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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Jürgen Peters/ Christoph Schulze (Hg.):

Autonome Nationalisten
Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkulturen

Über Entstehungsgeschichte, Ideologie, politische Praxis, Habitus und Selbstverständnis der „Autonomen Nationalisten“.


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Im Oktober 2009 fanden innerhalb von kurzer Zeit zwei Neonazi-Aufmärsche mit hoher Beteiligung statt. In Berlin marschierten am 10.10. knapp 800 „gegen linke Gewalt“ auf, eine Woche später fanden sich gar über 1.300 Neonazis in Leipzig zusammen. Auffällig bei beiden Demos: Fast alle kamen in schwarz! Vor allem in Berlin waren die Buttons, Aufnäher, Transparente und teilweise Sprechchöre der Neonazis – wenn überhaupt – nur auf den zweiten Blick bzw. dem zweiten Lauscher von denen der GegendemonstrantInnen zu unterscheiden. Ein solch – zumindest nach außen - geschlossenes und breites Auftreten wäre noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Es hat sich also offensichtlich etwas in der Szene getan. Passend dazu kam unlängst ein kleines Bändchen beim UNRAST-Verlag heraus. Nur 60 Seiten schmal ist das in Kooperation mit der Fachzeitschrift „Der Rechte Rand“ erschienene Band, welcher den schlichten Titel trägt: „Autonome Nationalisten. Die Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“.

Eine übersichtliche Einführung liefert zunächst Christoph Schulze, der neben Jürgen Peters eine der beiden Herausgeber ist. Insbesondere die Entstehungsgeschichte der „Autonomen Nationalisten“ wird kenntnisreich geschildert. Anschließend sucht Daniel Schlüter nach Inhalten in der neuen Bewegung und bilanziert: „Die Positionen der ‚Autonomen Nationalisten‘ sind in ihrer Gesamtheit weniger als in sich geschlossenes theoretisches Konzept oder Strategie, sondern als Ausdruck einer Suchbewegung zu verstehen, in der Vorstellungen und Zielsetzungen auf ihre Übereinstimmung mit den Grundelementen nationalsozialistischer Ideologie und auf ihre praktische Brauchbarkeit hin überprüft werden.“ (S. 25) So passt es auch, dass sich der hiesige Neonazismus auch musikalisch weiter ausdifferenziert, was am Beispiel von NSHC (National Socialist Hardcore) im Folgekapitel von Jan Raabe untersucht wird.

Einen äußerst interessanten Beitrag liefert David Begrich, der anhand der politischen Ästethik der Frage nachgeht, ob es sich beim fokussierten Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ um Kopie oder Entfremdung handelt – und damit mehr als die anderen Beiträge von der bloßen Beschreibungsebene in eine tiefere Analyse eintaucht. Anhand eines historischen Rückgriffs kommt er zu dem Zwischenergebnis, dass sich die „Autonomen Nationalisten“ - ähnlich wie die SA während der Weimarer Republik - bewusst an linker Ästethik orientieren, um provozieren, aber auch AnhängerInnen gewinnen zu können. Begrich gibt jedoch zu bedenken: „Dort wo die Aktionsform vor ihrer inhaltlichen Einbindung steht, wird sie sinnentleert und somit enteigenbar. Wo jedoch Inhalt und Form eine Deckungsgleichheit aufweisen, ist eine entwendende Übernahme durch Neonazis unmöglich.“ (S. 36) In diesem Zusammenhang kritisiert er auch Kampfbünde wie das Reichsbanner, die durch Revierkämpfe und die Inszenierung von Uniformität, Militanz und Männlichkeit zum Selbstzweck einen militaristischen Weg einschlugen und dadurch keine alternativen Formen zur faschistischen Vergemeinschaftung darstellten.

Nach diesem streitbaren Kapitel beleuchten Jürgen Peters und Tomas Sager die Diskussion um die „Autonomen Nationalisten“ innerhalb der rechten Szene, wo einerseits „Bürgernähe“ rund um den Flügel um Holger Apfel innerhalb der NPD gefordert wird und andererseits ein „radikaler“ Flügel auf Straßenkampf setzt. Schließlich blickt Joahnnes Lohmann auf die „Autonomen Nationalisten Pulheim“, an denen exemplarisch dargestellt wird, dass es solcherlei Gruppierungen in Kleinstädten eher schwer haben, sich langfristig zu etablieren. Als Gründe nennt er unter anderem mangelnde Rückzugsräume und Anonymität in dörflichen Strukturen, zunehmende Integration ins Berufsleben sowie Zerfall der Gruppe nach Wegzug einiger Aktiver. Probleme, mit denen nicht nur politisch aktive Neonazis konfrontiert sein dürften.

Im Schlusswort bilanzieren die Herausgeber, dass „Autonome Nationalisten“ zwar wandelnde Widersprüche seien, „die das Jetzt bekämpfen wollen und es gleichzeitig freudig leben, die in ihrem Tatendrang Phrasen dreschen, aber wenig Theorie entwickeln und auf die Linke fixiert sind.“ (S. 58) Jedoch hätten sie Bewegung in den jugendkulturell geprägten Neonazismus gebracht, schien die Braunhemd- und Skinhead-Ästethik doch ihre Anziehungskraft längst verloren zu haben.

Den sieben – ausschießlich männlichen – Autoren gelingt es überaschenderweise tatsächlich, kurz und knapp ein für den Buchumfang erstaunlich umfassendes Bild zu den Entwicklungen in Deutschland zu zeichnen. Die Perspektive in anderen Ländern wird dabei jedoch weitgehend außer Acht gelassen. Trotzdem eine lesenwerte Lektüre zur Einführung in die Thematik!

RezensentIn: Sebastian Friedrich

Erschienen bei Unrast Verlag 2009, 7,80 Euro. Sie können dieses Buch bei Amazon bestellen.


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