Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 71, 2008-03![]()
Friedrich, Sebastian:
Die Erneuerung von Mensch, Gesellschaft und Rasse?
Völkisches Bewusstsein in der lebensreformerischen Siedlung Eden bei Berlin von 1893 bis 1933
Die mitteleuropäische Lebensreformbewegung sorgte mit ihrem Höhepunkt um 1900 für eine Zäsur in vielen Lebensbereichen. Pädagogische Ansätze wurden ebenso überdacht wie die grundlegende Haltung zu Mensch, Natur und Tier. Vegetarische Restaurants eröffneten, Natur- und Tierschutzvereinigungen gründeten sich und schließlich zog es einige Menschen aus den Städten in ländliche Gebiete zum Aufbau von Siedlungen, um dort ihre Ideale ganzheitlich leben zu können. Ein solches Leben wurde auch von einigen größtenteils idealistisch veranlagten Menschen im Jahr 1893 angestrebt, die nördlich von Berlin die Siedlung Eden gründeten – die älteste, heute noch existierende Siedlung in Deutschland.![]()
Doch inmitten der breitgefächerten Reformbewegungen exestierte auch eine nicht zu unterschätzende Gruppe völkisch-gesinnter Menschen, die nach Einschätzung des Historikers George L. Mosse zu den geistigen Wurzeln der späteren nationalsozialisitsichen Herrschaft zu zählen ist. (vgl. Mosse 1991)![]()
Nur wenige Arbeiten befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen völkischer Ideologie und lebensreformerischer Utopie. Derartige Untersuchungen zur Siedlung Eden sind ebenfalls Mangelware. Zwar gab es ein paar sehr engagierte Berichte von Zeitzeugen oder Angehörigen der Siedlung Eden, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus befassten. Die meisten Arbeiten über Eden ignorierten jedoch die Frage, ob oder inwiefern völkische Ideologie und lebensreformerische Utopie zusammenhängen. ![]()
Es soll daher der Frage nachgegangen werden, ob Eden eine völkische Siedlung war. Da die völkische Bewegung nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten an Bedeutung verlor sowie aus Platzgründen, ist es sinnvoll, sich auf den Zeitraum der Siedlungsgründung bis zur Machtübernahme Hitlers zu beschränken, wobei die ersten Reaktionen auf die neuen Machthaber aufgrund aufschlussreicher Quellen noch in die Untersuchung miteinbezogen werden sollten. ![]()
Bevor aber die Frage geklärt werden kann, ob Eden völkisch war oder nicht, empfiehlt es sich zunächst andere offene Fragen zu beantworten. Warum entwickelte sich die Lebensreformbewegung? Aus welchen Intentionen heraus entstand die Siedlung Eden? Was bedeutet eigentlich völkisch? ![]()
Lebensreform als Gegenbewegung zur Industrialisierung![]()
Deutschland war über mehrere Jahrhunderte weitgehend ein Agrarstaat. Mit Einsetzen der industriellen Revolution wandelte sich Deutschland jedoch insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer modernen Industrienation, was tiefgreifende Veränderungen in sozialer, wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht mit sich brachte. ![]()
Aufgrund des technisch-medizinischen Fortschritts und neuen Erkenntnissen und Praxen in Wissenschaft und Hygiene, kam es zu einer Bevölkerungsexplosion. Von 1800 bis 1900 verdreifachte sich in etwa die Bevölkerungszahl in Deutschland, die Städte wuchsen rasant. So stieg beispielsweise die Anzahl der Städte über 100 000 Einwohner von 1871 bis 1910 von 8 auf 48. ![]()
