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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Thomas Karlauf:

Stefan George
Die Entdeckung des Charisma

Karlauf zeichnet im Rückgriff auf den menschlichen Leib den Kern des Dichtens und seiner Kreisbildung: Homo-Erotik.


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Noch war Karldaufs Biographie Stefan Georges nicht erschienen, da brach Schirrmacher in der FAZ in einen seiner alarmierenden Schreie aus: Die Biographie an sich ist erschienen. Größten Wert legte Schirrmacher auf die Tatsache, dass sich in Stauffenbergs Tat gleichzeitig Konsequenz und Fortsetzung von Georges Leben und Schaffen erweise- ungeachtet der Lüge und des Trugs, der dies von Anfang an durchzieht.

Unverzüglich wurde die Biographie in Auszügen im Zentralblatt veröffentlicht..

Tatsächlich enthält das Buch Karlaufs gewichtige Aufschlüsse über Georges Leben. Was daran so anders sein soll als in anderen Biographien, erschließt sich dem Leser der achthundert Seiten nicht. Vor allem die Einbettung des Einzellebens in die allgemeine Geschichte geschieht hier keineswegs so bewundernswert, wie Schirrmacher findet. Etwa der Hinweis auf die Regierungskrise, die der Wirtschaftskrise 1929 im Jahre 1930 folgte: da wird wieder die Legende aufgetischt vom überflüssigen Streit um ein halbes Prozent mehr oder weniger Arbeitslosenbeitrag, bei dem die SPD sich so stur verhalten hätte. Legende aus lieben alten Schulbuchtagen, die vor allem über das Verhalten Georges zu all diesen Dingen gar nichts enthält.

Nun aber zum Kernpunkt. Karlauf enthüllt, was nicht mehr zu enthüllen war: im Zentrum des Kreises um George stand Homosexualität in der besonderen Form der Knabenliebe, die verborgen bleiben musste- und doch einbekannt. Deshalb die Flucht ins Öffentliche- ins Gedicht, genau genommen in die Verlautbarung und den Befehl: Gestus aller Äußerungen Georges nach “Jahr der Seele”.

Dankenswerterweise klärt Karlauf uns alle auf über die besonderen Formen und Vorsichtsmaßnahmen der Gruppenerotik.

Das ist zweifellos materialistisch, wenn Materialismus heißt und heißen muss: Rückgriff auf den menschlichen Leib und die Bedingungen seiner Reproduktion und seines Produzierens, bis hin zu den geistigsten Hervorbringungen.

Nur verfällt der Autor dabei in die Trostlosigkeiten einer bestimmten Art von Materialismus. Die des auftrumpfenden: “und so waren denn die großartigen Bemühungen nicht anderes als...” Die traurige Lust dessen, der mit der Stecknadel auf den Luftballon einsticht und ihn aller schönen Prallheit, aller Lebendigkeit beraubt. “uur” “nichts als” -traurige Krümel bleiben zurück. Wie Engels seinerzeit schon unterstrichen hat, muss dem Akt des Niederziehens der des Aufbaus von unten entsprechen. Es reicht nicht aus der Blick von unten, der unter den erhabenen Behauptungen die realen Gründe vorkramt. Die umgekehrte Denkrichtung muss dem entsprechen: wie steigt aus dem Materiellen über tausend Vermittlungen etwas auf, das nicht etwa immateriell wäre, aber: überindividuell- mehr als nur bedeutsam für den, der ebenfalls sich auf diese Materialität innerhalb der eigenen Erfahrung zurückbezieht.

