Stattzeitung für Südbaden Ausgabe 60, 2005-03![]()
Höxtermann, Martin:
"Eine Rückkehr in den Kosovo ist tabu"
Roma in Freiburg: Ein Interview zu einem außergewöhnlichen Buchprojekt mit Roma-Jugendlichen
200.000 Roma und Ashkali lebten in den neunziger Jahren im Kosovo, rund zehn Prozent der Kosovo-Bevölkerung. Manche kamen Anfang der 90er Jahre als albanische Flüchtlinge nach Deutschland, die meisten flohen nach Ende des Bürgerkrieges Ende der 90er Jahre. Ihre Häuser wurden zum Teil noch unter den Augen der Nato von nationalistischen Kräften ausgeraubt, angezündet und dem Erdboden gleich gemacht. Zurzeit leben rund 35.000 Kosovo-Flüchtlinge in Deutschland- die allermeisten ohne dauerhaftes Bleiberecht. Eine Rückkehr wird derzeit von der UN-Mission im Kosovo (Unmik) aufgrund der prekären Sicherheitslage abgelehnt. Dennoch wird der Druck seitens der Ausländerbehörden, in den Kosovo zurückzureisen, immer größer.![]()
In Freiburg leben derzeit rund 500 Roma aus dem Kosovo, die allermeisten in einem Flüchtlingswohnheim am Rande der Stadt. Uschi Birgin und Monika Wieczorek vom Verein "Interkulturelle Bildung und Soziale Arbeit im Stadtteil e.V" (IBiS) haben mit 18 Jugendlichen ein Buch gemacht, in dem die Roma über ihren Alltag in Deutschland, ihre Erfahrungen im Kosovo, ihre Traditionen, Feste und ihre Hoffnungen erzählen.![]()
SZ: "Sprichst du Romanes?" heißt das 74 Seiten-dicke Büchlein, das im Februar heraus gekommen ist. Wie ist denn die Idee entstanden, ein solches Buch zu machen?![]()
Birgin: Ich begleite als Lehrerin Roma-Kinder, die in einem Flüchtlingswohnheim leben, in die Regelschule. Da entstand die Idee, Lernen anders zu machen: Schreiben, Lesen und Schreiben an den Inhalten, die die Jugendlichen persönlich angehen. Daraus ist das Buchprojekt entstanden. Das hat in das ganze Flüchtlingswohnheim hinein gestrahlt, in die Sonderschule, in die Realschule, weit über den Bereich hinaus, in dem ich als Lehrerin tätig bin. Für die Roma war es eine ganz neue Erfahrung, dass jemand, der deutsch ist, sich für ihre Kultur interessiert. Und für Kinder ist es immer auch ein narzisstisches Bedürfnis, sich selber dazustellen. Unser Projekt war für sie auch ein Freizeitangebot und eine Möglichkeit, aus dem Ghetto des Wohnheims hinauszukommen und neue Räume zu betreten- das gilt vor allem für die Mädchen.![]()
SZ: Was unterscheidet die Lebens-Situation der Roma-Jugendlichen von anderen Flüchtlingen?![]()
Wieczorek: Zunächst einmal die Herkunft: als Roma aus dem Kosovo werden sie oft als "Zigeuner" stigmatisiert. Sie kommen aus einem Land, in dem sie verfolgt und vertrieben wurden, was mit schlimmen Erlebnissen und Traumata verbunden ist. Sie müssen sich hier, untergebracht in einer engen, isolierten Wohnsituation, mit einer anderen Kultur und Sprache anfreunden. Sie sind in einem permanenten Schwebezustand, weil sie nicht wissen, ob sie bleiben können oder zurück in den Kosovo müssen. Sie haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus, sondern bekommen nur befristete Duldungen.![]()
Birgin: Vor allem das Stigma als "Zigeuner" unterschiedet die Roma von anderen Flüchtlingen. Selbst bei kleinen Kindern kommt die Sprache immer wieder auf Klischees wie "Klauen", "Kriminalität" und "Schmutzig-Sein". Es war ihnen wichtig, uns zu sagen, dass sie anders sind, als wir denken. Bei Flüchtlingen aus anderen Nationen habe ich das nicht erlebt. Auch die Eltern haben uns sofort von ihren Häusern und bürgerlichen Existenzen als Handwerker oder Metzger im Kosovo erzählt. Sie waren im sozialistischen Jugoslawien bis zu einem gewissen Grad integriert.![]()
SZ: Wie sah Eure Zusammenarbeit mit den Jugendlichen konkret aus?![]()
Birgin: Das Buch wurde in Projektarbeit erstellt: Wir als Nicht-Roma haben uns an die Themen herangetastet, die für die Jugendlichen aktuell sind. Im Dezember 2003, als wir begonnen haben, waren nur meine Schüler beteiligt, 11 bis 12-Jährige. Dann hat sich die Zusammenarbeit sehr schnell als dynamischer Prozess verselbständigt, es kamen andere Jugendliche hinzu, die wir nicht kannten. Dann ging es in die Familien, denn ohne Einverständnis der Eltern wäre das Projekt, auch juristisch, nicht möglich gewesen. Im August letzten Jahres war die inhaltliche Arbeit beendet, und es gab noch einige Layout-Termine mit unserer Grafikerin Julia Daiber.![]()
