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stattweb-News Ausgabe 10, 2010-04

Paalz, Otto:
Rudi Dutschke: Kadaver unter mannigfaltigen Seziermessern
News-Beitrag auf stattweb.de vom 27.April 2010

Eines war zu erwarten: Wer nicht schon alles wusste, hatte nach den anderthalb Stunden Dutschke auch nicht mehr erfahren. Was war zum Beispiel die "subversive Aktion", von der der junge Dutschke herkam? (Antwort: die Abspaltung einer Abspaltung der von Debord in Frankreich angeregten Bewegung, die Gewalt des "Spektakels" über die im Zuschauen auf dem Sofa zusammengesunkene Menschheit zu brechen).

Dutschke selbst im Film ist physiognomisch gut getroffen. Dass man von den ihn bewegenden Gedanken nichts erfahren sollte, war Ziel des Unternehmens.

So wurde das SPIEGEL-Gespräch mit Gaus, das damals riesiges Aufsehen erregte, mit keinem Wort erwähnt. Man bekam damals den Eindruck: Systemgitterer gegen Gummistricker. Es tauchten Worte auf, um das durchdringende Leiden in der Welt zu beschwören wie "Tierhölle". Auch die leidende Kreatur wurde einbezogen.

Nichts wurde im Film laut über die damals so verbreitete "Manipulationstheorie", die überhaupt erst die Grundlage bot für die nach Ostern 68 sich übers Land ausbreitenden Sturmbewegungen gegen Springerhochhäuser.

Die Handlung des schon vor zwei Jahren zusammengestellten Films wurde andauernd unterbrochen durch das Selbstgespräch der Sezierer, die sich -geltungssüchtig- über Dutschke und vor allem ihre Beiträge äußerten. Besonders unangenehm Kraushaar, der zwar bei nichts dabei war, aber alles am besten wusste. Vor allem das Thema der "Gewalt", wie er es in Buch, Schrift und Film dramatisiert, musste bei ihm die Hauptrolle spielen. Illustriert von der Beseitigung von Feltrinellis Bombe im Kinderwagen. Was damals die wenigsten erschüttert hätte, wäre es ihnen zu Ohren gekommen.

Rabehl, der es halbwegs verstand, sich in die damalige Position zurückzubeamen. Salvatore als sein Gegner, der nachträglich doch noch zum Chef-Denker erhoben werden wollte. Joscha Schmierer, dessen Jugendgestalt in Heidelberg, wenn sie es sein sollte, denkbar weit vom Urbild weg angesiedelt war, sagte real einiges Unbestreitbare zu den damaligen Überlegungen der K-Gruppen, die sich noch nicht so nannten, beim versuchsweisen Zusammenschluss gegen den Vietnam-Krieg. Das Bestehen auf Rudis Redezeit wird im Film als beispiellose Unmenschlichkeit hingestellt usw.

Was überhaupt nicht als Problem erschien und gar nicht benannt wurde, war die gemeinsame Einschätzung der vorgeführten Aktivisten, nach dem Anschlag auf Dutschke sei die ganze Bewegung am Ende. Das mag vielleicht für Berlin gelten. Im flachen Land erreichte die Erregung und Bewegung überhaupt erst zu Beginn 69 die kleinen Städte. Der Springerverlag hat jetzt noch einmal gegenüber dem Film vor allem protestiert, weil da von Springer-Hetze gesprochen wurde - und es gab doch im entscheidenden Zeitpunkt gerade acht Artikel. Wie die Zeit doch vergeht! Richtig ist, dass Springers nur die Anheizer waren, und nicht die einzigen. Regierungsmitglieder begaben sich widerspruchlos zum gemeinsamen Hass-Spucken und Kotzen. Daraus erst ist überhaupt das Anwachsen der Bewegung auf dem flachen Land zu erklären.

Das einzige Verdienst des Films: die Arbeit des jungen Neurologen einigermaßen ausführlich zu zeigen, der damals Dutschke wieder zum Sprechen führte. Es gibt erschütternde Augenzeugenberichte aus der damaligen Zeit, dass Dutschke Wörter wie "Brot" - "Teetasse" - oder "Schoko-Pudding" ganz unzugänglich geworden waren. Dafür zeigte er sich aufgeschlossen für "Kulturrevolution" oder "Kapitalakkumulation." Das nützte sein Mentor aus und gab ihm den Sprachgebrauch zurück.

Was nach diesen anderthalb Stunden "Dutschke" zu wünschen wäre: eine schlichte geschichtliche Darstellung den einzelnen Positionen nach. Es würde sich da manches als sehr naheliegend darstellen, was in einer Darstellungsart dieser Art als ausgegorene Spinnerei erscheinen musste. Ein Film, in dem ein lange gestürzter Diepgen als überlegener Sieger auftritt oder ein Prof den Mangel an Ironie bei Dutschke vor allem bemängeln darf, trägt zur Erkenntnis nichts bei. Leider.

Quelle: ZDF 27.4.10: "Dutschke"



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