Das Beispiel Platos und seiner Gemeinde sei herangezogen: unbestreitbar, dass der EROS, von dem Plato spricht, sich ebenfalls streng und ausschließlich auf Knabenliebe bezog. Nur dass- und darauf weist der oft von Karlauf herangezogene Benjamin hin- genau den umgekehrten Weg Georges gingen- den vom Mythos zum Logos. Während George entgegen allen Prognosen Max Webers die Wiederverzauberung der Welt erzwingen will- durch Erhebung des nur individuell Geliebten zum neuen Halbgott. George erzwingt Verehrung des sechzehnjährigen Frühverstorbenen Maximin in seinem Kreis als Heiland, Offenbarer, Baldur und Lichtgott. Er will den neuen Mythos, vielleicht schöner, vielleicht herrischer, aber im Prinzip nicht anders als Chamberlain und Rosenberg in ihren diversen Mythologien der Jahrhunderte.

Damit wird der Unterschied deutlich: Plato entwickelt über Jahrhunderte hin seine Ideenlehre als eine des Verzichts aufs Handgreifliche, jede sinnliche Unmittelbarkeit. Liegt dem, unter anderem auch Knabenliebe zugrunde, so wird, eben in der Losreißung, die Losreißung vom Unmittelbaren zu einer neuen Begründung von Gemeinschaft - über die Jahrhunderte weg von solchen aufgegriffen, die von Homosexualität nichts wussten.

Kennzeichnend für Karlaufs halbierten Materialismus, dass er einem anderen Problem nur die allergeringste Beachtung schenkt: den Einkommensverhältnissen und Vermögensgrundlagen, von Nebenbemerkungen abgesehen. Das Auslandsstudium und die Reisen in jungen Jahren werden vom Vater finanziert. Was kam aber dann? Zwischendurch wird erwähnt, dass George mit Recht die halben Einnahmen aus der Shakespeare-Übersetzung mit Gundolf zusammen zukommen sollten. Oder -dass er den ersten Band der Auswahl deutscher Dichter auf eigene Kosten herausgab, nachdem Verleger Bindy Bedenken hatte.

Usw. Aber die materielle Grundlage der Zeitschriftenherausgabe und des Lebens wird nie ausdrücklich offen gelegt. War George mangels eigener Wohnung lebenslänglich darauf angewiesen, dass ihm Freunde ein Appartement bereithielten? War er Edelschnorrer, wie man Rilke genannt hat? Musste er unstet wandern- von Bleibe zu Bleibe?

War der Freundeskreis zugleich auch eine finanzielle Unterstützerorganisation mit moralischer Beitragspflicht? Vergleicht man mit dem ungefähr gleichaltrigen Rilke, so war dieser trotz viel größerer Einnahmen aus dem Buchgeschäft doch zeitlebens nicht in der Lage, ohne Mäzenatentum auszukommen.

Welche Abhängigkeiten offener oder verschwiegener Art ergaben sich aus der Armut?

Gut herausgearbeitet wird von Karlauf die absolute Herrschaft Georges über den Kreis. Am entsetzlichsten tritt sie zu Tage im ersten Weltkrieg, als er seine jugendlichen Anhänger direkt an die Front trieb und ihnen jede Desertion verbot. Zwei zogen gemeinsamen Tod dem nochmaligen Antreten im Schützengraben und zugleich der Auflehnung gegen den MEISTER vor.

George hielt den Krieg für etwas Gleichgültiges, dem allgemeinen Verfall Entspringendes. Sieg kannte er nur als Durchsetzung der Idee. Trivial: im Erfolg eines Buches.

Nur dass in dieser Art Weltüberwindung eine Hinnahme liegt von allem. Erleiden dessen, was in die Dichtung nicht Einlass findet, wurde zur Bewährung erhoben, zum Zeugnis, dass man mit dieser Welt des Unwerts nichts gemein hat. Nur dass -allertrivialste, aber unabweisbare- Wahrheit: die Toten schweigen . Mit dem hinfälligen Leib ist auch alles Sprechen, Dichten, Verstehen am Ende.