Große Teile der Bevölkerung zog es vom Land in die Städte, was dort zu einer akuten Wohnungsnot führte. Infolgedessen wurden die Fabrikarbeiter und deren Angehörige in neu geschaffenen Massenquartieren untergebracht, die aber die Nachfrage nach Wohnungen nicht stillen konnte, sodass die Mietpreise stetig stiegen. Die Folgen waren schlechte hygienische Bedingungen und die Ausbreitung von Krankheiten. Als Phänomen der Industrialisierung und Urbanisierung kristallisierte sich die Soziale Frage heraus. ![]()
Verschiedene Gruppen versuchten die Antwort auf die Soziale Frage zu finden. Während Marxisten die Lösung in der Revolution sahen, meinten viele andere Strömungen das bestehende System reformieren zu können. Eine davon war die heterogene Lebensreformbewegung.![]()
Zentral für die Lebensreform war ein neues Verhältnis zur Natur, zum Individuum und zur Gesellschaft, sowie das Bemühen, die unnatürliche Lebensweise der Gesellschaft zu verändern. Mit diesen Ansichten eng verknüpft war eine Feindseligkeit gegenüber Fortschrittsdenken und Urbanisierung. Die Inhalte der Ideen lassen sich auf den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau zurückführen, der im 18. Jahrhundert mit seinen philosophischen und pädagogischen Ansätzen die Menschen zu einer ursprünglichen, natürlichen und bescheidenen Lebensweise bewegen wollte. ![]()
Die Lebensreform umfasste alle Lebensbereiche. Um im Einklang mit der Natur zu leben, sollten sowohl die Tiere als auch die Natur an sich geschützt werden, was für viele Lebensreformer auch eine vegetarische Ernährung voraussetzte. Auf ungesunde und bewusstseinstörende Einflüsse wie Tabak und Alkohol sollte bedingungslos verzichtet werden. Mit der Lebensreformbewegung einhergehend waren außerdem die Jugendbewegung, die Reformpädagogik, die Freikörperkultur, das Konzept der Bodenreform sowie die eng damit verbundene Siedlungsbewegung.![]()
Das Siedeln aus den Zentren der Städte in die Peripherie war für viele Lebensreformer die beste Möglichkeit, der Großstadtkritik Taten folgen zu lassen, und so wurde das Siedeln zu einer Bewegung, aus der heraus ganz unterschiedliche Projekte entstanden. Ziel dieser „gelebten Utopien“ war zum einen, im Sinne der Reformbewegungen naturnah und einfach zu leben und zum anderen, Werte wie Freundschaft wiederzuentdecken, da diese durch den modernen Staat ausschließlich ins Private verdrängt worden waren. ![]()
Als eine der ersten Siedlungen entstand 1893 die bis heute existierende vegetarische Siedlung „Eden“ in Oranienburg bei Berlin. ![]()
Die Siedlung Eden![]()
„Die vegetarische Obstbau-Kolonie „Eden“ in Oranienburg erstrebt mit ihrem Beispiel, durch genossenschaftliche Selbsthilfe zur Erreichung einer gesunden Bodenbesitzreform und Sozialen Wiedergeburt die befreiende Kraft und soziale Mission des Vegetarismus praktisch zu begründen.“ (Segert/Zierke: 2001: 62)![]()
Diese aus einer Fachzeitschrift für Vegetarismus entnommene Anzeige aus dem Jahre 1898 stellt die wesentlichen Ziele der Obstbau-Siedlung Eden dar: ![]()
- Durch genossenschaftliche Selbsthilfe soll verbunden mit demokratischer Selbstverwaltung soziale und wirtschaftliche Gleichheit gefördert werden und anstelle der als seelenlos empfundenen individualisierenden und kapitalistischen Gesellschaft der Industrienationen, ein gemeinschaftlicher Zusammenhalt entstehen. ![]()
- Die Bodenbesitzreform ist für die Verfechter einer solchen Lebensart die Basis jeglicher Lebensreform, da durch den gemeinsamen Besitz Wohnverhältnisse und Arbeitsplätze gesichert werden und ohne den gemeinsamen Boden keine Möglichkeiten bestünden, reformerisch tätig zu werden. ![]()