Wieczorek: Form und Inhalt des Buches wurden von den Jugendlichen gestaltet- wir hatten lediglich ein Grobkonzept im Kopf, und das haben wir mit den Jugendlichen weiter entwickelt. Dabei haben sich unterschiedliche Gruppen herauskristallisiert: manche kamen nur einmal, andere sehr oft. Abhängig vom Inhalt haben wir uns mit den unterschiedlichen Gruppen an verschiedenen Orten getroffen. Die Jungs etwa, die den Comic gemacht haben, haben Szenen gestellt, Fotos gemacht, sie ausgedruckt, Szenarien gesprochen usw. Wir haben lediglich unser Know-How zur Verfügung gestellt. Zwischendurch kamen ganz viele Gespräche zustande über Dinge, die sie innerlich bewegen. Auch das ist in das Buch eingeflossen. So war die Kunst auch ein Medium, ins Gespräch zu kommen, vor allem mit den Jüngeren, die sehr verschlossen waren....![]()
SZ: ...Ins Gespräch kommen auch über Erfahrungen im Bürgerkrieg, auf der Flucht und in der aktuellen Asylsituation. Dennoch werden diese Themen in dem Buch nur recht knapp behandelt...![]()
Birgin: Als wir mit den Jugendlichen sprachen, stand die Fluchtsituation nicht im Vordergrund, sondern andere Themen, wie die Kultur, die Liebe, die Tradition, die Feste. Neunzig Prozent der Jugendlichen haben gesagt, dass sie nicht über ihre Erfahrungen im Krieg sprechen möchten; das Trauma war einfach zu nah. Wenn sie dennoch angefangen haben, über den Krieg zu sprechen, standen die Tränen ganz nah, das war sehr schwierig. Wir haben nur ein einziges Mädchen gefunden, das in dem Buch darüber gesprochen hat. Ein zweiter Grund für die Zurückhaltung war die Angst vor negativen Konsequenzen bei einer Rückkehr in den Kosovo; denn diejenigen, die sie vertrieben haben, leben ja noch dort.![]()
Wieczorek: Einige Eltern wären bereit gewesen, über ihre Erlebnisse im Krieg zu berichten, doch das passte nicht zu unserer Konzeption. Wir wollten kein Buch über den Kosovo-Krieg machen, sondern darüber, wie Roma-Jugendliche ihr Leben wahrnehmen. Das Buch handelt über subjektive Sichtweisen, es ist kein wissenschaftliches Werk. Es enthält zwar auch Artikel über die Geschichte der Roma und eine historische Chronologie, dennoch will es nicht analysieren, sondern aufzeigen, wie die Jugendlichen ihr Leben empfinden.![]()
SZ: Das Buch erscheint zweisprachig in Romanes und Deutsch- das ist recht ungewöhnlich...![]()
Wieczorek: Romanes ist die Sprache der Roma; deshalb war es für uns selbstverständlich, das Buch auch in Romanes zu veröffentlichen.![]()
Birgin: Eines der Prinzipen von Ibis ist es, die Vielfalt der Sprachen in Deutschland zu zeigen, Mehrsprachigkeit muss selbstverständlich werden, auch in der Literatur. Die Zweisprachigkeit durchbricht die "Unsichtbarkeit" des Romanes und dient auch der Akzeptanz einer Minderheit, die immer noch gern aus unserem Bewusstsein geschoben wird. Die Jugendlichen haben so die Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken und einen Teil ihrer Sprachlosigkeit in einem fremden Land zu überwinden. Romanes besteht aus einer Vielzahl von Dialekten; unser Übersetzer, Nedjo Osman, hat ein Romanes gewählt,welches die meisten Roma verstehen können. Wir hätten gern noch serbokroatisch als dritte Sprache hinzugenommen, doch das war vom Umfang nicht zu machen.![]()
SZ. Mit so genannten "Ketten-Duldungen" leben die Roma seit vielen Jahren in permanenter Unsicherheit und ohne Chance, ihre Lebensunterhalt in Deutschland selbst zu verdienen. Seit Anfang des Jahres erhalten sie nur noch Duldungen, die auf einen Monat befristet sind. Wie gehen die Roma mit dieser Situation um?![]()
Birgin: Natürlich ist die Unsicherheit und Panik jetzt noch größer. Für viele Roma ist es selbstverständlich, dass bei einer endgültigen Abschiebung ihr Nomadenleben und damit die Suche nach einem neuen Heimatland von Neuem beginnt; die Rückkehr in den Kosovo ist tabu. Eine ganze Reihe von Familien sind der Meinung, dass sie lebend nicht zurückkehren werden, mehr sagen sie nicht. Aber ich vermute mal, dass sie an Selbsttötung denken. Das ist nicht so dahin gesagt, denn die Angst der Menschen ist riesengroß.![]()
U. Birgin, M. Wieczorek: "Sprichst du Romanes?" Zweisprachig Deutsch-Romanes, 74 Seiten dick, mit vielen Fotos, Zeichnungen und einem Comic. Preis: 10 Euro![]()
Zu bestellen bei: IBiS, Schwarzwaldstr.2, 79117 Freiburg, Tel. 0761-472270.![]()
www.ibis-freiburg.de