Karlauf zitiert Benjamins Nachruf 1933 auf George in der FAZ ausführlich. Nur die eigentliche Pointe entgeht ihm. Sie liegt im unscheinbarsten verborgen: dem Pseudonym: Stempflinger, mit dem Benjamin unterschreibt. Einmal notgedrungen, weil Autoren mit bekannt jüdischem Namen wohl schon 33 in der Frankfurter Zeitung nicht mehr gewagt wurden. Warum aber gerade dieses Pseudonym, statt des gewohnten Detlev Holz für andere Beiträge im selben Blatt?

Benjamin selbst nahm an, dass einige in Frankfurt sich unter dem Namen etwas denken konnten. Das deutet auf Kenntnis von Anspielungen aus früheren Werken Benjamins zurück.

Schon in der Wahlverwandtschaftenarbeit -zehn Jahre vorher- hatte Benjamin am heftigsten Gundolf als Vertreter der George-Schule angegriffen, als einen, der Goethe vom Schriftsteller in den Heros zurückverwandeln wollte- wie jeden Dichter, der im KREIS Ansehen fand.

Die Arbeit charakterisiert die Schreibweise Gundolfs so: “dass plappernde Affen sich von Bombast zu Bombast schwingen, um nur den Grund nicht berühren zu müssen, der es verrät, dass sie nicht stehen können, nämlich den Logos, wo sie stehen und Rede stehen sollten."( Benjamin I,1,S.S163).

George hatte -was Karlauf auch erwähnt- schon kurz nach dem ersten Kennenlernen dem neuen Freund seinen Geburtsnamen: Gundelfinger entzogen - und ihn zu Gundolf veredelt. Das Mitglied des Kreises sollte rein und neugeboren vor den Meister treten, damit aber auch der Herkunft beraubt, geschichtslos.

Benjamin, so eine naheliegende Konjektur, nimmt bewusst diesen Schritt ins Edle zurück Stempflinger- die Anspielung aufs Stampfen, durch Staub und Schlamm, verweist die Kenner des Werks eben auf die damalige Kritik am Stil der Gruppe. Er zerreißt den Schleier des Mythos, und stellt sich entschlossen auf jenen Boden, den die Georgianer nicht betreten, ja nicht einmal sehen wollen.

Von da aus, von der Erkenntnis der Trivialität der Gegenwart des drohenden Krieges aus, ruft er George nach: er sei Prophet gewesen- der Strafgerichte des Jahrhunderts. 1914 begann -nach Benjamin- die wirkliche Herrschaft Georges in einer Welt der “Strafgerichte” und Untergänge.

Insofern schreibt er Krieg und Krieger mit Recht dem Propheten als seine letzte Form zu.

Um so ärgerlicher, dass Karlauf -noch verhalten- und Schirrmacher- fanfarengrell- die Tat Stauffenbergs als unmittelbare Folge aus der Lehre Georges hinstellen. Was war dann mit den anderen Kämpfern des 20. Juli? Hatten die auch alle George im Kopf? Karlauf schildert eindrücklich das Auseinanderbrechen des Kreises noch im Augenblick der Grablegung Georges außerhalb Deutschlands: die einen fuhren gleich weiter ins Exil, die anderen verabschiedeten sich am Bahnhof schon mit deutschem Gruß. Feierlich gereckten Armes. Sollte all der Heroismus, verdünnt und abgeleitet, der zum Beispiel die Seiten von das REICH bedeckte, an ihnen vorbeigegangen sein?

Harry Pross im Vorwort zum Reprint der Zeitschrift DAS REICH: Der Krieg war ein GOTT. Genau die Umwandlung des Bitteren, Menschengemachten und Unerträglichen zum unausweichlichen Schicksal, an dem teilzunehmen erhöhte und verklärte. Heruntertransformiert- das, was Benjamin 1933 vorausgesehen hatte: “Die Tarnkappe hing neben dem Stahlhelm.”

RezensentIn: Güde, Fritz

Erschienen bei Karl Blessing Verlag 2007, 29,95. Sie können dieses Buch bei Amazon bestellen.


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