- Eine gesunde, soziale Wiedergeburt soll durch die Rückkehr zu einfacher Lebensweise erreicht werden, bei der die Siedler im Einklang mit der Natur leben und auf Technik und Komfort verzichten sollen. ![]()
- Einfach sollte auch die Ernährung sein, bei der im vegetarischen Sinne auf den Verzehr von Tieren verzichtet wird. Außerdem wurde Tabak sowie der „Friedenstöter Alkohol“ (Landmann 1918: 20) strikt abgelehnt.![]()
Fünf Jahre bevor die Werbeanzeige erschien, trafen sich am 28. Mai 1893 in dem vegetarischen Restaurant Ceres in Berlin-Tiergarten 18 Lebensreformer, um die „vegetarische Obstbau-Kolonie Eden eG“ zu gründen. ![]()
Nach anfänglichen Problemen etablierte sich die Eden, während ähnliche Siedlungen aus unterschiedlichen Gründen ihre utopischen Projekte beenden mussten. Trotzdem mussten die Edener ihren vegetarischen Grundsatz aufgeben und einsehen, dass der Obstbau die Siedlung allein nicht ernähren kann. ![]()
Bevor nun untersucht werden kann, ob diese Siedlung völkisch war, muss der Begriff an sich geklärt werden.![]()
Was heißt völkisch?![]()
Um sich dem Begriff völkisch zu nähern, empfiehlt es sich, die Entstehung der völkischen Bewegung sowie ihre wesentlichen Merkmale und ihre Entwicklung darzustellen.![]()
Parallel zu den Reformbewegungen entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die überwiegend männlich und protestantisch-bürgerlich geprägte sogenannte völkische Bewegung. Die Anhänger und Vertreter dieser Strömung unterhielten oft enge Kontakte zur lebensreformischen Bewegung. Mit dieser hatte die völkische Bewegung insbesondere die radikale Kritik an Industrialisierung und Urbanisierung gemein. ![]()
Ebenso wie der überwiegende Teil der Reformbewegung suchten völkische Gruppierungen durch die Rückkehr in die Natur den negativen Auswirkungen der industriellen Revolution zu entfliehen. Dabei nahm das Volk eine besondere Rolle ein: Es galt innerhalb der völkischen Bewegung als ein organisch gewachsener und gegliederter „Volkskörper“, der ähnlich dem Körper eines Menschen aufgebaut ist. So wie jedes Organ im menschlichen Körper eine spezifische Aufgabe hat, haben unterschiedliche Gruppierungen innerhalb eines Volkes unterschiedliche Aufgaben. Die Leitung dieses „Volkskörpers“ ist einer kleinen Elite vorbehalten, die als „Kopf“ und „Herz“ die Geschicke der „Volksseele“ lenken sollen. Diese Elite könnte sich auch durch die Auswahl besonders „wertvoller“ Menschen entwickeln, also durch Rassenzucht entstehen.![]()
Völkische Anhänger benutzten anstelle des als negativ empfundenen Begriffs „national“, der sich für Vertreter der völkischen Bewegung lediglich auf die Zivilisation bezog, den Begriff völkisch, da dieser die Seele des Volkes widerspiegele. Die Seele eines Volkes wird insbesondere durch die „Verwurzelung“ mit der Natur des Mutterlandes, dem Heimatboden, geprägt. Demnach seien die Deutschen aufgrund der unterschiedlichen geographischen Gegebenheiten „tiefsinnig“ und „mysteriös“, während beispielsweise die Juden „verdorrt“ und ohne Tiefe seien, da sie aus der Wüste stammen. Rassistisches, antisemitisches, antislawisches und antiromanisches Denken wurde bereits nach kurzer Zeit ein charakteristisches Merkmal der völkischen Bewegung. ![]()
Bei vielen völkischen Gruppierungen kam zudem noch eine synkretistische Weltanschauung hinzu, die sich als „arteigene“, neuheidnische Religion verstand.![]()
Der Einfluss völkischer Organisationen erreichte nach Ende des Ersten Weltkrieges den Höhepunkt. Vertreter völkischer Gruppierungen zogen in Landtage und in den Reichstag ein und die Zahl der Anhänger stieg. Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus verlor die völkische Bewegung jedoch zunehmend ihren Status als Sammelbecken der radikalen Rechten in der Weimarer Republik zunehmend. Die Machtergreifung Hitlers wurde von weiten Teilen der völkischen Bewegung begrüßt, obgleich dieser Zeitpunkt auch das Ende ihrer Bedeutsamkeit in Deutschland einläutete.![]()
Als völkisch wird im Folgenden die antiegalitäre und antimoderne Lehre von der Volksgemeinschaft verstanden, die von einem organisch gewachsenen und gegliederten Volkskörper ausgeht und sich durch Rassendenken kennzeichnet, wobei die eigene Rasse als höher entwickelt angesehen wird. ![]()
Eine völkische Siedlung charakterisiert entsprechend eine Siedlung, in der uneingeschränkt völkische Ideale praktisch umgesetzt werden. Insbesondere die Erneuerung von Volk und Rasse und ein einheitliches Weltbild unter den Siedlern sind für solcherlei Siedlungen von Voraussetzungen, da nur so so eine „germanische Utopie“ gelebt werden kann. ![]()
Vergleicht man die völkische Bewegung mit der Siedlungsbewegung, so fallen einige Übereinstimmungen auf. Beide stehen Industrialisierung und Urbanisierung äußerst skeptisch gegenüber, zudem verstehen sich beide Strömungen als naturverbunden und sehen ihren Schwerpunkt in der Gemeinschaft. Diese Gemeinsamkeiten sind kein Zufall, da beide Strömungen Teil der mannigfaltigen, heterogenen Reformbewegungen sind. Aber welchen Einfluss hatten völkische Vertreter nun speziell in der bedeutensten lebensreformerischen Siedlung Eden?![]()
War Eden völkisch?![]()
Zwischen der Gründung der Siedlung und dem Beginn des Ersten Weltkrieges, gab es in Eden einige einflussreiche Vertreter völkischen Denkens. ![]()
Den größten Einfluss hatte der Bäcker, Schriftsteller und Bodenreformer Gustav Simons (1861-1914), der zahlreiche Publikationen zur Lebensreform und zur völkischen Bewegung herausgab. In seinem Nachruf heißt es, er war „unermüdlich ... für seine völkischen Ziele mit geschickter Feder tätig“ (Edener Mitteilungen 1914: 48). Der Edener Carl Rußwurm lobte in der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen Edens ausdrücklich die Vorträge von Gustav Simons zur „gesamten deutschen Erneuerung“. ![]()
Weitere Anhänger völkischen Denkens könnten der Musikprofessor Karl Klindworth und der Lehrer Otto Kohnert sein. Während Otto Kohnert jedoch eher als politisch liberal beschrieben wird, gilt Klindworth als eindeutig völkisch gesinnt. Für die Annahme in Bezug auf Klindworth, aber gegen die Annahme Kohnert sei liberal, sprechen die Todesanzeigen der beiden Herren aus dem Jahr 1916, auf denen jeweils Hakenkreuze abgebildet sind, die damals eng mit der völkischen Bewegung in Verbindung gebracht wurden (vgl. EM 1916: 42). Otto Kohnert lebte von 1908 bis zu seinem Tod 1916 in Eden und war angesehener Lehrer und Leiter der örtlichen Wandervogelgruppe. Carl Rußwurm beschrieb Kohnerts „segenreiches“ Wirken an der Schule, die zum Brennpunkt geistigen und geselligen Lebens wurde. Ferner habe er den Boden für eigenes Jugendleben bereitet und so neue Formen für die Geselligkeit geschaffen (vgl. Rußwurm 1920: 110). ![]()
Doch was entstand aus dem vom Kohnert bereiteten Boden? Wie sahen die neuen Formen der Geselligkeit aus? ![]()
Die wesentlich von Kohnert geprägte Edener Gilde der älteren Wandervögel veranstaltete 1916 den 1. Edener Freilandsiedlungstag, auf dem gefordert wurde, dass die neuen Siedler „einfacher“ und „deutscher“ siedeln sollen. Weiter heißt es dort, dass nur Menschen, die deutsch-völkisch gesinnt sind, in der Lage wären derart zu siedeln, wofür ausschließlich deutsches „Ariertum“ befähige. So soll eine Siedlerauslese zugunsten des „deutschen Ariertums“ geschaffen werden (vgl. EM 1916: 49-56). In den Vorstand der ersten völkischen Gruppierung in Eden wurde Dr. Richard Bloeck bestellt, der Verfasser der Broschüre über Deutschvölkische Erbpacht-Siedlungen.![]()
Tatsächlich fungierte Eden zu dieser Zeit für einige völkische Siedlungsgründungen als Lehrstätte. Die Ausbildungsstätte Siedelgart, die vor allem jungen, interessierten Meschen eine mehrmonatige Lehre im landwirtschaftlichen Siedlungswesen anbot, zog auch völkisch-motivierte Siedler an. Der Gründer des Bundes für rassische Siedlungen Heinrich Tegtmeyer sprach sich in der Zeitschrift Neues Leben für die Gründung neuer Siedlungen nach dem Vorbild Edens aus. Ernst Hunkel, der Gustav Simons lebensrefomerische Zeitschrift Neues Leben in eine völkisch-rassische Zeitschrift transformierte, gründete 1919 die völkische Freiland-Siedlung Donnershag. ![]()
Ein anderes Mitglied Edens gründete 1921 die Siedlung Siegfried, deren Aufgabe darin gesehen wurde, einen „geistigen Adel deutschen Blutes“ zu fördern, um das Volk vor „asiatischen und welschen Horden zu schützen“ (Mosse 1991: 124). ![]()
Carl Rußwurm gab außerdem im Jahre 1916 das Germanische Grundgesetz heraus, in dem die Grundlagen des germanischen Freiheitsbegriffs mit der Lehre Silvio Gesells, der die letzten Jahre seines Lebens in Eden verbrachte, verbunden werden. Gesell, Verfasser des Werkes „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, gilt bei Anhängern seiner Lehre als „Marx der Anarchisten“, während Gegner ihm Antisemitismus und rassistisches Denken vorwerfen. Nach seiner siebentägigen Tätigkeit als Volksbeauftragter für Finanzen der Bayrischen Räteregierung, kam er im Jahre 1919 ins Gefängnis. Während einige seiner Mitstreiter zum Tode verurteilt worden, wurde Gesell frei gesprochen. In seiner Verteidungsrede sprach er sich gegen den „völkischen Verfall“ und die damit verbundene „Zinsknechtschaft“ aus, die von völkisch-empfindenden Menschen nicht geduldet werde. Nach Jutta Ditfurth distanzierte sich Gesell „weit mehr von allen Linken, als er zu seiner Verteidigung musste“ (Ditfurth 1996: 91f).![]()
Eden zu Beginn des Nationalsozialismus![]()
Die Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde in Eden eher positiv aufgenommen. Der damalige Geschäftsführer Edens Fritz Hampke schrieb in den Edener Mitteilungen (EM 1933: 128-130), Eden blicke freudig in die Zukunft, da man die Aufnahme vieler Reformen in den deutschen Sozialismus sehe, für die Eden gestritten und gelitten habe. Die NSDAP sei daher eine „politische Freiheitsbewegung“. Hampke sah insbesondere in den NSDAP-Parolen „Brechung der Zinsknechstschaft“ und „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ klare Überschneidungsmerkmale zwischen nationalsozialistischer Ideologie und den Vorstellungen der Edener (hier muss angemerkt werden, dass die Nazis diese Parolen nie in die Tat umsetzten). Die Rolle Fritz Hampkes in Eden ist sehr umstritten. Die Zeitzeugin Anne-Susanne Mampel beschrieb ihn in den Edener Mitteilungen als widersprüchliche Person, dessen Wesen nicht greifbar sei, während Hampke für andere einen wendigen „Karrieristen“ darstellt. ![]()
