete. Mit dem Nicht-Lesen ist es eben so eine Sache, die sich unmöglich auf wenigen Seiten abhandeln läßt. Hamlet zum Beispiel, allerdings nicht bei Shakespeare, hier kommt eine amerikanische Autorin zu Wort, Laura Bohannan, für den Autor ein quer gelesenes Buch, was aber keine Rolle spielt, die von den Schwierigkeiten der Hamlet-Lektüre mit einem afrikanischen Stamm erzählt. Zum Beispiel darüber warum Gertrude, Hamlets Mutter, nach dem Tod ihres Mannes wieder geheiratet hat, ohne eine geziemende Zeit verstreichen zu lassen, der afrikanische Stamm sei erstaunt gewesen, warum sie so lange gewartet hat, irgend jemand müsse schließlich die Feldarbeit übernehmen. Vielleicht ist es das, was man als dekonstruktivistische Lektüre bezeichnen kann. Jedenfalls ein ungeheuer witziges, kluges Buch, eine kleine Literatur hätte es Kafka wohl genannt, jetzt aber schnell ein Sachbuch.

Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Verlag Antje Kunstmann, München 2007.

Malerei am laufenden Meter

Die Kunstgeschichte ist mit Strömungen wie die der Situationistische Internationale (S.I.) erst am Beginn einer Rekonstruktion. Selima Niggi hat nun mit „Pinot Gallizio. Malerei am laufenden Band“ einem italienischen Gründungsmitglied der SI einen schönen Band gewidmet, gleichzeitig ihrer deutschen Sektion, der Münchener Gruppe SPUR. Filme ohne Bilder und ohne Dialoge, ein paar rotzig hingeworfene Graffity, Schlagworte wie das der „spektakulären Warenökonomie“, dies waren die Zutaten aus denen der Situationismus zusammengesetzt war. Bei Pinot Gallizio wurde die Methode der De- und Re-Kontextualisierung mit der Industriellen Malerei, die er als Meterware verkaufte, noch einmal beschleunigt. 1959 hatte er in der Münchener Galerie van de Loo die erste internationale Ausstellung. Über den Netzwerker der Situationisten, den Dänen Asgar Jorn, der Menschen mit sicherem Instinkt im Sinne der S.I. einzusetzen wußte, wurden rasch Kontakte zu HP Zimmer, Helmut Sturm, Erwin Eisch,

E.R. Nelle und Heimrad Prem, der Gruppe SPUR geknüpft. In Alba kam es zu ersten gemeinsamen Arbeiten der Gruppe SPUR mit Gallizio, dem Dévire wie man es auf gut Situationistisch nannte, was ein freies flanieren im urbanen Raum, ein Umherschweifen bezeichnet. In diesem Falle schweifte man gewissermaßen kollektiv über die Leinwandrollen Gallizios, der gerne so arbeitete, sowie seine Malerei auch schon mal am laufenden Band herstellte und als Meterware verkaufte. Die 3. Konferenz der S.I. fand schließlich 1959 gar im Jägerzimmer des Gasthofes Herzogstand in der Herzogstraße Münchens statt. Ob dieses Etablissement Debords strengen Ansprüche an Stil gerecht wurde, ist nicht überliefert. Constant stellte ein Exposee zum „Tod der traditionellen Malerei“ vor, welches stark von einem Brief Debords geprägt war, der die Malerei schlichtweg überflüssig fand. Gallizio und die Gruppe SPUR widersprachen, worauf es zu heftigen Wortgefechten kam. Schließlich einigte man sich auf ein Flugblatt mit dem Titel „Ein kultureller Putsch – während ihr schlaft“, in dem zu einer Pressekonferenz eingeladen wurde, die von den örtlichen Pressevertretern ignoriert wurde, was allerdings nicht weiter tragisch war, da man nach einer gemeinsamen Feier bereits dabei war München zu verlassen. Eine der üblichen Burlesken der S.I. Bereits im Juni 1960 wurde Gallizio, zwei Jahre später auch die Gruppe SPUR aus der SI ausgeschloßen, HP Zimmer sprach in diesem Zusammenhang von einem „Damoklesschwert“, das seit den ersten Exklusionen über der Gruppe hing. Bei allen Künstlern führt dies zu einer noch stärkeren Konzentrierung auf die Ateliers. Sehr aufschlußreich in diesem Zusammenhang, wie auch zur allgemeinen Situation der zeitgenössischen bildenden Kunst in Nachkriegsdeutschland: Zwei Interviews mit dem Galeristen Otto van de Loo und dem ehemaligen Mitglied der Gruppe SPUR Helmut Sturm. Der Band (großformat, fadengeheftet) enthält außerdem unzählige Farbtafel und zum Teil höchst private Fotos.

Selima Niggl, Pinot Gallizio. Malerei am laufenden Meter. München 1959 und die europäische Avantgarde. Edition Nautilus, Hamburg 2007.

