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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Paul Virilio:

Die Universität des Desasters

Die Überlegungen seiner neuesten Essaysammlung führen Virilio zu einer fundierten Skepsis hinsichtlich Fortschritt und Wissenschaft.


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Paul Virilios Essays hinterlassen immer einen seltsam beunruhigenden Eindruck: In Rasender Stillstand (1992) analysierte er die elektronische Telekommunikation als elektronische Apartheit, Krieg und Kino (1986) geiselte die mediale Aufrüstung der Infrarot- oder Laser-Steuerungen. Nun also eine neue Arbeit, die sich mit dem vollständigen Unfall, dem big bang der Finanzmärkte, der Klimabombe und der sich selbst überschätzenden Technowissenschaften beschäftigt.

Man sollte den großen Skeptiker der Modernität nun nicht vorschnell als den Architekten der Apokalypse abtun, wer sich auch nur oberflächlich mit dem Arsenal des technischen Wahnsinns beschäftigt muss nachdenklich werden, wenn etwa der Astrophysiker Stephen Hawking im Sommer 2006 der BBC verkündete, es sei Zeit nach einem anderen Planeten zu suchen um ihn zu kolonisieren. Andere Wissenschaftler, die er zitiert, würden Unsummen auf die zu erwartende Kernschmelze verwetten, bliebe dann noch die Möglichkeit den Mehrwert einzusammeln. Das Desaster hat bereits begonnen, einfach in dem es benannt wird! Am deutlichsten im Desasterkino Hoolywoods, Independence Day oder Twister, die aus Wetter Special Effects machen. Noch intensiver, wenn auch aus ganz anderen Gründen, Vernetzt – Johnny Mnemonic, (Kanada 1995, Regie: Robert Longo) Keanu Reeves gibt den Titelhelden, welcher als Datenschmuggler der Pharmaindustrie in die Quere kommt. Aber Klimaveränderung, Überbevölkerung, illuminierende Cyberwelten und nicht zuletzt, sogenannte atomare Schutzschilde, sind Folgen menschlichen Handelns.

IBM hat 2006 entschieden, den leistungsstärksten Rechner der Welt für das Pentagon zu bauen, berichtet der Autor, er solle zur Simulation zukünftiger nuklearer Explosionen dienen. Es wird an Bildverarbeitungsprogrammen gearbeitet, die in der Lage sein sollen jede Person zu identifiziern, die vor einem interaktiven Werbeplakat stehenbleibt. Ganz zu schweigen von den zahlreichen kypernetischen und nanotechnologischen „Fortschritte“. Selbst große Versicherungsgesellschaften, vor allem Rückversicherer betreiben heute systematisch Risikoanalysen, während die Politik die Wissensgesellschaft proklamieren und selbst Mitglieder des Zentralkomitees der Katholiken wie die Bildungs- und Forschungsministerin, die sich Schavan (CDU) nennt, sowie gerne fliegt, preisen die Vorteile pränataler Forschung. Für Virilio hat aber schon die Militarisierung der Wissenschaft im 20. Jahrhundert die Fachgebiete diskreditiert. Die virtuelle Blase der globalen Finanzmärkte hat er schon hat er schon 2007 vorausgesehen, was allerdings auch nicht sehr schwer war. Ihm gehe es nun darum eine Universität des vollendeten Desasters zu begründen, in der die neuen Disziplinen der grossen Katastrophen analysiert werden sollen, um die Zukunft davon abzubringen, sich zu ereignen. Deutlicher als in seinen früheren Arbeiten bezieht er sich auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer und den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, den er mit folgenden Worten zitiert: „Das operative Denken wird zu einer Art absoluter Künstlichkeit, wie man es an der kybernetischen Ideologie beobachten kann, wo das menschliche Schaffen aus einem natürlichen Informationsprozess abgeleitet wird, welcher wiederum auf dem Modell der ‚menschlichen Maschinen‘ aufbaut. Es gibt heutzutage, nicht in der Wissenschaft, sondern in einer recht verbreiteten Wissenschaftsphilosophie die gänzlich neue Auffassung, dass die konstruktive Praxis sich als autonom begreift und auch so verhält, und dass Denken sich bewusst auf die Menge der von ihm erfundenen Erfassungstechniken reduziert“. Ein kritischer Zeitgenosse der älter geworden ist, aber ernst genommen werden sollte, ein Mahner!

RezensentIn: Adi Quarti

Erschienen bei Passagen Verlag 2008, 22,90 Euro. Sie können dieses Buch bei Amazon bestellen.


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