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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Jean-Luc Nancy:

Wahrheit der Demokratie

Die Wahrheit der Demokratie ist diese: Sie ist – im Gegensatz zu dem, was sie für die Alten war – keine politische Form unter anderen. Sie ist gar keine politische Form, oder aber und zumindest ist sie nicht vor allem eine politische Form.


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Für Jacques Derrida ist er schlicht und ergreifend der größte zeitgenössische Denker des Berührens, dem er einen ganzen Band seines beträchtlichen Werkes widmete und dessen Name schon den Titel ziert (Derrida, Berühren, Jean – Luc Nancy. Berlin 2007). Nancys Corpus (Berlin 2003), also nicht sein eigener leibhaftiger, eher eine vorsichtige Annäherung an eine Körperphilosophie, welche in zahlreiche Sprachen übersetzt und zum Teil leidenschaftlich diskutiert wurde. Die Regisseurin Sofia Coppola dürfte sich für ihren Film The Virgin Suicides (USA 1999, deutsch: Das Geheimnis ihres Todes) von ihm inspiriert haben lassen, die Filmmusik des französischen Duos Air gibt den Szenen zum Teil eine groteske Stimmung. Das Buch von Nancy singulär plural sein (Berlin 2004) schließt dagegen einen fehlenden Link der Dekonstruktivisten, falls es diese gibt (neben Derrida, Philippe Lacoue-Labarthe wurde immer wieder Nancy mit ihnen in Verbindung gebracht). Dieser entwickelt das Denken der Differenz (sexueller, ethnischer, kultureller etc.) hin zur Gemeinschaft, des gemeinsamen bzw. des In-Gemeinschaft-Sein, was er aber ausdrücklich außerhalb der Arbeitswelt angesiedelt haben möchte. Nun also eine aktuellere Arbeit des Strasbourger Philosophen über die Wahrheit der Demokratie, welche die 1968er-Bewegung thematisiert.

Zunächst greift er die schlechten Debatten zum vierzigsten Jahrestag in Frankreich auf, in denen auch vom amtierenden Staatspräsidenten von Sittenverfall und moralischem Relativismus schwadroniert wurde. Es gebe keinen Grund von einem „Erbe“ von 68 zu sprechen, sein Geist wäre immer noch agil und abenteuerlustig. „Es gibt kein Erbe, es gab keinen Todesfall. Der Geist hat nicht aufgehört zu wehen“ (S. 16). Es gibt also auch nichts auszuschlagen. Die damalige Zeit des Kalten Krieges habe nicht gemerkt, wie sie unmerklich gegen sich selbst in Rückstand geriet, die drückende Stimmung in Deutschland der sechziger Jahre (in der z.B. Frauen bis in die 1970er Jahre hinein ohne Zustimmung des Ehegatten weder ein Konto eröffnen, noch berufstätig sein konnten), die Rückständigkeiten in Frankreich, die Verbissenheit der USA in Vietnam u.s.w., all diese Faktoren wollten nicht wahrhaben, dass neue politische Formen erprobt wurden - Räte oder Selbstverwaltungen, direkte Demokratien und Teilhabe. Wörter wie Kommunismus oder Sozialismus hätten nicht zufällig, abgesehen von manchen Verdrehungen denen sie unterworfen waren, den Anspruch genährt, den die Demokratie nicht mehr erfüllen konnte. Nun nähert sich der Philosoph, wohl bewusst konträr zu KollegInnen seines Berufstandes, der Politik. „Alles ist politisch“, die Maxime der 1968er hält er allerdings für eine neotheologische Floskel, wir bräuchten also Pascal, Rousseau mit Marx. Warum? Weil die Demokratien heute mehr den je durch Plutokratien, Technokratien und Mafiokratien bedroht seien. „Die Demokratie fordert tatsächlich eine Revolution, nämlich die Basis der Politik selbst umzudrehen. Sie muss sie der Abwesenheit einer Grundlage aussetzen. Doch sie erlaubt damit nicht, dass die Revolution bis zur vorausgesetzten Grundlage zurückkehrt. Eine Revolution in der Schwebe also“ (S. 81). Es seien gerade in letzter Zeit verschiedene Möglichkeiten eines solchen Denkens erprobt worden, des fortwährenden Kleinkrieges gegen den Staat im Gegensatz zur Machtübernahme durch einen Umsturz, die „permanente Revolution“, die der Autor richtig findet. Er nennt sie zwar nicht ausdrücklich, aber man müsste blind und taub sein, wenn einem da nicht verschiedenen Bewegungen in Lateinamerika und anderswo in den Sinn kommen würden. Der Text ist eine Aufforderung die Demokratien daran zu messen, was sie vorgeben zu sein, dann weiterzugehen um mehr partizipative Demokratie zu ringen, ohne dabei stehen zu bleiben und auch Bereiche wie Kunst, Malerei und Film mit einzubeziehen. Diese Bereiche politisch neu zu denken seien eine politische Notwendigkeit.

Ein Text der Mut machen möchte es zu probieren, noch einmal zu versuchen, vielleicht das furiose kommunistisch-libertäre Manifest unserer Tage!

RezensentIn: Adi Quarti

Erschienen bei Passagen Verlag 2009, 12,90 Euro. Sie können dieses Buch bei Amazon bestellen.


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