Das Projektil sind wir

Ist es angemessen, die historische Bedeutung der RAF, wie unlängst im Musikmagazin Spex geschehen, auf Ulrike Meinhofs angebliche Vorliebe für Kuschelrock von Procol Harum zu reduzieren, während Andreas Baader immerhin „Country Live“ von Roxy Music hörte? Karl-Heinz Dellwo, als Mitglied eines RAF-Kommandos 1975 an der Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm beteiligt, hat zusammen mit Tina Petersen und Christoph Twickel in langen Gesprächen seine Geschichte, und die einer ganzen Generation aufgearbeitet. Die Kindheit verbringt Dellwo in der Eifel, um schließlich in einer Schraubenfabrik in Freudenstadt zu landen, als Lehrling zum Industriekaufmann. Man erfährt, dass es 1968 auch in Freudenstadt eine Schülerdemo gegen die Bildungspolitik und den Vietnamkrieg gegeben hat. Auch gab es dort, wie in fast allen Provinzstädtchen, für Jugendliche einen Treffpunkt am Marktplatz, „Affengalerie“ genannt. Die Probleme als jugendlicher Langhaariger der ´60er und ´70er Jahre, er bekommt sie unmittelbar zu spüren und setzt sich zur Wehr. Karl-Heinz hält sich mit kleineren Diebstählen und Einbrüchen über Wasser, wird schließlich aus seiner ersten eigenen Wohnung geworfen, weshalb er dem Vermieter, dem Eigentümer eines Möbelhauses, die Schaufensterscheiben entglast. Einer seiner Freunde in Freudenstadt ist kein anderer als das spätere ebenfalls RAF-Mitglied Stefan Wisniewski, dem er kurz darauf nach Hamburg folgt. Beide fahren erst mal zur See, typisch für damals jugendliche „Provinzler“. Danach Abendschule und erste Kontakte zur SDAJ, in seinen Augen ein „Pfadfinderverein auf höherem Niveau“. Aber auch Verbindungen zur Schwarzen Hilfe werden hergestellt, für Dellwo haben die Abgrenzungen damals noch nicht so funktioniert. Und: Ebenso erstaunlich für ein ehemaliges RAF-Mitglied, als Lektüre, die für ihn am stärksten in Erinnerung ist, nennt er den deutschen Anarchisten Augustin Souchys Nacht über Spanien, aber auch Do it von Jerry Rubin und Der alltägliche Faschismus von Reinhard Lettau. Über seine Arbeit in der Roten Hilfe beschäftigt er sich schließlich mit der Politik der RAF. „Die K-Gruppen verschanzten sich hinter dem ´Proletariat´, und das ´Konzept Stadtguerilla´ brach mit diesem Versteckspiel“. Dem Unfug, der von sogen. Antideutschen heute verbreitet wird, dass die ´68er sich um die Nürnberger Prozesse nicht gekümmert hätten (Götz Aly, siehe auch den Verriss des Kollegen fg in stattweb.de), hält er entgegen: „Auch ist inzwischen bekannt, dass Adenauer von Eichmanns Fluchtort wusste und in den USA intervenierte, diesen den Israelis nicht bekannt zu geben. Der Bundeskanzler der Nachkriegszeit deckt die Personifizierung des Judenmords! Wie viele andere war auch ich damals der Auffassung, dass die Palästinenser den Preis für die deutschen Verbrechen zahlten“. 1973 besetzt er zusammen mit anderen späteren RAF-Mitgliedern, Susanne Albrecht, Wolfgang Beer, Stefan Wisniewski, Christa Eckes, Bernd Rössner, Sigrid Sternebeck und anderen die Ekhofstraße, die gesamte Linke ist in dieser Bewegung aktiv, die von BewohnerInnen und MieterInnen des Viertels aktiv unterstützt wird. Aus dieser Zeit stammt wohl auch ein Foto von Karl-Heinz, das es auf die Titelseite der Bild-Zeitung schaffte. Der scheinbare Prototyp der schlechten Metapher des „Politrockers“: Jung, langhaarig, gutaussehend, vermummt und militant! Ein Foto, das eine ganze Generation beeinflußt haben dürfte, ihn aber vermutlich auch in den Knast gebracht hat. Nach der Räumung der Ekhofstraße sitzt Dellwo ein Jahr im Gefängnis wegen Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Während eines Hofgangs von Werner Hoppe in Handschellen, ein damals relativ bekannter RAF-Gefangener, zerlegt er seine Zelle und wirft Gegenstände in den Hof und ruft: „Schweine“ und „Nehmt die Handschellen ab“! Gleich mehrmals landet er in der „Hamburger Glocke“, eine berüchtigte fensterlose Zelle, in der auf einem Betonsockel Holzbalken angebracht waren mit Vorrichtungen zum Fesseln der Hände und Füße. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Proletarier aus der RAF dem Geschichtsautomatismus der Linken, wie auch der RAF selbst widerspricht. „Na, wenn die Logik der Dinge zur Revolte treibt, dann brauchen wir ja nichts mehr zu machen“, äusserte der undogmatische Linke auf damaligen Plenen. Nach dem Tod von Holger Meins 1974 verschärft sich die Situation zusehens. Schließlich 1975 die Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, bei welcher der Militärattaché von Mirbach und der Wirtschaftsreferent Hillegaart erschossen werden, Ulrich Wessel stirbt als eine Handgranate zu früh losgeht und Siegfried Hausner wird schwer verletzt durch die Explosion der eigenen Sprengladung. Er starb am 5. Mai im Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Dellwo saß die volle Strafe ab (20 Jahre), er wurde nach unzähligen lebensbedrohlichen Hungerstreiks gegen die Haftbedinungen 1995 entlassen. Die Gesprächsführung von Petersen/ Twickel ist vorbildlich und ausgesprochen kenntnissreich.

