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Büchertipps / Rezensionen



Titelbild
Jacques Lacan:

Namen-des-Vaters

"Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale"- drei Grundbegriffe Lacans in einem frühen Aufsatz, von ihm selbst erläutert




Jacques Lacan kann mit Fug und Recht als der Psychoanalytiker bezeichnet werden, der bis heute den französischen philosophischen Text am stärksten von Grunde auf erschüttert. Er war mit Maurice Merleau-Ponty eng befreundet, kein geringerer als der marxistische Philosoph Louis Althusser ermöglichte ihm nach Entzug der Lehrerlaubnis wegen seiner unkonventionellen Methoden, in der Rue d’Ulm an der Ecole normale supérieure weiterzumachen. In den ´30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehörte er neben Georges Bataille (mit dessen Frau er ein Kind hat) dem surrealistischen Spektrum an. Einer seiner Grundgedanken, das „das Unbewußte strukturiert sei wie eine Sprache“, die es nach belieben zu interpretieren gelte, ist inzwischen eine analytische Binsenweisheit.

Der Verlag Turia+Kant hat nun ein kleines Bändchen verlegt (dessen Gesamtwerk sich auf ungefähr zwanzig Bände beläuft), was Lacan zu Lebzeiten wohl kaum geduldet hätte, welches allerdings eine kleine Sensation enthält: Die „Einführung in die Namen-des-Vaters“ war bisher noch nicht veröffentlicht und ist das Abschlußseminar anläßlich seiner Exkommunikation als Lehranalytiker. Der andere Vortrag, „Das Symbolische, das Imaginäre und das Reale“, umreißt in brillanter Art die Bedeutung der Sprache in der Psychoanalyse, ausgehend von Saussures Erkenntnis, nach der „das Subjekt seine Welt halluziniert“. Zwischen diesen Seminare liegen zehn Jahre. Nicht nur das die Symbolik bei verschiedenen Neurosen eine wichtige Rolle spielt, auch in Freuds berühmten Widerstände ist sie am Werk, jene die Analyse störende rätselhafte Abwehrhaltung des Analysanten, der mit verwirrender Symbolik versucht den Analytiker in sein Spiel hinein zu ziehen. In Wahrheit seinen diese Termini, so Lacan, „nur Annäherungen“. Auch Derrida hat, sehr viel später allerdings, die Widerstände mit der Résistance verglichen, der gegen die Nazis, und sich dagegen verwehrt sie von vornherein negativ zu determinieren, gerade in der Analyse. Lacan geht anders vor, so absurd es sich für manche anhören wird, er fasst das alles in eine mathematische Formel, die sich aus der Ausgangsposition des Analytikers, Imagination und Bild, Widerstand und negative Übertragung, Imagination und Symbolisierung des Bildes und des Symbols. Zusammen mit der berühmten wohlwollenden Neutralität des Analytikers würde die „negative Übertragung zerschellen , und das erlaubt ihm, die Analyse sicher in den Hafen zu bringen. All das ist ein wenig schnell gesagt worden“. Ach ja?

„Einführung in die Namen-des-Vaters“ wirkt dagegen fast gehetzt, warum dieser Plural, ist ein Vater nicht genug? Warum dieser Höllenterminus der Angst, des Begehren und was hat es mit dem heiligen Augustinus und dem brennenden Dornbusch, sowie all die anderen alttestamentarischen Metaphern auf sich? Die schließlich in einer heftigen Attake gegen J.P. Pontalis eskaliert, damals Mitglied des Redaktionskomitees der Zeitschrift von Jean-Paul Sartre (Les Temps Modernes). Einer jener Fehlleistungen, von welchen Freud in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens“ sprach? Wie auch immer, die Feinheit seines philosophischen Stils, seine schillernde Persönlichkeit machen ihn auch heute noch aktuell. Seine Ecken und Kanten sind in einem Buch einer seiner Töchter festgehalten, Sibylle Lacan: „Ein Vater“ (Frankfurt am Main 2001). Lest Lacan!

RezensentIn: Adi Quarti

Erschienen bei Verlag Turia+Kant, Wien 2006, 15,00 Euro.


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