Eine weitere zwiespätlige Person ist Otto Jackisch. Jackisch war von 1903 bis 1922 Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft und habe sich nach Mampel sehr um Eden verdient gemacht. Jedoch schrieb der Freiland-Befürworter Jackisch im Jahr 1932 an den Mitverfasser des NSDAP-Programmes Gottfried Feder. In diesem Brief heißt es, dass der Nationalsozialismus selbstverständlich viele Freunde in Eden habe. Er betonte weiter die Gemeinsamkeiten zwischen den Weltanschauungen der NSDAP und der Edens (vgl. EM 1933: 55f). Bis zu diesem Zeitpunkt galten die Edener Mitteilungen als unpolitisch. Jedoch rückte dieser dort abgedruckte Briefwechsel die Edener Mitteilungen erstmals klar auf die Seite der nationalsozialistischen Bewegung. Abgedruckt wurde der Schriftverkehr aber erst im Mai 1933. ![]()
Eden wurde schnell und problemlos gleichgeschaltet. Die Edener Mitteilungen positionierten sich nun ganz klar im Sinne des Nationalsozialismus, ein Arierparagraph wurde in die Satzung aufgenommen, eine NS-Ortsgruppe in Eden gegründet, die Edener Jugend in die Hitlerjugend überführt und mit den NSDAP-Mitgliedern Gregor Schneider und Erwin Gäth zwei zuverlässige Parteigenossen in den Aufsichtsrat geholt.![]()
Die Untersuchung lässt die Einschätzung zu, dass Eden bis 1933 eine völkisch geprägte Siedlung war. Ausgehend von den oben dargestellten Merkmalen einer völkischen Siedlung ist für die Leitfrage noch zu klären, ob es einen allgemeneinen völkischen Konsens in Siedlung gab oder ob auch andere Weltanschauungen vertreten waren. ![]()
Pluralismus in Eden?![]()
Der Soziologe Franz Oppenheimer wies 1924 auf die Tatsache hin, dass man in Eden vom extremen Kommunismus bis hin zum extrem völkischen Bekenntnis oder Sekten verschiedenster Arten, alle Weltanschauungen finden könne (vgl. Grober 1998: 22).![]()
Christian Böttger unterschied die verschiedenen Gruppierungen in drei unterschiedliche Strömungen. Neben dem pazifistisch-internationalistischen Strang, dem vornehmlich Vegetarier angehörten, existierte der emanzipatorisch-demokratische, antiautoritätere Strang, der sich vor allem auf das Demokratieprinzip der Genossenschaften berief. Der dritte Strang, der nationalistisch-konservative und traditionelle Strang, ist am ehesten völkischen Idealen zugeneigt. Laut Böttger ging es diesem Strang allen voran darum, durch die Bodenreform eine „Bodengerechtigkeit“ wiederherzustellen. Anhänger dieser Strömung fanden sich bereits zur Jahrhundertwende im Nationalsozialen Verein wieder. ![]()
Das Zusammengehörigkeitsgefühl schien in Eden jedoch ausschlaggebender gewesen zu sein als die ideologischen Unterschiede. Die Toleranz der Meinung des Andersdenkenden wurde nicht nur von Oppenheimer betont. Der Edener Gustav Landmann schrieb zum 25-jährigen Bestehen Edens, dass die Mannigfaltigkeit der geistigen Richtungen in Eden nur schwer ein zweites Mal zu finden wäre. Weiter betonte er die „geistige Buntscheckigkeit“ sowie die „pflichtgemäße Duldsamkeit gegenüber anderen Meinungen und Überzeugungen“ von besonderer Bedeutung sei (vgl. Landauer 1920: 20, 34)![]()
Fazit![]()
In den Antrieben und Intentionen der Lebensreformbewegung lassen sich einige Überschneidungen zur sich gleichzeitig entwickelnden völkischen Bewegung feststellen. Diese Schnittmengen wirkte sich auch in der lebensreformerischen Siedlung Eden aus. ![]()