Karl-Heinz Dellwo, Das Projektil sind wir. Der Aufbruch einer Generation, die RAF und die Kritik der Waffen. Gespräche mit Tina Petersen und Christoph Twickel. Edition Nautilus, Hamburg 2007.

Kriminelle Jugendliche – gefährlich oder gefährdet?

Wolfgang Heinz, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtstrafsachenforschung der Universität Konstanz, sowie wissenschaftliches Mitglied des Gremiums „Periodischer Sicherheitsbericht“ der Bundesregierung, hat bereits 2006 im Rahmen der Konstanzer Universitätsreden auf ein Problem hingewiesen, welches die vergangenen Monate die Medien beherrschte, in Wahrheit aber in seinen Augen oft „Medienkriminalität“ ist: Die Interpretation, bzw. das Hinbiegen dieser auf eine angebliche Zunahme der Jugendkriminalität. Dies geschieht durch „Selektion, Verdichtung, Verzerrung und Dramatisierung“. Die Daten des BKA, die er liefert, sprechen eine völlig andere Sprache, die eine Stagnation der Delinquenz deutlich unter dem Niveau beispielsweise der 1960er Jahre verdeutlichen. Die Häufigkeitszahlen der bei der Bevölkerung als besonders bedrohlich empfundenen Delikte, wie Wohnungseinbruchdiebstahl (-46%), Banküberfälle (-50%), Kraftfahrzeugdiebstahl (-73%), haben überdurchschnittlich abgenommen. „Die Zahl der registrierten Fälle, in denen mit einer Schußwaffe gedroht oder geschossen wurde, sind um 20% bzw. um 29% zurückgegangen“. Mit anderen Worten: Das Bild des gewalttätigen, komasaufenden Jugendlichen ist ein Zerrbild der Medien und hier vor allem der hart konkurrierenden Fernsehanstalten. Dieses Bild wird von Lokalpolitikern gierig aufgeblasen, hier kann sich dann auch schon einmal ein Grüner Oberbürgermeister, wie in Freiburg, als Innenstadt-Rambo profilieren, wenn er nicht gerade an einem neuen Mietspiegel bastelt. Durch Platzverweise, no-alk-areas, fahrradfreie Zonen, alles nicht nur Freiburger Spezialitäten, werden die Statistiken dann im Sinne der Provinzpolitiker aufgeblasen, die als Jugendliche - wie sollte es anders sein - in den Augen der Altvorderen selbst als Halbstarke die Gegend unsicher machten. Die genannten Maßnahmen wurden in BadenWürttemberg sowohl in CDU, wie auch in schwarz-grün regierten Kommunen durchgesetzt. Eine andere, höchst beunruhigende Schaukurve liefert die Statistik auch: „Auf Wirtschaftskriminalität, deren Täter typischerweise Erwachsene sind, entfielen 2004 2% jener Delikte, bei denen die Polizei eine Schadenserfassung durchführte; durch Wirtschaftskriminalität wurden aber 54% aller registrierten Schäden (ohne Folgeschäden) verursacht“. Heinz macht wissenschaftlich korrekt die Gegenprobe, durch Vergleich der Dunkelfeldforschung und der Verurteilungsstatistik. Auch hier zeigte sich, dass die Zunahme der sogen. Jugendkriminalität im Dunkelfeld (nicht angezeigt, nicht zu ermitteln, usw.) als geringer die Zunahme im Hellfeld (verurteilt, überführt, Verdichtung oder Nichtbestätigung des polizeilichen Verdachts) ist. Obwohl der Autor zu Recht der Meinung ist, „dass wohl kaum eine Bevölkerungsgruppe inhomogener ist wie die der Ausländer, die Gegenüberstellung von Tatverdächtigen oder Verurteilten nach den Kriterien deutsch / nicht-deutsch deshalb fraglicher denn“ je sei, kommt er zu dem Ergebnis, dass „der Anteil der Zuwanderer ohne deutschen Pass an allen Tatverdächtigen“ seit 1993 stetig zurück ging. Es ist eigentlich unbegreiflich, dass diese Untersuchung der Bundesregierung nicht bekannt gewesen sein will, bzw. vollkommen in der Kampagne zum hessischen Landtagswahlkampf ignoriert werden konnte. Herr Rech, Frau Merkel, Herr Salomon: Abtreten!

Wolfgang Heinz, Konstanzer Universitätsreden. Kriminelle Jugendliche – gefährlich oder gefährdet? Universitätsverlag Konstanz 2006.


Links

http://www.stattweb.de/baseportal/ArchivDetail&db=Archiv&Id=882

[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Sonntag, 12.Februar.2012, 10:35Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter