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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Gisela Elsner:

Das Berührungsverbot

Der 1970 publizierte Roman zeichnet ein Sittengemälde eines Milieus, das alles dafür tut, sich vom "Plebs" und vom "Proleten" abzusetzen, um in größter Piefigkeit zu enden






In der BRD der 1960er Jahre herrschte Vollbeschäftigung und das Land brummte vor Prosperität. Dank kollektiver Amnesie war das "Tausendjährige Reich" völlig in der Versenkung verschwunden und die Ermordeten vermisste auch niemand. Störend waren allein intellektuelle Nörgler, die als "Nestbeschmutzer" oder gleich in "guter" Tradition als "Ratten und Schmeißfliegen" abgestempelt wurden. Das Geschäft mit "Made in Germany" lief gut, verhalf vielen Handwerkern und Kleingewerbetreibenden zum Attribut "neureich" und bot ihren Kindern die Chance zum ersehnten Aufstieg. Gisela Elsners 1970 publizierter Roman "Das Berührungsverbot" handelt von diesen Parvenüs, die glauben, in "ihren" Betrieben wichtig und unersetzbar zu sein.

Über Gisela Elsner wurden im Boulevardstil alle Anekdötchen über Kleidung, Make up und ihre Parteimitgliedschaft (DKP) ausgebreitet, nur um ihrer entlarvenden Kritik an einer obszönen bürgerlichen Gesellschaft aus dem Weg zu gehen. Auf die Frage, was ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte sei, hat Gisela Elsner 1984 im FAZ-Magazin schlicht einfach mit "Lenin" geantwortet. Als Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit nannte sie: "All die Frauen, die nicht bereit sind, sich mit Gegebenheiten abzufinden, nur weil sie gegeben sind."

Die Autorin, die sich in München der DKP angeschlossen hatte, kam über das Scheitern des real existierenden Sozialismus, die gleichzeitige Verramschung ihrer Werke und ihre deprimierende ökonomische Lage nicht hinweg. Am 13. Mai 1992 stürzte sie sich aus dem Fenster einer Münchner Klinik. Ihr Werk geriet in Vergessenheit. Oskar Roehler, der Sohn Gisela Elsners, machte 2000 ihr tragisches Ende zum Gegenstand seines hervorragenden Films "Die Unberührbare". Die Figur der Hanna Flanders, gespielt von Hannelore Elsner, orientierte sich fast 1:1 am Leben der Autorin und erzielte ein starkes Medienecho. Allerdings blieb dem größten Teil des Publikums das Werk der begabten Schriftstellerin weiterhin unbekannt.

1987 war "Das Berührungsverbot" noch einmal als rororo-Taschenbuch erschienen, um dann für viele Jahre in der Versenkung zu verschwinden. Dem kleinen Berliner Verbrecher Verlag kommt der große Verdienst zu, nach und nach die Romane wieder verfügbar zu machen. Nach "Die Zähmung" (2002) veröffentlichte er jetzt den hier besprochenen Roman.

Anhand mehrerer Ehepaare und Familien, den Dittchens, Keitels, Hinrichs und den Stiefs, zeichnet Elsner in "Das Berührungsverbot" ein Sittengemälde eines Milieus, das alles dafür tut, sich vom "Plebs" und vom "Proleten" abzusetzen, um in größter Piefigkeit zu enden. Mit dem Sezierbesteck legt sie genüsslich die Herrschaftsstruktur hinter der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit frei. Sie zeigt Menschen, die nur von sozialem Aufstieg, Repräsentanz und Reichtum beseelt sind und ein leeres Leben führen.

Von den Eltern gegängelt und belächelt, in ihren Ehen gelangweilt und genervt, geben sie sich einem neuen Kick hin: der Sexualität. Die eheliche Sexualpraktik sieht bei den einzelnen Paaren eher düster aus. Genervt registriert die Ehefrau Keitels, dass mal wieder eheliche Pflichterfüllung angesagt ist. Eine Gummiunterlage wird untergelegt, die Frau schiebt ihr Nachthemd hoch, befeuchtet ihre Vagina, damit der Mann mit halber Erektion sein Glied in ihr platzieren kann. Der Vorgang an sich wird von Gisela Elsner als technisches und mechanisches Problem geschildert, weil keinerlei Gefühle und Leidenschaft existieren, die in Sexualität ihren Ausdruck finden könnten. Das Eheleben ist nur noch ein sich gegenseitiges Beargwöhnen.

Auf Hauspartys kommt es in spießigem Interieur zur Affektentladung. Bei völliger Dunkelheit lassen die vier Ehepaare Kleider und Hemmungen fallen und verlieren noch das letzte bisschen Würde. Die Jagd beginnt. Im Schutz der Dunkelheit begibt sich eine Horde Männer auf die Suche nach Triebbefriedigung. Hände landen klatschend auf nackter Haut, tasten die Körper ab, um ja auszuschließen, dass man es mit dem eigenen Ehepartner zu tun hat. Was ein Teil der Studentenbewegung kurze Zeit als befreite Sexualität zu praktizieren versuchte, wird hier vollends zur Farce.

Elsner führt hier die angebliche sexuelle Befreiung vollends ad absurdum. Denn in einer gesellschaftlichen Struktur, die auf der Ausbeutung des Menschen basiert, ist auch die Sexualität nichts anderes als die Reproduktion von Macht und Hierarchie. Interessanterweise sind in ihren Romanen Frauen wie Männer gleichfalls Opfer und Täter, weshalb Frauenbewegung und Autorin sich nicht füreinander erwärmen konnten. Elsner schildert dies alles in harten, detailgenauen und verschachtelten Sätzen. Erotik will hier nicht aufkommen. Die Körper sind aufgeschwemmt und unansehnlich. Brüste, vom Stillen in Mitleidenschaft gezogen, rutschen schlaff aus dem Korsett.

Das von Gisela Elsner aufgezeichnete Leben ist trostloser kaum vorstellbar. Die Männer sind in der Firma in gegenseitiger Konkurrenz verfangen, wirkliche Freunde kann man sie nicht nennen. Die hierarchische Struktur findet ihren Ausdruck in Inszenierungen. Für jede Klasse eine eigene Kantine und die Parvenüs sind stolz darauf, in der Kantine der höheren Angestellten speisen zu dürfen. Um vor der Abteilung die eigene Beliebtheit zu demonstrieren, organisiert Dittchen jedes Jahr zu seinem Geburtstag die Geschenke selbst, um sie dann mit gespielter Bewunderung auszupacken. Die Inszenierung als Selbstbetrug.

Trostloser ist Leben kaum vorstellbar

Haben die Männer im Betrieb ausgedient und sind pensioniert wie Keitels Vater, verweichlichen sie und nähern sich der traditionellen Frauenrolle an. Keitels Vater terrorisiert seine Umgebung, wenn er in Schürze bekleidet und mit Staubtuch bewaffnet hinter jeder Person im Haus herläuft und deren Spuren beseitigt. Die bizarre Drastik der Schilderung hat eine humoristische Seite, die zu befreiendem Lachen Anlass bietet.

(Diese Rezension ist zuerst erschienen in: ak - zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 512 / 15.12.2006. Wir danken dem Autor und der ak-Redaktion für die Erlaubnis zur Übernahme des Textes.)

RezensentIn: Matthias Reichelt

Erschienen bei Verbrecher Verlag 2006, 13,00 Euro.


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