In den Jahren 1893 bis 1933 waren in Eden mehrere Vertreter der völkischen Ideologie zugegen, wobei die größte Aktivität zur Zeit des Ersten Weltkrieges beziehungsweise im Anschluss daran festzustellen ist. In diesem Zeitraum hatten die Vertreter völkischen Denkens ihre einflussreichste Zeit. So konnten sie den Grundstein für die spätere reibungslose Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten legen, durch die sie sich eine Ausbreitung ihrer lebensreformerischen und völkischen Ideale auf das ganze Reich erhofften. Außerdem diente die Ausbildungsstätte Siedelgart in Eden unter anderem völkischen Anhängern zur Gründung völkischer und rassischer Siedlungen, in denen eine „reine Rasse“ gezüchtet werden sollte. ![]()
Vor dem Ersten Weltkrieg waren die völkischen Vertreter in der Minderheit und hatten nur einen relativ schwachen Einfluss. Ähnliches lässt sich in den 1920ern beobachten.![]()
In Eden herrschte ein lebensrefomerischer Konsens, dessen Überzeugungen sich weitgehend mit der völkischen Weltanschauung deckte. Ein allgemein völkischer Konsens ist aber nicht auszumachen, denn die völkische Ideologie geht in ihren Intentionen über die der Lebensreformbewegung hinaus.![]()
Nichtsdestotrotz lebten zur jeder Zeit des untersuchten Zeitraums einflussreiche Vertreter der völkischen Ideologie in Eden. Aber anders als in den rassischen Siedlungen Donnershag und Vogelberg ist Eden nicht als völkische Siedlung zu bezeichnen. Es gibt keine Quellen, die eine Rassenzucht belegen oder die Edener als einheitlich völkisch-gesinnte Siedler darstellen. Im Gegenteil: In Eden waren stets die verschiedenen Gruppierungen mit ihren unterschiedlichen Weltanschauungen aktiv. Die Toleranz der Meinung des Anderen hatte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten oberste Priorität. Es fanden sich keine Belege, dass bis 1933 Vertreter nicht-völkischer Weltanschuungen in irgendeiner Weise diskriminiert oder verfolgt wurden. ![]()
Eine genaue und internsive Auseinandersetzung zwischen lebensreformerischer Utopie und völkischem Bewusstsein unabdingbar – die vorhandene Literatur ist bisher weitgehend unzureichend. ![]()
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Quellen: Edener Mitteilungen 1914/3, 1916/2, 1916/3-4, 1933/3, 1933/5-6, 1933/7-8, 1997-1998/32-35 --- Obstbausiedlung Eden (Hg.): 25 Jahre Eden (1920) --- Eden Genossenschaft e.G. (Hg.): 100 Jahre Eden (1993) --- Rußwurm, Carl (Hg.): Das germanische Grundgesetz (1916) --- ![]()
Literatur: Baumgartner, Judith: Ernährungsreform (1992) --- Böttger, Christian: Zum Leben in den genossenschaftlichen Siedlungen „Eden“ und „Falkenberg“ von Beginn ihres Bestehens bis 1933 (1993) --- Ditfurth, Jutta: Entspannt in die Barbarei (1996) --- Grober, Ulrich: Ausstieg in die Zukunft (1998) --- Henning, Friedrich-Wilhelm: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914 (1993) --- Kerbs, Diethart/Reulecke, Jürgen (Hg.): Handbuch der Reformbewegungen 1880-1933 (1998) --- Linse, Ulrich (Hg.): Zurück o Mensch zur Mutter Erde (1983) --- Puschner, Uwe u.a. (Hg.): Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918 (1996) --- Mosse, George L.: Die völkische Revolution (1991) --- Mosse, George L.: Ein Volk, ein Reich, ein Führer (1979) --- Minkwitz, Dagmar: Aufwachsen in Reformsiedlungen (Magisterarbeit, 2000) --- Oppenheimer, Franz: Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes. Lebenserinnerungen (1964) --- Schildt, Axel (Hg.): Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert (2005) --- Scholz, Joachim Joe: „Haben wir die Jugend, so haben wir die Zukunft.“ (2002) --- Segert, Astrid/Zierke, Irene: Auf der Suche nach Eden (2001) --- Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 52 (2004)![]()


