stattweb.de LogoStattzeitung Logo (2)

Artikel


stattweb-News Ausgabe 08, 2008-06

Güde, Fritz:
Vorläufiges zur Erinnerung an Rühmkorf
News-Beitrag auf stattweb.de vom 10.Juni 2008

Heinrich-Heine-Gedenk-Lied

Ting-Tang-Tellerlein

Durch Schaden wird man schlau;

Ich bin der Sohn des Huckebein

Und Ledas, seiner Frau

Ich bin der Kohl- und bin der Kolk-,

Der Rabe, schwarz wie Priem:

Ich liebe das gemeine Volk

Und halte mich fern von ihm.

Hier hat der Himmel keine Freud,

Die Freude hat kein Licht,

Das Licht ist dreimal durchgeseiht,

Eh man’s veröffentlicht.

Was schafft ein einziges Vaterland

Nur soviel Dunkelheit?!

Ich hüt mein Kopf mit Denkproviant

Für noch viel schlimmere Zeit.

Und geb mich, wie ihr alle glaubt,

Auf dem Papier-:

Als trüg ein aufgeklärtes Haupt

Sich lichtet hier.

Das Gedicht -entnommen den “Jahren die ihr kennt” -stammt wohl aus dem Jahr 1956.

Der jetzt verstorbene Peter Rühmkorf hätte es sich selber als Grabschrift auswählen können. Zusammen dem Bezug auf Heinrich Heine, um dessen Denkmal in Hamburg es zu der Zeit hoch herging.

Die Liebe zum “Volk”- zum “Volksvermögen”, wie bei Heine, zugleich mit deutlichsten Absetzbewegungen. Heine im Exzess: Wenn mir das Volk die Hand reichen wollte, ich würde sie ausbrennen.”

Ebenso Heines und Rühmkorfs Verlangen nach dem Unmittelbaren- und zugleich dem Weh, dass alles immer schon vorher zu Ende gedichtet war. Alles aus zweiter Hand- mit Variationen.

Toll an Heine und Rühmkorf: die Fähigkeit des neuen Reims. Fremdwörter, die bisher aus der Lyrik verbannt waren verkoppelt mit Lenz und Märzenlicht. Wie bei Rilke und bei Benn.

Rühmkorf platziert seine eigene Position nach dem Krieg innerhalb der lyrischen Produktion vor und nach 1945 in einem Essay- erst in KONKRET, später in den “Jahren” veröffentlicht. Was Haffner schon in den dreißiger Jahren für die verzagten Lyriker feststellte: sie zogen sich aufs Ewige und die Natur zurück. Das blieb nach 1945 nicht anders. Rühmkorf schafft es, in einem grandiosen Überblick über das Vokabular die Mohn-und-Nüsse-Literatur Revue passieren zu lassen.

Vor allem auch in Gottfried Benn, der doch selbst die “Nüsse-Bewisperer” angegriffen hatte.

Nur, dass Rühmkorf sich dem “Sound” Benns so wenig zu entziehen wusste wie die ganze nachwachsende Generation von Lyrikern der fünfziger Jahre. Das Bennsche dichtete sich in den Köpfen selber weiter.

Rühmkorf, in einer ähnlichen Falle wie Heine gegenüber der Sprache der Romantiker, schafft ein Eigenes, indem er mit voller Absicht Zeitungsmeldungen im Original-Vokabular einfügt.

Mit dauernd begleitenden Überlegungen, im Gedicht selbst, wie denn das Zusammenfügen möglich sei.

“So trat ich bunt in Erscheinung

Und hing doch schon längst ohne Mimi-und Kry

Als Pieta mit Beweinung

Beim Abfluss über dem Knie”


Entschiedenste Kunst-Stück-Lyrik für Feinheitenkoster der Hochkultur.

Das soll keine Abwertung ausdrücken, spricht nur das notwenige Unglück des Literaten aus, zwischen allen Stühlen, solange sich keine geschlossene proletarische Kultur herausgebildet hat Die proletarischen Neigungen reichten- genau wie Rühmkorf es von Grass mit Recht berichtet- bis ungefähr SPD- vor und nach Godesberg. Die Hochkultur-Bestrebungen führten hin zu Klopstock und Walther von der Vogelweide. An Klopstock hat Rühmkorf nach Benjamin noch einmal das völlig Vergessene hervorgehoben: dass dieser Dichter am längsten an der französischen Revolution gerade in ihrer Jakobinischen Richtung festgehalten hat, als Schiller und Herder schon lange in die Knie gegangen waren.

Es darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass Rühmkorf an einer Stelle weit hinter Heine zurückblieb. Während Heine in seiner letzten Schrift trotz Abneigung und Angst den Sieg der Kommunisten voraussah und begrüßte, blieb Rühmkorf- je länger er lebte- an einem immer ranziger gewordenen SPD-Fliegenfänger hängen.

Schon in den “Jahren, die ihr kennt”, so informativ sie anfangen, endet es mit erbitterter Absage an alle Elemente der 68-er Bewegung, die es ernster mit der Revolution meinten als Rühmkorf selbst es vermochte. So lieferte er schon im Jahr 1972 -Ulrike Meinhof war noch in Freiheit- ihre erste psychiatrische Erledigung ab. In Hamburg war sie in die Schickeria voll integriert. Das fehlte nach der Trennung von Röhl in Berlin. Also daher der Anschluss an bedenkliche Gestalten! Das Schema inzwischen von Fest und anderen weidlich aufgewärmt und ausgenutzt.

Am peinlichsten die Erklärung in KONKRET nach dem endgültigen Ausscheiden Ulrike Meinhofs. Den Ärger nach dem drastischen Hausbesuch bei Röhls daheim kann man verstehn. Nicht aber Sätze wie “was gegeneinanderstand und weiter stehen wird, sind zwei allerdings kontroverse Meinungen von linkem Journalismus und linker Zeitungspolitik: eine die auf die Erschließung von Bewusstsein zielt, auf die Vermittlung auch an Unvorbereitete, auf breite Streuung und linken Landgewinn, und eine andere, die die quälenden Widersprüche der Gesellschaft in einem Überbau aus Elfenbein aufgehoben glaubt. Während eine sogenannte Blattmachermannschaft sich in der Tat nicht zu fein war, auf eine vorgegebene Welt taktierend einzugehen... steht ihr seit einiger Zeit eine Meinungsgruppe gegenüber,die aus lauter Furcht, die Gesellschaft zu reproduzieren, nur noch sich selber reproduziert: theorieverbissen, koalitions- und also massenfeindlich, aber, natürlich, exklusiv und elitär.”

Nichts dagegen, dass eine linke Zeitschrift nach Möglichkeit beide Tendenzen vereinigen sollte. Alles gegen die Vrabsolutierung der einen Seite, der anpasserischen. Alles gegen die Diffamierungstechnik, die ausgerechnet der Meinhof-Gruppe den Wunsch unterstellt, im elfenbeinernen Turm zu verharren. “Theorieverbissenheit” als schlimmster Vorwurf! Er fällt auf Röhl und Rühmkorf in dieser Zeit zurück.

Der ziemlich bald erfolgte Niedergang des Röhl-KONKRET auf dem Weg zur Koalition und damit zu den “Massen” sagt genug über die Fruchtbarkeit solcher Ratschläge.

Röhl ging seinen Weg -vermeintlich hin zu den Massen- in Wirklichkeit hin zu einer ressentimentgeladenen Rechten.

Rühmkorf- in seinem Schlepptau- bleibt uns im Gedächtnis als Literat, der erstaunliche Sprachspiele zustandebrachte, als Politiker und Theoretiker für seine Zeit nach 1970 aber als der bedenkenloseste Opporunist.

Quelle: Rühmkorf" Die Jahre, die ihr kennt"/1972"Haltbar bis 1999" 1979



[Seitenanfang]

[Impressum] [Kontakt]
stattweb.de: Stattzeitung für Südbaden im Internet - Donnerstag, 29.Juli.2010, 17:11Fake - Nicht klicken! Do not click here!Counter